Weiss Glückshormone im Blut

Im Radio dudeln die Songs von Max Giesinger, Andreas Bourani und Co. gefühlt in Endlosschleife. Immer mehr deutschsprachige Singer-Song-Writer thematisieren musikalisch ihr (Liebes)Leben. Die einen nervt dieser Einheitsbrei, die anderen können alle gefühlsduseligen Texte mitträllern. Ein Kritiker und ein Fan im Streitgespräch

Andrea Sahlmen

Ein Hoch auf uns. Auf dieses Leben. Auf den Moment, der immer bleibt." Andreas Bourani sorgte mit seinem Song „Auf uns" für den Sommerhit des Jahres 2014, ja fast schon für eine Hymne, in der sich jeder wiederfinden konnte. Deutschland war Weltmeister, der SC Paderborn in die erste Liga aufgestiegen, die Geburt eines Kindes oder im Traumurlaub mit dem Liebsten– das Lied passte einfach zu vielen unvergesslichen Erlebnissen. Und wer kennt es nicht? Gerade in diesen grauen November-Tagen ist jede Stimmungsaufhellung recht. Man macht das Radio an: „Ein Hoch..." und zack sind die Erinnerungen wieder da. Man schließt die Augen und spürt den Sand auf der Haut oder die Bierdusche am Brandenburger Tor und schon schießen eine Menge Glückshormone ins Blut. Das ist auch kein Wunder, denn deutschsprachige Songs können uns Emotionen am besten vermitteln. Wir verstehen jedes Wort und brauchen für die Bedeutung des Songs nicht erst ein Wörterbuch. Kaum jemand kennt schließlich den durchaus sehr erotischen Inhalt des diesjährigen Sommerhits „Despacito". . . Vielleicht sind die Lieder von Max Giesinger oder Wincent Weiss sogar eintönig, aber sie machen gute Laune. Und auch englischsprachige Musik kann Einheitsbrei sein. Große Unterschiede zwischen Robin Schulz, Ed Sheeran oder James Blunt gibt es schließlich auch nicht. Ich brauche jedenfalls nicht nur wahnsinnig tiefgründige Songtexte über den Weltfrieden oder Naturkatastrophen. Viel wichtiger ist mir, dass die Musik melodisch ist und man sie entspannt im Auto oder unter der Dusche trällern kann. Wer keine Lust auf Singer-Songwriter-Musik hat, kann ja den Radiosender wechseln oder einen Streaming-Dienst nutzen. Wenn es mal wieder richtig ungemütlich draußen ist, die Kollegen über das „Gedudel" im Radio ätzen und bei der Arbeit nichts geklappt hat, mache ich auf jeden Fall abends das Radio an und Mark Forster singt für mich: „Auch wenn’s grad nicht so läuft wie gewohnt – egal, es wird gut, sowieso."

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