Die britische Rockband The Rolling Stones mit ihren Mitgliedern Mick Jagger (M), Keith Richards (r), Ronnie Wood (l) und Charlie Watts, hier bei einem Konzert in Wien im Jahr 2014. - © dpa
Die britische Rockband The Rolling Stones mit ihren Mitgliedern Mick Jagger (M), Keith Richards (r), Ronnie Wood (l) und Charlie Watts, hier bei einem Konzert in Wien im Jahr 2014. | © dpa

Kultur Die Rolling Stones haben den Blues

„Blue & Lonesome“: Die britischen Rock-Opas überraschen mit einem energiegeladenen, archaisch rumpelnden Alterswerk. Ein Kreis schließt sich

Thomas Klingebiel

Bielefeld. Keith Richards hat es immer gewusst: „Einfach reingehen, loslegen und fertig." So beschreibt der Rolling-Stones-Gitarrist in seiner Autobiografie die nach seiner Ansicht perfekte Arbeitsweise im Studio. 1969 in Muscle Shoals hat sein Rezept bestens funktioniert: „Brown Sugar", „Wild Horses" und „You Gotta Move", drei Tracks für die Ewigkeit, in drei Tagen auf Band verewigt. Auch für „Blue & Lonesome", dem heute erscheinenden neuen Album mit Blues-Coverversionen, nahmen sich die Rolling Stones nur drei Tage Zeit. Herausgekommen ist kein neues „Sticky Fingers", aber ein in jeder Hinsicht würdiges Alters-, wenn nicht Abschiedswerk. „Just Your Fool", der erste der insgesamt zwölf Titel, springt einen aus den Lautsprechern förmlich an. So energiegeladen, roh und lebendig hat man die Band ewig nicht gehört. Als wenn sich die alternden Rockstars zum Jammen in Mick Jaggers Garage getroffen hätten, oder jemand das Warmspielen backstage vor einem Konzert mitgeschnitten hätte. Tatsächlich sollen sich die Musiker in Mark Knopflers British Grove Studios in Chiswick in West-London im Kreis aufgestellt und alles live, ohne Overdubs, eingespielt haben. So hört es sich an: einfach losgelegt und fertig. Ursache dieser überraschenden Wiederbelebung ist die Rückkehr zum puren Blues, dem Elixier, das schon die Anfänge der Band in London befeuerte und seitdem immer in Reichweite blieb. Die Rolling Stones sind der lebende Beweis, dass auch musizierende weiße Millionäre authentischen Blues spielen können – weil sie ihn schon etwas länger haben. Zu Beginn der Sechziger sind sie eine reine Coverband. Sie machen im Grunde nichts anderes, als akribisch ihren Chicago-Blues-Helden nachzueifern: Muddy Waters, Little Walter, Jimmy Reed. Das tun sie nun auch auf „Blue & Lonesome" wieder, aber es ist natürlich nicht dasselbe. Damals waren ihre Idole vergleichsweise alt, inzwischen sind sie selbst viel älter. Wenn Mick Jagger (73), Keith Richards (72), Charlie Watts (75) und Ron Wood (69) heute die betagten Nummern spielen, tun sie das mit ganz anderem Selbstbewusstsein. Das macht den Reiz dieser Rückwendung zur Vor- und Frühgeschichte der Band aus. Klanglich ist das Album pure Nostalgie. Produzent Don Was hat die Hall-Kammern weit geöffnet. Kratzige Verzerrung kennzeichnet nicht nur die rustikalen Gitarrensounds, sondern streckenweise auch Jaggers Gesang. Schlagzeuger Charlie Watts und Bassist Darryl Jones verzahnen ihr Spiel zum unwiderstehlich schnörkellosen Puls. Keyboarder Chuck Leavell streut klimpernde Fills und gelegentlich sogar ein Pianosolo („All of Your Love") ein. Man fühlt sich in die gloriose Zeit des Chicagoer Chess-Labels zurückversetzt. All das wäre nichts wert ohne die Leidenschaft und den Elan der Band. Diesmal steckt mehr Stones im Blues als noch vor 50 Jahren. Keith Richards und Ron Wood haben in der scheinbar simplen, im Detail jedoch komplexen Kunst des Gitarren-Wechselspiels ein traumhaftes Verständnis entwickelt. Bei Howlin’ Wolfs finsterem Ein-Akkord-Monster „Committ a Crime" oder Jimmy Reeds trancehaftem „Little Rain" zeigen sie, wie man solche Übungen in Monotonie mit Magie auflädt. Eric Clapton, Blueskumpel aus frühen Londoner Clubzeiten, steuert als Gast zwei banddienliche, in ihrer Schmucklosigkeit an Selbstverleugnung grenzende Soli bei („Everybody Knows about My Good Thing", „I Can’t Quit You Baby"). Die prominenteste Rolle spielt aber Mick Jagger, dessen beachtliches Mundharmonika-Spiel allgegenwärtig ist. Als Sänger verzichtet er fast völlig auf seine berüchtigten Manierismen, drückt vielmehr unaffektiert aus, wovon etwa in Little Walters titelgebendem Moll-Blues „Blue and Lonesome" die Rede ist: Schmerz, Angst, Einsamkeit. Eine triste Angelegenheit ist diese Hommage dennoch nicht. Die knackigen Drei-bis-vier-Minuten-Nummern bieten hinsichtlich Tempi und Gefühlslagen genügend Abwechslung. Nicht jeder, nicht einmal jeder Stones-Fan, wird diese kompromisslose, archaisch rumpelnde Platte ins Herz schließen. Die lebenden Rock-Legenden haben sich an ihr Punker-Herz erinnert und führen zurück an die Quelle ihres Schaffens. Ein Kreis schließt sich. Sollte es ihr letztes Studioalbum sein, wäre es ein mutiger und ehrlicher Schlusspunkt.

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