Schwarz Ich lasse mich gern überraschen

Glotze einschalten, Kanäle durchzappen, Film gucken: So ging Fernsehen früher. Das ist dank Streamingdiensten wie Netflix, Sky, Amazon und Co. vorbei. Mittlerweile bestimmen nicht mehr die Sender unser Programm, sondern immer mehr wir selbst. Aber ist das wirklich so vorteilhaft? Ein Streitgespräch

Julia Gesemann

Abends, wenn andere immer vor der Flimmerkiste auf der Couch liegen, greife ich meistens lieber zum Buch. Doch manchmal habe ich dann doch Lust auf bewegte Bilder – und schalte den Fernseher ein. Ganz bewusst. Obwohl ich mich auch durch unsere Amazon-Online-Videothek wühlen könnte. Aber das will ich gar nicht. Denn deren große Auswahl an Filmen und Serien erschlägt mich förmlich. Da wird die Wahl zur Qual. Das TV-Programm nimmt mir diese Wahl etwas ab. Es gibt nicht immer das, was ich will. Es gibt das, was es gibt. Schön übersichtlich und chronologisch geordnet. Ich weiß, dass um 20 Uhr auf jeden Fall die Tagesschau läuft. Dass montags um 20.15 Uhr eine neue Episode meiner Lieblingsserie kommt. Und dass sonntags ab 20.15 Uhr eines der „Tatort"-Teams in einem neuen Fall ermittelt. Es sind feste Ankerpunkte, die Sicherheit geben, die ich gerne einplane, die gemeinsame Familienmomente schaffen – auf die ich mich einfach freue. Viel wichtiger finde ich aber: Fernsehen überrascht mich! Ganz zufällig habe ich schon viele (alte) Filmschätzchen gefunden! Einfach so. Beim Durchzappen packt’s mich und ich bleibe dran. Die interessante Doku über Skandinavien zum Beispiel hätte ich sonst wahrscheinlich nie gesehen. Und Fernsehen gibt mir Zeit. Zeit, um Folge für Folge Serien zu genießen. Ganz ohne pausenloses 
Binge Watching, stundenlang, in denen Zeit und Raum verschwimmen. Nein, die Zeit bis zur nächsten Episode gibt mir die Chance, die gesehenen Ereignisse sacken zu lassen. Gleichzeitig steigt die Vorfreude auf die nächste Folge. Fernsehen unterhält mich, egal ob die Glotze nebenbei läuft oder ich bewusst hinschaue. Ich kann ohne Nachdenken einschalten, um selbst abzuschalten, kann mich auch mal einfach nur berieseln lassen. Und selbst die Werbepausen mag ich: Schnell noch ein Getränk aus der Küche holen, kurz noch mal die Toilette aufsuchen – bevor es dann wieder spannend wird.

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