Günther Jauch, bei der Premiere von Unsere Erde 2. - © picture alliance / AAPimages /Schreiber
Günther Jauch, bei der Premiere von Unsere Erde 2. | © picture alliance / AAPimages /Schreiber

Kopf der Woche Günther Jauch: „Zu Hause bin ich ein braver Mülltrenner“

Er ist einer der bekanntesten Moderatoren Deutschlands. Für die Dokumentation „Unsere Erde 2“ ist Günther Jauch als Sprecher aktiv. Zeit für ein Gespräch über unseren Umgang mit der Natur

Rüdiger Sturm

Dass Günther Jauch eine Kinopremiere besucht wie am Mittwoch in Berlin, ist nicht weiter ungewöhnlich. Bemerkenswert ist nur seine Funktion: Denn im Fall von „Unsere Erde 2" wurde der 61-Jährige gewissermaßen selbst zum Filmstar. Als Erzähler führt er durch die Naturdokumentation, was Anlass für ein breit gefächertes Interview ist – über seine persönlichen Erfahrungen und Sünden im Umgang mit unserem Planeten. Sie absolvieren nur sehr selten Einsätze im Kino. Was war der Grund, dass Sie bei „Unsere Erde 2" die Erzählerstimme übernahmen? 
 Günther Jauch: Ich kannte die Qualität des ersten Films, und wenn man sich für den zweiten Teil zehn Jahre Zeit lässt, dann spricht das Bände. Als man mich fragte, ob ich das machen möchte, und ich den neuen Film gesehen habe, habe ich zugesagt. Dann habe ich auch noch gehört, dass Robert Redford der Erzähler der englischen Fassung ist. Da war die Entscheidung für mich dann gefallen. Sind Sie ein guter Geschichtenerzähler – zum Beispiel für Kinder? 
 Jauch: Ich bin ein ganz ordentlicher Vorleser. Ich glaube, dass ich das für Kinder recht interessant machen kann. Zur Not tauge ich auch als Geschichtenerfinder. Wenn kein Buch zur Hand ist, denke ich mir einfach etwas aus. Wahlweise mit Feen, Wölfen, Zwergen oder Tigern. Wenn Sie möchten, bringe ich auch Ihre Schwiegermutter und drei weiße Mäuse unter. 

Ist „Unsere Erde 2" ein Film, den Sie Kindern zeigen würden? Teilweise geht es da hochdramatisch zu. Jauch: Trotzdem kann man da locker drei Generationen reinschicken. Von der Oma bis zum Enkel wird jeder fasziniert sein. Der Film entführt an verschiedene Orte dieses Planeten. Welche faszinieren Sie? 
 Jauch: Das liegt immer im Auge des Betrachters. Ich war zum Beispiel vor zwei Jahren zum ersten Mal in Botswana im Okavango Delta und bin so nahe an exotische Tiere herangekommen, wie ich das nicht für möglich gehalten hätte. Aber die ganze Welt in ihren kleinen Dingen ist faszinierend. Der Film beschäftigt sich ja sogar mit Eintagsfliegen in Ungarn. 

Gibt es bestimmte Flecken der Erde, wo es Sie hinzieht? 
 Jauch: Ich habe gehört, dass die Antarktis ein großartiger Ort sein soll, wo man ins Grübeln und Nachdenken kommt, was den Kosmos da zusammenhält. Ob ich allerdings eine Pinguinkolonie erkunden möchte, so wie im Film, da bin ich mir nicht so sicher. Das Team hat allein eine Woche gebraucht, bis es da angekommen ist. Und dann eine Woche, um wieder wegzufahren. In jedem Fall ist Afrika für mich ein ziemlicher Sehnsuchtsort. 

Aber Sie leben nun nicht in Afrika, sondern in Potsdam. Warum eigentlich? 
 Jauch: Potsdam war für mich ein Sehnsuchtsort, den ich unmittelbar nach dem Fall der Mauer das erste Mal für mich entdeckt habe. Ich weiß auch noch genau den Tag: 24.12.1989. Alle waren mit Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt, und da bin ich da hingefahren. Das waren unvergessliche Eindrücke – zum Beispiel die Terrassen von Sansoucci im Raureif, oder das holländische Viertel. Aber in 90 Prozent der Häuser konnten Sie vom Keller durchs Dach den Himmel sehen. Da war alles kaputt, abgebrannt, zum Teil unbewohnbar. Das hat mich aber vom ersten Moment an fasziniert und ich sagte, da möchte ich mal sein. Mittlerweile wohne ich in Potsdam länger als sonst wo in meinem Leben. Muss man überhaupt groß verreisen, um unvergessliche Eindrücke zu sammeln? 
 Jauch: Das Paradies liegt schon auch vor unserer Haustür. In Deutschland haben wir eine so fantastische Vielfalt von Landschaften, die wir zum Teil gar nicht kennen, weil wir als Erstes nach Mallorca fliegen. In fast jedem Bundesland gibt es Urwälder. Zum Beispiel den Buchenurwald Grumsin in Brandenburg oder den Bayerischen Wald. Auch das Oderbruch ist faszinierend. Nur dass wir als Menschen diese Natur gefährden. 
 Jauch: Wir sind wahrscheinlich in Wirklichkeit das größte Raubtier von allen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Vor kurzem habe ich im Fernsehen eine Dokumentation über Wale gesehen, die in der Nordsee tot angeschwemmt wurden. In denen steckten Plastikteile aus Autos, Kühlerverkleidungen. Spätestens da kommt man ins Grübeln. Ob man da als Mülltrenner zu Hause die Welt rettet, weiß ich nicht, aber das ist zumindest ein Anfang. Und wir können ja auch mit der Natur harmonisch koexistieren. Als ich vor zwei Jahren in Botswana war, da habe ich kein einziges Tempotaschentuch, keine einzige Coladose herumliegen sehen. Die Bauten im Delta sind Zeltkonstruktionen, die man innerhalb von zwei Wochen wieder komplett abbauen könnte. Wenn man hintern Busch musste, dann bekam man ein kleines Notfallkit mit, um alles im Tütchen zu sammeln. Das war schon irre. 

 „Unsere Erde" bietet ja indirekt eine Umweltbotschaft ... Jauch: Es kommt allerdings kein einziger Mensch darin vor, der mahnend und warnend die Moralkeule schwingt. Aber der Film macht implizit klar, dass die Natur in einer wunderbaren, faszinierenden Balance ist, wenn sich der Mensch nicht gerade störend einmischt. 

Hätten Sie sich nicht gewünscht, dass der Film das deutlicher formuliert? 
 Jauch: Das braucht es nicht. Denn im Zuschauer reift während des Films von selbst die Erkenntnis: Die Natur zerstören kann nur einer: der Mensch selbst. Das ist subtiler, dafür aber sogar wirksamer vermittelt. 

 Was tun Sie denn für die Umwelt? 
 Jauch: Mein ökologischer Fußabdruck gerät regelmäßig ins Minus. Aus Zeitgründen fliege ich innerhalb Deutschlands relativ viel. Immerhin: Inzwischen bin ich Bahncard-Besitzer. Denn wenn die Bahn pünktlich ist, ist sie eine echte Alternative. Ansonsten bin ich zu Hause ein braver Mülltrenner, aber unter dem Strich gehöre ich sicher nicht zu den Energievorbildern. Wie sehen Sie übrigens Zoos, die ja auch in die Kritik geraten sind? Jauch: Ich weiß, dass Zoos sehr unter Kritik stehen, wenn es etwa heißt, dass ein Löwe auf freier Wildbahn ein Revier von fünf Quadratkilometern hat. Das kann kein Zoo der Welt bieten. Gleichzeitig werden solche Tiere im Zoo deutlich älter als in der Freiheit. Ich lasse gern mit mir reden, ob man Wildtiere im Zirkus auftreten lassen muss. Aber für die Erhaltung von Zoos bin ich schon. 

 Wie viel Ruhe haben Sie eigentlich, wenn Sie auf Exkursionen gehen – ob auf Antarktis-Kreuzfahrtschiffen oder im Zoo? Werden Sie da nicht belagert? 
 Jauch: Das wird völlig überschätzt, dass ich damit ein Problem hätte. Ich muss nicht allein im Urwald sein. Möchte ich auch nicht. Und wie sollte ich ansonsten in die Antarktis kommen? Im Einerkajak wird das schwierig. 

Ihre Medienkarriere währt ja schon über 30 Jahre. Haben Sie eine Erklärung für diesen Erfolg? 
 Jauch: Ich gebe zu, wenn ich die Jahre addiere, wie lange bestimmte Sendungen gelaufen sind, habe ich manchmal den Eindruck, dass das schon fast methusalemsche Dimensionen sind. Zumindest für Fernsehverhältnisse, wo es immer schnelllebiger zugeht. Aber vielleicht haben sich die Leute an mich gewöhnt oder die Dosierung hat über die Jahre einfach gestimmt. Und ich habe mich von Sendungen getrennt, wenn ich es für richtig hielt. 

 Was Sie machen, hat Niveau ... 
 Jauch: Danke für das Kompliment, aber meinen eigenen Ansprüchen habe ich dennoch nicht immer genügt. 

Könnten Sie sich ein Leben ohne „Wer wird Millionär" noch vorstellen? 
 Jauch: Stellen Sie sich vor: Ein Dasein ohne Fernsehen ist tatsächlich lebbar. Aber im Moment gibt es keinen Anlass, darüber nachzudenken. Ich habe diesen Handschlag-Vertrag mit RTL. Was bedeutet, RTL könnte jeden Tag sagen, dass ich nächste Woche nicht mehr kommen soll, und ich umgekehrt ebenfalls. Das hat jetzt 19 Jahre perfekt geklappt und ich denke, die 20 schaffen wir auch. Gibt es etwas, was Sie heute nicht mehr machen würden? Jauch: Ich muss an frühere „Rätselflug"-Sendungen denken. Da bin ich auf irgendwelchen zehn Zentimeter breiten Dachsimsen herumgesprungen, wo es links und rechts 20 Meter in die Tiefe ging. Und das in Pakistan. Ich kann wirklich froh sein, dass da nie etwas passiert ist. Aber wirklich in Gefahr geraten sind Sie nie, oder? 
 Jauch: Nein, aber das liegt auch daran, dass ich mich an die Regeln gehalten habe. Einmal habe ich bei „Stars in der Manege" eine Tiger-Nummer gemacht. Der eigentliche Dompteur stand hinter mir und hat mir vorher ziemlich genau gesagt, was ich zu tun und zu lassen hätte. Ein paar Jahre zuvor war ein Kollege im Überschwang der Gefühle vor den Tigern auf die Knie gefallen und streckte die Hände aus. Damit sahen die ihn aber als Opfer und setzten zum Sprung an. Der Profi hatte alle Hände voll zu tun, um die Raubkatzen in dem Moment in Schach zu halten. 

 Gibt es ein Tier aus „Unsere Erde 2", mit dem Sie am liebsten tauschen würden? 
 Jauch: Ich habe Raubkatzen immer gerne gemocht – deshalb auch die Tiger-Dressur. Im Film gibt es einen Serval zu sehen, der ein lustiges Leben zu führen scheint. Offenbar hat er auch keine natürlichen Feinde – der machte einen ziemlich glücklichen Eindruck. Der Film zeigt das Tierleben von Sonnenauf- bis untergang. Sind Sie eher ein Tag- oder ein Nachtmensch? 
 Jauch: Im Prinzip bin ich jetzt ein Tagmensch, aber früher, als ich noch auf der Journalistenschule war, wurde erst um Mitternacht die Pizza geholt und eineinhalb Liter Cola dazu. Das hat sich inzwischen in jeder Hinsicht geändert. Wie sieht für Sie ein perfekter Tag aus? 
 Jauch: Ohne Wecker ausschlafen. Keinerlei Aufgaben haben. Im Grunde schon morgens aufstehen und sagen: ‚Heute gibt es keine Termine, ich kann machen, was ich will.’ Dann habe ich eben auch die Freiheit, mal zwei Stunden sinnfrei aus dem Fenster zu gucken. 

Im Film ist auch ein Faultier zu sehen...

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