Comedian Johann König. - © picture alliance / dpa
Comedian Johann König. | © picture alliance / dpa

Kopf der Woche Johann König: „Die meisten machen ja nichts Provokantes“

Seit mehr als 20 Jahren steht der Comedian auf der Bühne. Was ihn antreibt und warum er Probleme mit dem Fernsehen hat, erklärt er im Interview

Tobias Schreiner

Vor 20 Jahren hatte Johann König seinen ersten Bühnenauftritt. Der ehemalige Sonderpädagoge bezeichnet sich heute als „Humorarbeiter" und ist mittlerweile aus der deutschen Comedy-Szene nicht mehr wegzudenken. Im Interview verrät er seine humoristischen Vorbilder, was für ihn einen guten Komiker ausmacht und bei welchem TV-Auftritt seine Darbietung zuletzt radikal zensiert wurde. Herr König, vor 20 Jahren hatten Sie Ihren ersten Bühnenauftritt im Literaturcafé ZapZarap in Köln. Eine offene Bühne, nur Sie und ein Gedicht. Wie war das damals? Johann König: Ich habe nach ein paar Kölsch ein Gedicht vorgelesen, das ich während der Nachtwache geschrieben hatte. Und überraschenderweise haben die ganzen Literaten gelacht. Wohl weil ich da der Einzige war, der sich nicht so ganz ernst genommen hat. Das lag wohl auch an Ihrer nervösen Art. König: Ja, die wussten nicht, ob ich besoffen bin, aus der Anstalt komme, bekifft bin oder das extra mache. Die Art war schon irgendwie besonders. Das war schon der entscheidende Tag. Wenn die damals nicht gelacht hätten, hätte ich das nie wieder gemacht. Haben Sie sich damals schon als Künstler oder Komiker wahrgenommen? König: Nein, das hat sehr lange gedauert. Bei diesem ersten Auftritt war ich 26 Jahre alt und noch weit davon entfernt, dass ich die Bühne als Berufswunsch angegeben hätte. Ich hab einfach aus Spaß Gedichte vorgelesen und wollte aber Lehrer werden. Ich bin mit dem Fahrrad zu Nightwash und Stefan Raab gefahren, das war ja alles in Köln um die Ecke. Ich war schon weit über 30, als ich mich exmatrikuliert habe und gesagt habe: „Das ist jetzt meine Arbeit, jetzt bin ich Künstler". Wie hat sich denn Ihr Selbstverständnis seitdem verändert? Heute sagen Sie selbst: „Ich bin Künstler" und haben in Köln-Nippes ausgestopfte Tiere in Bäumen aufgehängt. König: Ich bin erstmal Dienstleister, der die Leute zum Lachen bringt und dafür Geld bekommt und damit seine Familie ernährt. Ich bin aber auch Künstler, weil ich die Texte alle selbst schreibe und mir diese Kunstfigur selber ausgedacht habe und immer wieder Ideen habe, die man als künstlerisch bezeichnen könnte. Eigentlich bin ich erstmal Komiker, das ist der Beruf – und damit auch Künstler, weil man auf der Bühne steht. Eigentlich sehe ich mich auch eher als Humordienstleister. Solange die Leute lachen, mach ich das. Heißt das, als Dienstleister schreiben Sie Ihre Darbietungen danach, was die Leute hören wollen? König: Nein. Dienstleistung heißt, ich mache jeden Abend das gleiche. Ich habe ein Produkt – ein Unterhaltungsprodukt – das biete ich 200 Mal an, und das Produkt wird dann konsumiert wie ein Kinofilm. Die Leute gehen nachher raus und haben mich konsumiert. Ich fühle mich nach dem Abend leer und die Leute gehen beschwingt nach Hause. Normalerweise sagt jeder Unterhaltungskünstler: „Wir machen uns jetzt ’nen super Abend und das wird einmalig". Ich sage als erstes, wenn ich auf die Bühne gehe: „Willkommen bei meiner Arbeit". Die Leute lachen dann, weil sie verstehen, das ist wirklich meine Arbeit. Wie viel Platz in Ihrem Programm ist noch für Improvisation, wenn Sie 200 Mal dasselbe spielen? König: Das Programm entsteht am Schreibtisch. Ich spreche immer beim Schreiben und dadurch wird es wieder umgeschrieben. Irgendwann mach’ ich das auf der Bühne. Dann hab ich so 20 Vorpremieren. Da mache ich jeden Abend was Neues, da wird viel improvisiert und ausprobiert. Dann kommt die Premiere, mit der ist es dann relativ fest. Nach einem Jahr eines Programms verändert sich immer weniger und am Ende verändere ich meist gar nichts mehr. Worüber machen Sie sich nicht lustig? König: Ich habe früher viel mit Behinderten gearbeitet. Ich kann mich an eine Freizeit erinnern, da saßen wir Betreuer abends zusammen und haben Bier getrunken, Kinder imitiert und Behindertenraten gespielt. Das heißt, einer hat einen vorgemacht (verstellt die Stimme) „Kann ich mal die Butter haben?". Da wussten dann alle, dass das die spastisch herausgeforderte Vanessa war. So haben wir uns ein bisschen den Druck genommen, das war gut für die Psycho-Hygiene. Wir waren alle ziemlich fertig, die Arbeit mit Behinderten bringt einen körperlich und psychisch an die Grenzen. Am nächsten Tag fanden wir die Erinnerung daran ein bisschen unangenehm. Es war aber gut, wir haben diese Kinder geliebt, dann kann man sich auch über sie lustig machen. Ich überlege jetzt, im neuen Programm diese Geschichte zu erzählen. Das ist ein Grenzbereich. Als Sonderpädagoge habe ich eine gewisse Rechtfertigung, so wie sich Kaya Yanar ohne seine türkische Abstammung nie so über Türken hätte lustig machen können. Serdar Somuncu kritisiert oft, dass seine Darbietungen im Fernsehen stark geschnitten werden. Wurden Sie schon im Fernsehen zensiert? König: Ja, gerade beim Comedy-Preis im vergangenen Jahr habe ich eine Laudatio auf die beste Satire-Show gehalten. Die haben die Hälfte rausgeschnitten. Ich war wirklich entsetzt und habe den Originaltext mit den Streichungen auf meine Facebook-Seite gestellt. Das ist ein Witz. Ich habe über Satire gesprochen, früher und heute. Und da habe ich gesagt: „Früher hieß es: Was gibt’s für neue Hitler-Witze?" Und die Antwort war: „Zwei Jahre Arbeitslager." Das haben die einfach rausgeschnitten. Der ist ja nicht von mir, der Witz. Das ist ein subversiver Witz aus den 1940er-Jahren, und das rauszuschneiden, find ich einfach albern. Zensur kommt immer wieder mal vor. Man weiß nie genau, warum oder was die für Ängste haben, diese Fernseh-Leute. Es werden mal einzelne Sätze rausgeschnitten aber ich bin noch nie so beschnitten worden wie beim Comedy-Preis. Deshalb habe ich auch jetzt keine Lust mehr, eine Laudatio zu halten. Ist das ein generelles Problem? König: Nein, die meisten machen ja nichts Provokantes. Man muss beim Fernsehen den Text vorher abgeben. Das muss man akzeptieren, das sind die Regeln. Die können an den Texten rumkritteln. Die wussten also drei Wochen vorher, dass ich diesen Hitler-Witz mache und haben nichts gesagt. Und mich das machen zu lassen und es nachher rauszuschneiden, das ist einfach arm. Serdar Somuncu sagt natürlich, das ist ein generelles Problem. Aber die meisten sind ja so angepasst, dass es überhaupt keinen Grund für Zensur gibt. Und wenn man auf der Bühne in Bielefeld zwei Stunden steht, kann man erzählen, was man will. Das ist ja die Freiheit der Bühne, und deshalb bin ich auch viel lieber auf der Bühne als im Fernsehen. Früher haben die Zuschauer hauptsächlich über Ihre nervöse Art gelacht. Heute kombinieren Sie Ihre Witze mit Sozialkritik an Rüstungsexporten und Rassismus. Was ist Ihnen wichtiger? Die Botschaft oder die Lacher? König: Das ist beides wichtig. Nur Lacher den ganzen Abend – da kann man auch in Richtung Fips Asmussen gehen. Botschaft ist wichtig, aber die Botschaft wie Kabarettisten zu verbreiten, das möchte ich nicht machen. Das heißt, ich möchte auf der Bühne nicht moralisch werten. Wenn ich über Waffenlieferungen und faire Bomben rede, dann sollen die Zuschauer lachen, aber es soll trotzdem klar werden, was für ’ne Haltung dahinter steckt. Ich würde nie „die Schweine in der Rüstungsindustrie" sagen, um dafür Gesinnungsapplaus bekommen. Das find ich ganz furchtbar. Das ist auch langweilig. Aber so ein Thema lustig zu verpacken, ist eben auch schwierig und eine große Herausforderung. Glauben Sie, dass Sie mit Ihrer Kunst etwas verändern können? König: Diese Kunst, die ich und alle Bühnenmenschen machen, die verändert ein Land. Ohne diese Kunst, ohne Satire, wäre dieses Land ein anderes Land. Die Türkei zum Beispiel ist ein anderes Land, weil dort keine Satirefreiheit gegeben ist. Jeder Zuschauer, der in so eine Vorstellung geht, geht anders wieder raus. Mit anderen Bildern im Kopf. Ein Haus, in dem Kunst hängt, ist ein anderes Haus als eins, in dem keine Kunst hängt, obwohl es das gleiche Haus ist. Aber es gibt keine politische Umwälzung, weil irgendjemand irgendwas aufdeckt, im Kabarett oder ein Mario Barth. Aber das führt jetzt zu weit. Welche Comedians oder Kabarettisten schauen Sie sich selbst an? König: Volker Pispers war für mich der beste Kabarettist. Reinhard Grebe, Helge Schneider und Olaf Schubert finde ich einfach gut. Das sind Kollegen, mit denen ich mich vom Humor verbunden fühle. Skurrile Typen wie diese vermisse ich beim Nachwuchs. Es gibt so viel neue Komiker, aber die erzählen nur über ihre Herkunft, dass sie dick sind oder eine Freundin haben oder Türke sind. Aber dass die ihre komplett eigene Welt erschaffen wie jetzt Reinhard Grebe oder Helge Schneider, das seh ich gar nicht nachkommen. Das wundert mich. Ihr Vorbild ist ja Heinz Erhardt. Was macht für Sie einen guten Komiker aus? König: Wenn man auf die Bühne geht, gibt es Form und Inhalt. Form ist, wie man spricht, wie man aussieht, wie man sich bewegt. Das muss mit dem Inhalt eine Symbiose eingehen, die noch einen dritten Mehrwert bietet, den man nicht sieht. Mehr als die Summe der einzelnen Teile. Etwas Künstliches, das einen so mitnimmt, dass es trotzdem glaubwürdig ist. Und dass man lacht, ohne genau zu wissen, warum. Wie bei Helge Schneider und auch bei Heinz Erhardt. Der war ja komplett verwirrt und hat sich selbst unterbrochen, der hat Gedichte geschrieben, das Publikum ermahnt, alles Sachen, die ich auch mache. Heinz Erhardt war der erste Stand-up-Comedian in der jungen Republik. Ein lustiger Typ, wo man jetzt nicht genau wusste, ist der wirklich so verwirrt oder tut der nur so? Das fragen sich viele wohl auch über Ihre Bühnenfigur. König: Ja, das ist eine ganz häufige Frage, aber die werde ich natürlich nicht beantworten (lacht). Ihr neues Programm trägt den Namen „Jubel, Trubel, Heiserkeit". Wie wird das aussehen? König: Also im Oktober 2018 ist die Premiere, bisher haben wir aber nur den Titel, den braucht man für Eintrittskarten, für Plakate und für sonst was...

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