Weiss Aushängeschild für Deutschland

Helau! Alaaf! Hasi Palau! Es ist Zeit für die fünfte Jahreszeit voller Jecken, guter Laune – und Kostüme. Vorwitzige Clowns, plüschige Bienen, wilde Indianer: An Karneval gibt es nichts, was es nicht gibt. Sehr zur Freude der Jecken. Die Karnevalhasser haben hingegen nichts zu lachen. Ein Streitgespräch

Tobias Schreiner

Zu Beginn möchte ich eins klarstellen: Früher war ich kein großer Fan des Karnevals. Die öffentlichen Alkoholexzesse und die aufgesetzte Fröhlichkeit von Menschen, die in ihrem sonstigen Alltag zutiefst unlustig sind, hat mich zumeist eher abgestoßen. Trotz dieser grundlegenden Abneigung konnte ich als Ruhrpottkind dem Karneval nie so wirklich entkommen. Wenn die Nachbarn vom Niederrhein in ihren bunten Verkleidungen singend und tanzend, trinkend und Kamelle werfend durch die Straßen zogen, hat mich der Jecken-Virus oft genug angesteckt. Mit Freunden eine gute Zeit zu verbringen, unter Leute zu kommen und mit wildfremden Menschen aller sozialer Schichten und Altersgruppen gemeinsam zu feiern, macht tierisch Spaß, wenn man sich nur darauf einlässt. Zudem ist der Karneval ein wesentlicher Teil unserer Kultur. Wenn mich im Ausland jemand fragt, was abgesehen von Autos, Pünktlichkeit und dem Oktoberfest typisch deutsch ist, dann antworte ich: Karneval! Wenn zwischen November und Februar mehrfach ganze Städte von tanzenden, feiernden und schlichtweg glücklichen Menschen lahmgelegt werden, wenn wir Touris aus aller Welt in Köln und Düsseldorf zeigen, dass wir Deutschen ganz und gar keinen Stock im Allerwertesten haben, sondern wissen, wie man auf die Pauke haut, dann ist eine Tradition wie der Karneval ein wunderbares Aushängeschild für dieses Land. Zu Beginn meines Volontariats wurde ich als damaliger Karnevalsmuffel in die ostwestfälische Jeckenhochburg Schloß Holte-Stukenbrock geschickt. Dort konnte/ durfte/ musste ich Karneval einmal komplett durchspielen: Den Altweiber-Umzug, die Riesenparty einer Karnevalsgesellschaft und schließlich Kehraus habe ich als Reporter und Fotograf begleitet. Und nachdem ich gefühlt hundert Lippenstiftabdrücke auf meinem Gesicht gesammelt, Dutzende Lieder gelernt und viele wunderbare Menschen kennengelernt habe, kann ich heute sagen: Karneval? Ist ’ne geile Sache.

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