Kai Wingenfelder ist Sänger und Frontmann der Band Fury in the Slaughterhouse. - © Imago
Kai Wingenfelder ist Sänger und Frontmann der Band Fury in the Slaughterhouse. | © Imago

Kopf der Woche Warum Fury in the Slaughterhouse doch wieder auftritt

Mit welchen Schwierigkeiten die Band zu kämpfen hatte, erklärt Sänger und Frontmann Kai Wingenfelder im Interview

Lennart Krause

Kai Wingenfelder ist Musiker durch und durch. Seine größten Erfolge feierte der Hannoveraner gemeinsam mit seinem Bruder in der Band „Fury in the Slaughterhouse". Mit Hits wie „Time to Wonder" und „Radio Orchid" war die sechsköpfige Gruppe auch im Ausland erfolgreich. 2008 löste sich die Band auf. Wie es dazu kam, mit welchen Problemen Wingenfelder und Co. zu kämpfen hatten, und warum es jetzt zu einer auf ein Jahr begrenzten Comeback-Tour kommt, erklärt er im Interview. Herr Wingenfelder, Fury in the Slaughterhouse sind zurück. Aber nicht so richtig. Was ist los? Kai Wingenfelder: Ich würde mal sagen, wir sind befristet zurück. Für ein Jahr spielen wir wieder zusammen, um unsere 30-Jahre-Party zu feiern. Und am 31.12. fällt dann die Klappe und dann war es das erstmal wieder mit uns. Sind die Verkaufszahlen für die Konzerte nicht gut genug, oder warum machen Sie dann nicht weiter? Wingenfelder: Die Verkaufszahlen sind total super, wir sind happy ohne Ende. Aber ganz ehrlich: Wir wollen einfach nicht mehr. Dieses ewige Comeback-Gedudel, das macht doch jeder Seppel. Da haben wir keine Lust zu. Es hatte ja schließlich auch einen Grund, warum wir uns getrennt haben. Verraten Sie ihn? Wingenfelder: Klar, wir sind einfach mit bestimmten Sachen nicht mehr klargekommen, die dieses Geschäft von uns verlangt hat. Wir hatten keine Lust darauf, da es uns mit der Zeit die Freundschaft genommen hat. Das wollten wir nicht mehr. Und diese Angst hatten wir jetzt auch, als wir im Studio waren. Wir hätten von den Ideen her locker ein neues Album schreiben können, Material haben wir genug. Aber dann würden wir wieder in diese gleiche Mühle kommen. Und einige Jungs bei uns in der Kapelle fühlen sich damit nicht wohl. Sie müssten Dinge tun, die sie nicht tun wollen. Also stehen Ihnen Ihre Bandkollegen im Weg? Wingenfelder: Nein! Ich akzeptiere das komplett. Weil ich die Leute total gerne mag. Und wenn die auf bestimmte Dinge keinen Bock haben, dann müssen sie die auch nicht tun! Aber deshalb sollten wir ein langfristiges Comeback auch nicht probieren. Wir würden wieder in diese Mechanismen gezwängt werden und in sie zurückverfallen. Und dann wäre irgendwann alles kaputt. Genau das aber wollen wir vermeiden. Denn wir haben auch aufgehört, damit wir das, was wir jetzt machen, überhaupt mal machen können. Das klingt etwas kompliziert . . . Wingenfelder: Na, wir sind jetzt wieder viel mehr miteinander befreundet, als wir es zum Ende unserer musikalischen und geschäftlichen Beziehung waren. Jetzt sind wir wieder das, was wir waren, als wir angefangen haben Fury zu machen. Es gibt da wieder so einen Respekt zwischen uns und man mag sich einfach wieder total gerne. Und das finde sehr wichtig und sehr schön. Darum machen wir das bis zum 31.12. und dann ist gut. Was aber sind denn genau die Schattenseiten des Geschäftes? Interviews führen zu müssen? Oder überall auf der Straße erkannt zu werden? Wingenfelder: Also das mit den Interviews ist eigentlich gar nicht so schlimm. Das hängt allerdings immer von den Leuten ab, mit denen man das macht. Es gibt Leute, mit denen ist das cool, die stellen interessante Fragen. Aber anderen merkt man an, dass sie sich null vorbereitet haben. Das finde ich dann respektlos. Ich gehe auch nicht ohne Proben auf die Bühne. Solche Interviews nerven dann. Aber das ist nicht das eigentliche Problem. Sondern?
 Wingenfelder: Die Erwartungshaltungen sind es. Für Plattenfirmen bist du heutzutage ein Produkt, das muss man einfach so sehen. Das ist aber etwas, was nicht jeder so gerne möchte. Bei uns ist das jedenfalls so. Ich für mich hab da zwar irgendwie meinen Frieden mit gemacht, aber seit dem Ende von Fury sind wir alle unserer Wege gegangen und jeder hat für sich herausgefunden, wie er Musik machen will. Und keiner hat einen großen Plattendeal abgeschlossen, keiner von uns wollte das. Mein Bruder und ich haben uns jetzt ein Management besorgt, weil wir das irgendwie nett finden. Das sind die Jungs von Wacken, die sind cool. Für das Album, das 2018 kommt, haben wir jetzt den ersten Deal mal wieder unterschrieben. Woher kommt der Sinneswandel? Wingenfelder: Das ist kein Sinneswandel. Das musste jetzt sein, weil wir eine Stufe höher gehen wollen mit unserer Musik. Und da können und wollen wir in manchen Bereichen weniger selber machen. Aber mein Bruder und ich kommen damit ganz gut klar, das geht. Aber Fury sind halt sechs Personen, und wenn wir zusammen Spaß haben wollen, dann muss auch jeder berücksichtigt werden, sonst funktioniert das nicht mit einer Band. Und Musik sollte sich vermutlich mehr nach Spaß als nach Arbeit anfühlen . . . Wingenfelder: Nee, wir sind uns darüber im Klaren, das Musikmachen Arbeit ist. Das ist ein Handwerksberuf, den wir hier ausüben, das ist einfach so. Wenn man das ernsthaft betrachtet, trifft das auf jede gute Band zu. Die müssen immer viel proben und hart arbeiten, um Erfolg zu haben. Und das finde ich auch in Ordnung. Aber natürlich haben Sie auch recht. Musik ist das, was wir am meisten mögen. Das ist wirklich unser Leben. Seit 30 Jahren sind wir Profis und leben von unserer Musik. Das ist ein echtes Geschenk! Wenn man mit dem, was man liebt, sein Geld verdient, dann hat man schon echt Schwein gehabt! Aber dafür muss man eben auch was leisten! Ihre Band steht für handgemachte Musik mit persönlichen Texten. Bei vielen Charthits heute hat man das Gefühl, dass sie eher auf reinen Erfolg ausgelegt sind, oder? Wingenfelder: Das Gefühl täuscht nicht. Uns geht das auch so. Vieles klingt heute irgendwie zu gleich. Die Giesingers und Co., alles, was da aus dieser Ecke kommt, da kann ich die Unterschiede nicht mehr feststellen. Das ist schade. Das ist ein bisschen so, als würden Mumford&Sons auf den Markt kommen und alle sagen „Die sind toll". Dann sagt eine Plattenfirma: „Mensch, wir brauchen sowas wie Mumford&Sons, aber auf Deutsch". Und dann wird das produziert. Die einzigen Vernünftigen sind dann Mumford&Sons, weil die einfach alles neu gemacht haben. Die schmeißen ihr Image weg und machen eine ganz andere Platte. Das finde ich total gut. Aber ist es nicht schwierig als Band zu sagen, wir erfinden uns immer wieder neu, statt den einfacheren Weg zu gehen und nach einem erfolgreichen Album den Stil einfach beizubehalten? Wingenfelder: Musiker sind Künstler. Die wollen nicht stehenbleiben, darum finde ich es schon cool, wenn man sich immer weiterentwickelt. Um uns herum passieren wahnsinnig viele Dinge, und die schnappt man sich und schreibt Songs drüber. Trotzdem finde ich auch ganz gut, wenn man seinem Grundstil treu bleibt. Also wenn eine Band für etwas steht, sollte sie das beibehalten. Gibt es Songs von Fury, die Sie nerven? Wingenfelder: Nein, gibt es nicht. Selbst bei „Time to Wonder" hab ich das Gefühl nicht, auch wenn man den dreimal am Tag im Radio hören kann und er 20 Jahre alt ist. Mir geht es eher so, dass ich stolz bin, es mitgeschrieben zu haben. Und bei Konzerten macht es Spaß den Song zu spielen, weil sich die Leute so sehr freuen ihn zu hören. Das macht mich sehr glücklich. Gefreut haben sich viele Hannoveraner, Ihre ersten Comeback-Konzerte in der Heimat waren ausverkauft. Haben Sie damit nach all den Jahren gerechnet? Wingenfelder: Wir waren ziemlich überrascht, wie gut das lief. Wir hatten ja 2013 schon mal in Hannover auf der Expo-Plaza gespielt, das hat aber damals vier Monate gedauert, bis das ausverkauft war. Und dann kam Anfang 2016. Wir hatten wohl damit gerechnet, in der Tui-Arena ein ausverkauftes Konzert zu spielen. Gehofft haben wir auf zwei. Und dann waren die binnen zwei Tagen ausverkauft, da waren wir echt baff. Und dabei ist die Idee entstanden, weitere Konzerte in Arenen in Deutschland zu spielen? 
Wingenfelder: Genau. Der Wingenfelder-Manager fragte, ob er uns etwas unterstützen solle. Da haben wir gesagt: Klar. Daraufhin hat er alle Jungs aus der Band mal kennengelernt und die fanden das alle ganz spannend. Der hat dann eine Sondierung gemacht und gesagt: Wenn ihr irgendwann noch mal zusammen spielen wollt, dann macht es jetzt. Spielt im Sommer ein paar schöne Festivals und feiert euch und eure 30 Jahre. Und wer hätte das gedacht: Das funktioniert sogar, die Leute wollen uns sehen. Hilft das Wissen um das gemeinsame Ende am Jahresende auch, die Shows richtig genießen zu können? Wingenfelder: Auf jeden Fall! Man muss sich nicht Gedanken um das Danach machen. Wir müssen uns nicht nerven, müssen uns im Studio nicht über irgendwas streiten. Wir können einfach Geburtstag feiern. Wir kennen das Set, wir wissen wie die Bühne aussehen soll, das ist alles cool. Wir haben gerade echt gute Laune, der Band geht’s gut. Und das war zwischendrin nicht so. Wir mussten uns teilweise echt zusammenreißen. Aber warum? Das lockere Leben mit einer Band auf Tour, das ist doch das, wovon ganz viele Menschen träumen. Wingenfelder: Klar, viele Leute denken, so ein Leben wäre immer nur Honigschlecken. Ist es aber nicht. Ich zumindest finde das Leben manchmal ganz schön schwierig. Ich hatte Depressionen, ich hab in Hotelzimmern gesessen und wollte keine Interviews mehr geben, weil ich mich nicht rausgetraut habe. Man wird von Kritikern zerrissen auf teils oberflächlichstem Niveau. Das frustriert einen dann auch. Mit der psychischen Belastung umzugehen ist sauschwer. Und das würde auch sehr vielen sehr schwer fallen, die meinen, Popstar spielen macht Spaß. Ist es wirklich so schlimm? Wingenfelder: Ich will hier eigentlich nicht rumjammern. Aber es gibt eben die Schattenseite, an die man sich gewöhnen muss, an die ich mich aber teilweise nicht gewöhnen kann. Ich bin etwa seit einem Monat von meinen Kindern weg, die würde ich gerne mal wiedersehen. Meiner Tochter ging es nicht gut und ich kann nicht da sein, weil ich hier proben muss. Das sind dann so Sachen. Oder aber man ist als Musiker ja auch selbstständig. Und wenn die Platte nicht läuft, dann fragst du dich, wovon du nächste Woche deine Kekse bezahlst...

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