Dank: Dirigent Hagen Enke, Chor und Orchester nehmen den langanhaltenden Applaus des Publikums entgegen. - © Foto: Dohna
Dank: Dirigent Hagen Enke, Chor und Orchester nehmen den langanhaltenden Applaus des Publikums entgegen. | © Foto: Dohna

Kultur Eine großartig pragmatische Marienvesper

Oetkerhalle: Der Oratorienchor Bielefeld führte unter der Leitung Hagen Enkes das größte geistliche Werk Claudio Monteverdis auf

Thomas Dohna

Bielefeld. Claudio Monteverdis Marienvesper ist eines der musikalischen Werke, die Musikfreunde gewöhnlich höchstens ein oder zwei Mal im Leben im Konzert hören. Der Oratorienchor Bielefeld führte das geistliche Werk jetzt in der Oetkerhalle auf, mit großem Erfolg. Die Zeit um 1600 war eine des Reichtums. Nicht unbedingt in der Breite der Bevölkerung. Die oberen Schichten hatten viel Geld zur Verfügung, das sie in Kunst und Kultur steckten. In der Musik ist das an der zunehmenden Stärke der Hof- und Kirchenkapellen abzulesen. Claudio Monteverdis „Vespro della Beata Vergine“ ist ebenfalls eines dieser überaus groß besetzten Werke. In ihm zeigt Monteverdi, was er kann und was die Musik um 1610 zu leisten vermag: instrumentale und vokale Doppel- und Mehrfachchöre, Solisten in vielfältigen Kombinationen, Madrigalisches, instrumentale und vokale Concerti. Keine zehn Jahre später versank Europa im 30-jährigen Krieg.Hagen Enke hat das Wagnis bestanden So ein Werk in einem Konzertsaal mit einem groß besetzten Oratorienchor und in der Hauptsache modernen Instrumenten aufzuführen, ist ein Wagnis. Hagen Enke hat es mit viel Einfallsreichtum bestanden. In der Zeit Monteverdis ist die Kirchenmusik nicht ohne die Architektur der Kirchen zu denken. Auf den Emporen ließen sich Chöre, Solisten- und Instrumentalgruppen platzieren. Der Effekt war und ist überwältigend, auch wegen des einkalkulierten Nachhalls der Kirchen. Die Oetkerhalle bietet demgegenüber nicht ganz so viele Möglichkeiten. Sie wirkte erstaunlich trocken. Enke wählte die klassische Konzertaufstellung: Chor und davor das Orchester. Die Solisten wechselten ihre Standorte mal zwischen Chor und Orchester, mal vor dem Orchester und auch auf den Emporen. Es war immer wieder Bewegung auf der Bühne. Die Lautenisten mussten des Öfteren auf die Zuschaueremporen wechseln. Was als störend hätte empfunden werden können, war es nicht, denn Enke zog die Aufmerksamkeit des Publikums ganz auf die intensiv gestaltete Musik Monteverdis. Die Sängerinnen und Sänger des Oratorienchors nahmen die für das übliche Chorrepertoire ungewöhnliche Musik präzise und aufmerksam an, genauso wie die Musikerinnen und Musiker der Bielefelder Philharmoniker. Hier hatte Enke pragmatische Lösungen gefunden: Sehr gute und farbig spielende Trompeter ersetzten die eigentlich geforderten Zinken. Er beließ es bei modernen Posaunen und Bläsern und führte sie alle zu einem ausgewogenen Klangbild zusammen. Sieben solistische Sängerinnen und Sänger erfordert das Werk im Minimum. Sie werden selten im klassischen Sinne allein eingesetzt, eher in Duetten oder wie in einem kleinen Chor. Etliche von ihnen singen in professionellen Chören und Ensembles, was zu dem geschlossenen Eindruck beitrug. Die Bielefelder Kinderkantorei (Einstudierung Ruth M. Seiler) setzte an drei Stellen die Farbe der Kinderstimmen hinzu und das Ensemble vox werdensis übernahm die Antiphonen. Am Ende stand eine durchgängig starke, spannende, farbige und überzeugende Ensembleleistung für ein mehr als 400 Jahre altes Werk, dessen Klanglichkeit mit den heute im üblichen Konzertbetrieb zur Verfügung stehenden Mitteln nur schwer vermittelt werden kann. Hagen Enke hat das geschafft. Das Publikum in der ausverkauften Halle dankte mit langanhaltendem Applaus.

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