Ansteckendes Pathos: Blick auf Instrumentalisten und Chorsänger der Theodorakis-Aufführung in der ausverkauften Altstädter Nicolaikirche. FOTO: Barbara Franke - © Barbara Franke
Ansteckendes Pathos: Blick auf Instrumentalisten und Chorsänger der Theodorakis-Aufführung in der ausverkauften Altstädter Nicolaikirche. FOTO: Barbara Franke | © Barbara Franke

Kultur Theodorakis' "Canto General" hallt nach

Verdienstvolle Aufführung des griechischen Klassikers in der Altstädter Nicolaikirche

Johannes Vetter

Wie schön wäre es gewesen, den „Canto General“ mit der Musik von Mikis Theodorakis auf Texte von Pablo Neruda als museale Aufführung hören zu können, diese leidenschaftliche Liebeserklärung an die Lebendigkeit, die Kreativität und die Freiheit, in Spannung gesetzt durch Klage und Anklage gegen Kolonialismus, Unterdrückung und Ausbeutung. Das ansteckende Pathos dieses Oratoriums basiert letztlich auf dem Kampf zwischen Leben und Tod, zwischen Ja und Nein. Aber unglücklicherweise ist das Oratorium, das man als aktuelle Fortschreibung von Haydns „Schöpfung“ verstehen kann, keineswegs museal, sondern eine sehr präzise poetisch-musikalische Darstellung der heutigen Welt, in der der Mensch dem Menschen ein Wolf ist. Unter die Haut geht die in den 1970er Jahren entstandene Musik auch heute, und morgen wird es nicht anders sein. „Brake.kulturell“ hat den Canto nach Bielefeld in die Altstädter Nicolaikirche geholt, am Samstag vor ausverkauftem Gotteshaus dargeboten vom erweiterten Chor Bundschuh aus Oldenburg, der Altistin Annekatrin Kupke, Mitbegründerin und Vorsitzende des Vereins Kantorka, dem Bariton Caio Monteiro vom Bielefelder Theater und einem guten Dutzend Instrumentalisten, eingeschworen auf die Farbe griechischer Volksmusik. Robert Brüll, ehemaliger Flötist im Staatsorchester Oldenburg, dirigierte die enthusiastisch gefeierte Aufführung. Helene Grass rezitierte die im spanischen Original gesungenen Texte in deutscher Übersetzung. Ihre modulationsreiche Stimme und die jähen Stimmungswechsel ihrer Darbietung nährten sich aus der engen Beziehung von Lebenslust und Widerstand.Chor zeigte erneut seine gut studierte Klasse Sieben Sätze aus dem mehrfach geänderten Libretto kamen zur Aufführung. Mitreißend realisiert die Eröffnung – Algunas bestias (Einige Tiere): „Und in den Tiefen des großen Wassers ruht. . . die gigantische Anaconda. . . alles verschlingend und fromm.“ „Voy a vivir“ (Ich werde leben) litt ein wenig unter Intonationsschwächen vor allem im Alt, während in „La united fruit Co.“ der Chor erneut seine gut studierte Klasse zeigte. Höhepunkt war zweifellos „America insurrecta“ (aufständisches Amerika), erhabener Beginn, ein furioser Mittelteil, in dem sich Bariton und Chor gegenseitig antrieben, doppelt erhaben der Schluss – Gänsehautatmosphäre Caio Monteiro, der gewiss noch nicht viele Cantos gesungen hat, erwies sich als profunder Interpret der von mitreißenden griechischen Tanzrhythmen inspirierten Musik. Annekatrin Kupke ist der Canto längst in den Reflexhaushalt eingegangen. Ihre in der Tiefe durchaus erotische Stimmfärbung und die unbedingte Leidenschaft ihrer Darbietung verband sich glänzend mit Nerudas elektrisierendem Pathos. Der Chor sang voller Inbrunst und Engagement, ausgesprochen sattelfest in den rasanten Taktwechseln, die einen mitteleuropäischen Chorsänger schon mal aus der Bahn werfen könnte. Eine hoch verdienstvolle Aufführung, die noch lange nachhallen wird und den zahlreich erschienenen Alt-Achtundsechzigern – der Rezensent zählt sich dazu – das müde Herz erwärmte. „Heute wirst du aufrütteln die Tore. . . mit zornigem Werkzeug bewehrt unter den Lumpen“, heißt es im Finale, gemünzt auf das Amerika um 1800. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

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