Schwarz Kein Grund zu feiern

Helau! Alaaf! Hasi Palau! Es ist Zeit für die fünfte Jahreszeit voller Jecken, guter Laune – und Kostüme. Vorwitzige Clowns, plüschige Bienen, wilde Indianer: An Karneval gibt es nichts, was es nicht gibt. Sehr zur Freude der Jecken. Die Karnevalhasser haben hingegen nichts zu lachen. Ein Streitgespräch

Gesa Kortekamp

An Karneval würde ich mir am liebsten jedes Jahr Urlaub nehmen. Nicht, um mitzufeiern, sondern, um nicht raus zu müssen. Menschen, die sich mit unschmeichelhaften Bienenkostümen und lächerlichen Clownsmasken tarnen, sind zu allem fähig. Die Verkleidung dient ihnen als Deckmantel, unter dem sie sich endlich mal so benehmen können, wie sie es sich sonst nie trauen würden. Nicht umsonst haben Polizei und Sanitäter an Karneval immer besonders viel zu tun. Und wer hat schon Lust auf festliches Gegröle und Pöbeleien in der U-Bahn? Ich nicht. Auch auf die nächtliche Beschallung mit Karnevals-„Musik" kann ich gut und gerne verzichten. Da lasse ich mich meinetwegen auch spießig nennen. Karneval entbindet nicht davon, Rücksicht zu nehmen. Das soll nicht heißen, dass jeder sich in ein eng geschnürtes Regelkorsett zwängen muss. Im Gegenteil. Würde man einfach immer dann singend durch die Straßen laufen, wenn einem gerade danach ist, wären wir nicht so schrecklich gehemmt, dann „bräuchten" wir Karneval wahrscheinlich gar nicht. Warum brauchen Menschen einen Anlass, ja fast schon eine Entschuldigung, um einfach mal ausgelassen zu feiern und dem Alltags-Ich zu entfliehen? Und warum artet es jedes Jahr so aus, dass man eben nicht mehr das Gefühl hat, zur selben Art zu gehören wie die feuchtfröhlich Distanzlosen? Auf diese Weise entfremdet Karneval sogar. Das klingt erst einmal kontraintuitiv. Schließlich verhüllen die Kostüme ja gerade viele der sonst als „offensichtlich" wahrgenommenen Unterschiede zwischen den Feiernden. Aber schön wäre doch, wenn diese äußerliche Gleichschaltung nicht nötig wäre, um über vermeintliche soziale Hindernisse hinwegzusehen. Darum ist Karneval für mich nicht Ausdruck von aufgeschlossenem Miteinander und befreiter Fröhlichkeit. Vielmehr fördert er unsere Schwächen zutage. Und das ist ja nun wirklich kein Grund, zu feiern.

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