Unterhaltsam: Jon Irabagon am Sopranino-Sax im Bunker Ulmenwall. Foto: RAINER SCHMIDT - © Rainer Schmidt, 2017
Unterhaltsam: Jon Irabagon am Sopranino-Sax im Bunker Ulmenwall. Foto: RAINER SCHMIDT | © Rainer Schmidt, 2017

Kultur Sax-Appeal im Bunker Ulmenwall

Doppelkonzert: Jon Irabagon und Andreas Kaling zeigen in Bielefeld lautstark deutsch-amerikanische Freundschaft

Rainer Schmidt

Ein Klang wie von einer schlecht geölten Tür, die langsam ins Schloss fällt. Auweia, im letzten Moment kommt noch ein Stück Katze dazwischen. Drumherum: karikierte indische Hochzeitsmusik in rasendem Tempo und die Warteschleife der Formel- 1-Tickethotline, komponiert von Philip Glass. Konsequent weitergedacht hat Jon Irabagon das, wofür er hierzulande bekannt ist. Angefangen mit „Mostly Other People Do The Killing“, wo der Chicagoer Saxophonist philippinischer Abstammung zusammen mit Trompeter Peter Evans das Gebläse für die energiegeladenste und unterhaltsamste Verwirbelung sämtlicher Auswüchse der Jazzgeschichte verkörpert, war Irabagon als Bandleader in reduzierter Besetzung, jedoch für den Hörer noch fordernder mit dem Freejazz-Veteranen Barry Altschul am Schlagzeug unterwegs. Nun also ganz allein. Und das auch noch mit dem Sopranino. Das kleinste Rohr der Saxophonfamilie ist sehr selten auf Bühnen anzutreffen, und das vielleicht zu Recht. Fällt doch schon das Sopran bei den meisten Spielern durch unangenehmes Plärren auf. Beim Sologig eines Holzbläsers sind heutzutage melodische Entwicklungen oder jazzmäßig elegante Phrasierungen abgesagt, in Anlehnung an die Techno-Ästhetik wird mit erweiterter Anblasweise Zirkularatmung und Klappengeräusch-Perkussion ein fortwährender Strom von Klangereignis veranstaltet. Trickreiche Dreifachmikrophonierung hilft dem Sax-Appeal fürs unvorbelastete Publikum auf die Sprünge. Doch es funktioniert auch unverstärkt. Dem Eventcharakter der Dröhnung könnte der unerschrockene Betrachter im Bunker nicht nur bei Irabagon nachspüren, sondern auch beim Beitrag von Andreas Kaling.Bevorzugt am anderen Ende des Saxophon-Spektrums Der Bielefelder Musiker tummelt sich bevorzugt am anderen Ende des Spektrums der Saxophone, beweist beim Klangschleifenerzeugen fein abgestufte Dynamik, wobei sein Basssax den tiefen Growl abgibt, den man so schätzt. Und der beim Sopranino anschließend zum Gräuelchen wird. Da muss man durch, das ist Dramaturgie. Denn das eigentliche Spektakel folgt, als die beiden Extremisten aufeinander losgelassen werden. Die Bezeichnung „Welturaufführung“ hat Chef vom Dienst Frank Ay allerdings mit einem Sternchen versehen müssen, denn die beiden Helden des Rohrblattes hatten ihr Programm schon am Vorabend irgendwo in Sachsen aufgeführt. Ein Bonus fürs Bunker-Publikum: Sie sind schon richtig warm miteinander geworden, was ihr frisch improvisiertes Duett zum Vorschein brachte, in dem sie mit Leidenschaft ihre Energien bündeln konnten.

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