Kultur Tedeschi Trucks Band - die beste Band der Welt

Die Doppel-CD „Live from the Fox Oakland“ plus Konzertfilm dokumentiert die phänomenale Klasse des Rock-Orchesters

Thomas Klingebiel

Bielefeld. Wenn es um Musik für die berühmte „einsame Insel" geht, ist diese Band seit längerem ein Top-Kandidat. Schon allein, weil sie mit Rock, Blues, Soul, Gospel, Funk und Jazz so viele Genres auf einmal abdeckt, und das mit überwältigender Musikalität. Dazu ist Gitarrist Derek Trucks, der seine Band vor sieben Jahren mit der seiner Frau Susan Tedeschi zur zwölfköpfigen „Tedeschi Trucks Band" vereinte, so etwas wie der Jimi Hendrix unserer Tage. Nicht etwa, weil der Neffe des unlängst gestorbenen „Allman Brothers"-Schlagzeugers Butch Trucks ähnlich klingen würde. Vielmehr hat der 37-Jährige Slide-Gitarrist das Ausdrucksspektrum der Rockgitarre wie Hendrix auf ein neues Level gehoben. Die atemberaubende Qualität des „Tedeschi Trucks"-Orchesters ist mustergültig auf dem gerade erschienenen Doppelalbum „Live from the Fox Oakland" dokumentiert. Dokumentation eines magischen Abends Live-Alben sind generell eher ein Indiz für Kreativpausen. Davon kann in diesem Fall keine Rede sein, auch wenn es schon das zweite der Band in fünf Jahren ist und sechs der 15 Songs vom letzten Studioalbum „Let Me Get By" stammen. Diese Band wiederholt sich nicht, sie wird nur immer besser. Das Konzert im kalifornischen Oakland, dessen Setlist auch eine Reihe sorgfältig ausgewählter Fremdkompositionen von Leonard Cohen bis Miles Davis umspannte, war offenbar ein magischer Abend, an dem die kreative Spannung nie nachließ. Die enorme stilistische und dynamische Flexibilität des Ensembles kommt bei dieser Aufnahme beeindruckend zur Geltung. Basis des sich ständig wandelnden Musikstroms sind die zwei Schlagzeuger, die bei Bedarf gewaltige Schubkraft entfachen, aber auch ein faszinierend vielstimmiges Groove-Geflecht anrühren können. Ebenso facettenreich der Bläsersatz, der zum Beispiel in „Right on Time" swingendes New-Orleans-Flair einbringt. Auf der beigefügten Konzert-DVD ist zu sehen, wie Derek Trucks die Rock-Big-Band unauffällig durch kurze Blicke und kleine Bewegungen dirigiert. Mal lässt er den Fluss zum brausenden Strom anschwellen, mal staut er ihn abrupt zum leisen, aber nicht minder spannenden Tröpfeln. Trucks’ Soli, ob mit Slide-Bar oder ohne, sind Höhepunkte, bleiben aber stets organischer Teil des musikalischen Ganzen. Der 37-Jährige aus Jacksonville, Florida, war einst Gitarren-Wunderkind. Heute ist er stilprägender Saiten-Künstler. Unverkennbar steht er auf den Schultern des Giganten Duane Allman, aber er hat längst seinen eigenen Ton gefunden, der dem Ausdruck der menschlichen Stimme oft frappierend gleicht. Trucks lässt die Gitarre wie kein anderer singen, schreien, flüstern. Indische Skalen (bei „These Walls" im Duett mit Sarode-Meister Alam Khan) und Blues-Pentatonik verwebt er zu einer Klangsprache von einzigartiger Intensität. Man höre nur die „Derek and the Dominos"-Coverversion von „Keep on Growing", das zweite Stück des Albums. Allein diese zehn Minuten sollten für einen Platz im Rock-Olymp reichen. Susan Tedeschi sorgt mit ihrem leidenschaftlichen Janis-Joplin-Timbre für vokale Gänsehautmomente, etwa in der gospelnden Fassung von Leonard Cohens „Bird on a Wire" oder Bobby „Blue" Blands R’n’B-Klassiker „I Pity the Fool". Auch Mike Mattison, vormals Sänger der „Derek Trucks Band", kommt erfreulicher Weise wieder häufiger zum Einsatz und setzt ebenfalls Glanzlichter. Fortsetzung von Joe Cockers„Mad Dogs"-Projekt Auf der Konzert-DVD, die in der Titelauswahl geringfügig von der CD abweicht und dafür mit sehenswertem „Behind the scenes"-Material aufwartet, befindet sich eine betörende Version von George Jones’ „Color of the Blues": nur Susan Tedeschis Gesang und ihre Gitarre plus Backgroundstimmen. Die Tedeschi Trucks Band schreibt in gewisser Weise die Geschichte der legendären Allman Brothers Band weiter, aber auch die des „Mad Dogs & Englishmen"-Großprojekts von Joe Cocker. Die „Bird on a Wire"-Version verweist explizit auf Cockers großen musikalischen Wurf, der 1970 nach kurzer Blüte in einer finanziellen Katastrophe endete. Derek Trucks und Susan Tedeschi halten ihre Big Band, zurzeit vielleicht die beste Band der Welt, nun schon seit sieben Jahren über Wasser, bringen sie auch für kostspielige Tourneen nach Europa. „Live from the Fox Oakland" gibt Anlass zur Hoffnung, dass dieses musikalische Abenteuer noch lange nicht zu Ende ist.

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