Schwarz Austauschbar

Im Radio dudeln die Songs von Max Giesinger, Andreas Bourani und Co. gefühlt in Endlosschleife. Immer mehr deutschsprachige Singer-Song-Writer thematisieren musikalisch ihr (Liebes)Leben. Die einen nervt dieser Einheitsbrei, die anderen können alle gefühlsduseligen Texte mitträllern. Ein Kritiker und ein Fan im Streitgespräch

Tobias Schreiner

Pop-Musik ist tot. Und die Songs von Andreas Bourani, Max Giesinger und Co. sind tatsächlich alle gleich. Musikwissenschaftler haben herausgefunden, dass sich die Qualität von Popmusik in den vergangenen 50 Jahren radikal verschlechtert hat. Und ja – Qualität von Musik lässt sich messen. Melodien und Rhythmen der Stücke sind sich immer ähnlicher und Songtexte immer simpler geworden. Woran das liegt? So gut wie jeder Pop-Song, den Sie in den vergangenen Jahren im Radio gehört haben, wurde von einigen wenigen internationalen oder deutschen Musikproduzenten geschrieben. Der Schwede Max Martin und der US-Amerikaner Lukasz Gottwald stecken als Pop-Fabrik so ziemlich hinter jedem internationalen Hit der vergangenen 30 Jahre. Und da sich jeder Song ähnelt, muss ein erfolgreicher Pop-Song im Radio lauter sein als alle anderen. Im Lautstärke-Krieg werden am Computer leise Töne lauter gemacht. Dynamische Musikstücke werden kaputtkomprimiert und verkommen zu lautem aber einheitlichem Tonbrei. Auf der Jagd nach Profit kannibalisiert die Pop-Industrie sich selbst. Künstler, die mühevoll Stunden damit verbringen, in Konzeptalben große Geschichten zu erzählen und kompositorische Meisterwerke abliefern, sind selten geworden. Aber warum tut die Industrie uns das an? Unser Gehirn mag vor allem, was es bereits kennt und deshalb werden uns immer wieder dieselben musikalischen Elemente vorgesetzt. Einen Künstler international groß rauszubringen, kostet viel Geld. Ein guter Pop-Track muss uns gute Laune machen, tanzbar sein oder uns emotional bewegen. Aber vor allem muss das Stück so eingängig und unkompliziert sein, dass wir es immer und immer wieder hören können, ohne genervt zu sein. Und dahin fließen die Millionen: In die Radio-Sender, Kinosäle und Einkaufszentren, in denen uns die immer selben Songs so lange vorgedudelt werden, bis auch wir mitsingen: „Ein Hoch auf uns!".

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