Kopf der Woche "Keine Kuscheltiere" - wie ein Berliner Tierpfleger die Pandas aus China erlebt

Markus Röbke betreut die beiden Bären im Berliner Zoo. Im Interview gibt er  Einblicke in seine besondere Arbeit

Andrea Sahlmen

Marcus Röbke (40), Tierpfleger im Berliner Zoo, kümmert sich seit Juni 2017 um das Panda-Pärchen Meng Meng (4) und Jiao Qing (7). Die beiden sind die einzigen großen Pandas in Deutschland. Im Gespräch berichtet Röbke, wie sich die Tiere unterscheiden und ob Pornos bei der schwierigen Fortpflanzung helfen können. Herr Röbke, sind Pandas Ihre Lieblingstiere? Marcus Röbke: Bären sind meine Lieblingstiere, aber nicht speziell die Pandas. Ich arbeite seit mittlerweile 15 Jahren mit Bären zusammen und habe sie wirklich lieben gelernt. Egal ob Eisbär, Braunbär oder Lippenbär.Wie ist es dazu gekommen, dass Sie Meng Meng und Jiao Qing betreuen? Röbke: Ich arbeite seit 25 Jahren im Zoo, seit 15 Jahren mit Bären. Ich habe auch den Eisbären Knut damals mit groß gezogen. Es war eine logische Schlussfolgerung, dass Pandas zum Bärenrevier dazu gehören und die Tierpfleger sich um die Pandas kümmern würden, die sowieso schon Bären gepflegt haben. Ihre Reaktion, als Sie erfahren haben, dass Sie sich um die beiden kümmern dürfen? Röbke: Es war eine Mischung aus Freude, Nervosität, Aufregung und Neugierde. Immerhin ist es auch ein Politikum, und die Tiere sind nicht so einfach zu halten. Da muss man schon viel Feingefühl haben und sensibel sein. Warum? Röbke: Man muss die Pandas vor allem satt kriegen. Jedes Tier frisst jeden Tag 30 Kilogramm Bambus. Es gibt 150 Bambus-Arten. Natürlich tauscht man sich mit anderen Zoos aus und fragt, welche Art sie füttern. Da findet man schon die Arten raus. Aber wir versuchen, das natürlich auch selbst herauszufinden. Denn nicht jeder Panda ist gleich, jeder hat seinen eigenen Charakter und seine eigene Vorlieben. Jeden Donnerstag bekommen wir eine halbe Tonne Bambus aus den Niederlanden geliefert. Und daraus das Beste auszusuchen, ist nicht so einfach. Was heute gut schmeckt, kann morgen schon wieder nicht so toll sein. Das Problem: Wenn ihnen der Bambus nicht schmeckt, werden sie aufgeregt und nervös – und dann nehmen sie ab. Es ist eine heikle Angelegenheit, dass die Pandas ihr Gewicht auf einem konstanten Niveau halten. Welche Charakterzüge haben denn die beiden Pandas? Röbke: Jiao Qing ist sehr gelassen. Er ist mit seinen sieben Jahren ein richtiger Kerl. Zufrieden ist er dann, wenn eine ordentliche Portion Bambus vor ihm liegt, die richtig gut schmeckt. Wenn nicht, dann kann er auch mal ungemütlich werden. Und Meng Meng? Röbke: Sie ist momentan eine kleine Diva, die im Teenie-Alter ist und in ihrer Pubertät steckt. Im Moment passiert einfach viel bei ihr, die Hormone gehen ein bisschen mit ihr durch und im nächsten Jahr wird sie wahrscheinlich das erste Mal in ihre Menstruationsphase kommen. Das kann dann schon mal recht heikel werden, das kennen wir aus unseren eigenen Erfahrungen. Sie will zum Beispiel momentan ein bisschen häufiger für sich sein. Es ist gerade einfach schwer, es ihr den ganzen Tag über recht zu machen. Ihre Bindung zu Meng Meng ist sehr eng. Es wurde berichtet, dass das Tier in Sie verliebt sei. Wie steht’s mit Ihnen? Röbke: Ich mag alle meine Schützlinge. Aber ich liebe meine Familie. Liebe ist ein Wort, das nicht zu mir und meinen Tieren passt. Ich führe ja keine menschliche Beziehung zu Meng Meng. Natürlich betreue ich sie im Moment sehr intensiv, weil sie die Aufmerksamkeit auch braucht. Aber die Liebe zu meinem Sohn ist eine andere. Wie gefährlich sind Pandas? Röbke: Bären sind generell keine Kuscheltiere. Wir haben sie im Laufe der Zeit verniedlicht, jeder hat einen kuscheligen Teddybären im Bett liegen. Wenn ein Bär satt und zufrieden ist, ist er im Normalfall auch ein recht liebes Tier. Aber wenn ihm etwas nicht passt, hat er einfach eine enorme Kraft und kann einem locker den Finger oder Arm abbeißen. Gerade Pandabären entwickeln mit dem Fressen von Bambus eine enorme Kraft. Deshalb geht man auch nie zu den Tieren rein, erst recht zu keinen ausgewachsenen. Selbst zu Knut sind wir nicht mehr reingegangen, als er knapp ein Jahr alt war. Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus? Röbke(lacht): Der Job des Tierpflegers hat weniger mit den Tieren, sondern viel mehr mit ihren Hinterlassenschaften zu tun. Wenn man morgens kommt, bekommen die Pandas erstmal frischen Bambus und einen Mooncake (Anm. d. Red.: Der Mondkuchen ist eine Spezialität der chinesischen Küche. Der typische Mondkuchen ist rund und hat einen Durchmesser von etwa zehn Zentimetern), und dann putzt man die Außenanlage. Wenn man sie dann auf die Außenanlage lässt, macht man ihre Innenanlagen sauber und bestückt diese wieder mit frischen Bambus. Anschließend macht man hinter den Kulissen sauber. Danach sind zum Beispiel Dinge wie unser regelmäßiges Medical-Training dran (Anm. d. Red.: Zoos nutzen dieses medizinische Training, um die Tiere auf den Tierarztbesuch vorzubereiten). Pandapflege ist ein zeitfüllender Job. Bleibt Ihnen da noch Freizeit? Röbke: Natürlich bin ich viel mit den Tieren beschäftigt, aber wir sind ein Team aus drei Leuten. Es gibt also noch genug andere, die sich um die Tiere kümmern, wenn ich frei habe oder nicht da bin. Da wechselt man sich schon ab. Natürlich habe ich am Anfang die ein oder andere Überstunde gemacht, viele Prozesse mussten sich erst einspielen. Aber langsam kommt die Normalität zurück. Meng Meng ist eine ganze Weile rückwärts gelaufen. Warum? Röbke: Wenn sie reden könnte, wäre vieles einfacher. Wir müssen eine Art Anamnese machen und herausfinden, was das Tier in der kurzen Zeit erlebt hat. Es könnte ein erstes Problem sein, dass Meng-Meng früh von der Mutter getrennt wurde. Dann ist sie erst nach Shanghai und dann wieder zurück nach China gekommen und von dort zu uns. Also könnte sie eine Art Scheidungskind sein, das gar nicht genau weiß, ob es hier bleibt oder wieder weg muss. Dazu kommt, dass die Pfleger eine andere Sprache sprechen, anders riechen und das Gehege ganz anders aussieht. Es sind 1.000 Faktoren, die dort einspielen können. Wir versuchen diese nun herauszufinden. Wann läuft sie denn rückwärts? Röbke: Das ist tagesformabhängig. Es gibt Tage, da macht sie es so gut wie gar nicht. Hinter den Kulissen, wo sie abends schläft, macht sie es zum Beispiel gar nicht. Tagsüber läuft sie manchmal rückwärts. Das liegt aber auch an den nicht-typischen Geräuschen oder Gerüchen. Sie muss lernen, dass das jetzt ihre Welt ist, vielleicht hat sich das dann erledigt. Es kann aber auch sein, dass das Rückwärtslaufen sie beruhigt – wie das Daumenlutschen bei Kindern. Wie reagieren Sie auf Tierschützer, die in dem Rückwärtslaufen einen Protest gegen nicht artgerechte Haltung sehen und Zoos vorwerfen, nur Zuschauermagnete halten zu wollen? Röbke: Wir haben eine hochmoderne Anlage und ideale Bedingungen für die Tiere geschaffen. Wir bieten eine wirklich artgerechte Haltung. Jiao Qing hat sich bereits bestens eingelebt und fühlt sich sichtlich wohl. Meng Meng braucht dazu einfach ein wenig länger. Solche Aussagen sind Hetze auf unsere Kosten. Wie wichtig ist das Halten von Pandas in Zoos? Röbke: Wenn man die Population erhalten möchte, ist das schon wichtig. Denn es gibt weltweit nur 1.864 Tiere, und das ist nicht gerade viel. Der Mensch breitet sich immer mehr aus, auf kurz oder lang kann es passieren, dass es gewisse Tiere einfach nicht mehr gibt. Ich würde es schade finden, wenn man sie aussterben lässt, Tierparks und Zoos abschafft und die Arten nur noch als Hologramm oder im Museum sehen kann. Wer das mag, bitte. Ich möchte Tiere lebendig sehen und wissen, dass es ihnen gut geht. Probleme bereitet die Paarung. Wann ist es bei Meng Meng und Jiao Qing soweit? Röbke: Meng Meng ist vier Jahre alt, und wird bald ihre erste Menstruationsphase bekommen. Ein Weibchen kann drei Stunden bis drei Tage lang empfänglich sein. Das ist schon recht knapp. Und es hängt natürlich auch davon ab, ob das Männchen überhaupt Lust hat. Es müssen mehrere Faktoren stimmen, und man braucht ein gutes Händchen und ein gutes Auge. Frühestens im Mai wird es soweit sein. Dann lässt man die Tiere zusammen und schaut, was passiert. Aber wir machen ihnen natürlich keinen Druck. Wie werden die fruchtbaren Stunden beim Weibchen festgestellt? Röbke: Im Mai müssen die Tierpfleger besonders aufmerksam sein. Da muss man dann auf die Körpertemperatur achten und ob das Weibchen bestimmte Geräusche von sich gibt oder das Männchen sucht. Es soll Pandapornos zur Aktivierung des Männchens geben. Nutzen Sie diese? Röbke: Wenn es nicht klappt, mal gucken. Erstmal versuchen wir es anders. Bei unserem alten Pandapärchen hat das Medical Training so gut geklappt, dass wir das Männchen in Narkose gelegt und ihm Samen abgenommen haben und dem Weibchen eingeschleust haben. Das können wir wieder versuchen. Aber wenn die Chinesen sagen, dass ein Porno hilft, dann kann man es ja mal ausprobieren. Dann stellen wir ihm ’nen ordentlichen Flatscreen dahin und schauen, was passiert (lacht). Was wünschen Sie sich für die Zukunft der beiden Pandas? Röbke: Ich wünsche mir, dass es ihnen gut geht und sie alt werden. Eine Krönung wäre natürlich ein Jungtier. Denken Sie jetzt schon an einen möglichen Abschied? Röbke: Den wird es vielleicht gar nicht geben. In 15 Jahren ist Jiao Qing 22 Jahre alt. Dann gilt er schon als älterer Bär. Wenn die Pandas zufrieden und die Chinesen einverstanden sind, dann kann das auf Lebenszeit laufen.

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