Schwarz Bescheuerte Idee

Angela Merkel schaut links, Martin Schulz lächelt rechts, ein paar Meter weiter krempelt sich Christian Lindner die Ärmel hoch. Fast überall, wo man derzeit hinschaut, hängen Wahlplakate. Aber ist das bei den immensen Kosten und vielfältigen Alternativen auch immer noch notwendig? Unsere Autoren streiten über ein Verbot

Julian Rüter

Wahlplakate verbieten? Was für eine bescheuerte Idee. Lasst sie hängen! Nirgends anders als auf der Straße erreichen die Parteien wirklich jeden Menschen, der noch vor die Tür gehen kann und etwas sieht. Man kommt derzeit nämlich gar nicht daran vorbei, sich mit den Pappschildern und Großflächenplakaten zu beschäftigen. Und das tut gut. Weil Wahlplakate Spaß machen. Es ist erheiternd, sich über die teilweise so platt dahingeschmierten Parolen zu amüsieren. Es ist spannend, mit seiner Familie und seinen Freunden über sie zu diskutieren. Und es ist interessant, einfach einen Blick darauf zu bekommen, wie sich die Parteien selbst darstellen wollen. Denn Wahlplakate sind nicht viel mehr als eine große eigene Selbstdarstellung. Auf den paar Quadratmetern Fläche spielen die Parteien mit Aussagen, die sowieso kaum eingehalten werden können, nutzen Wortspiele, die teilweise wirklich plumper sind als die rhetorischen Angriffe im Berliner Bundestag und überspitzen die Ziele der eigenen Politik so sehr, dass es manchmal schon komisch ist. Aber da ist noch mehr. Neben dem unterhaltenden Nebeneffekt erfüllen Wahlplakate auch noch eine andere, vielleicht ihre wichtigste Aufgabe: Sie machen auch den letzten und uninteressiertesten Menschen darauf aufmerksam, dass eine Wahl ansteht. Von kaum etwas anderem profitiert eine demokratisch gewählte Regierung mehr, als von möglichst vielen Menschen, die ihre Stimme abgeben. Gerade durch eine hohe Wahlbeteiligung erhält sie ihre Legitimation. Dadurch lässt sich das Mandat auf eine breite Basis beziehen und bei wenigen Nicht-Wählern können auch wenig Menschen darüber meckern, was am Ende bei der Wahl herauskommt. Wer seine Stimme abgegeben hat, der hat seine Pflicht als Bürger getan. Dank der vielen Plakate an unseren Straßen kann zumindest niemand behaupten, er hätte von der Bundestagswahl nichts gewusst!

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