Thomas Hermanns: Regisseur und Autor. - © picture alliance / Alexander Hein
Thomas Hermanns: Regisseur und Autor. | © picture alliance / Alexander Hein

Kopf der Woche Thomas Hermanns: „In einer richtigen Boyband gab es immer Experten“

Moderator und Komiker Thomas Hermanns hat sich intensiv mit dem Boyband-Phänomen der 90er Jahre beschäftigt. Im Interview spricht er über seine neue Revue „Boybands forever“

André Blickensdorf

Ohne Thomas Hermanns hätte Deutschland deutlich weniger zu lachen: Der 54-Jährige ist seit mehr als 20 Jahren einer der bekanntesten Moderatoren und Comedians der Republik. Im Interview spricht der gebürtige Bochumer über die neue Revue „Boybands forever", die er als Regisseur konzipiert hat und die am Mittwoch, 7. März, in Bielefeld gespielt wird. Waren Sie in den 90er Jahren ein Boyband-Fan, Herr Hermanns? Thomas Hermanns: Ich war ein New Waver und deshalb zunächst eher anti Boybands. Die Lieder und die Optik der jungen Männer haben mich aber damals schon gekriegt. Take That war die erste große Boyband, die ich bewusst miterlebt habe. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ausgerechnet eine Revue zum Thema Boybands zu konzipieren? Hermanns: Ich bin interessiert an Pop-Sachen, die gut funktionieren und daran, warum das so klappt. Die Boybands der 1990er sind so interessant wie die Motown- Girlgroups in den 60ern. Ich habe mich sehr damit beschäftigt, was die Unterschiede zwischen Amerika und Europa ausmachen. Das beobachte ich bis heute. Übrigens auch die koreanischen Boybands, wo sogar 13 Herrschaften rumspringen. Mich interessiert: Was ist populär, was ist eingängig und wie wird’s gemacht? Wer hat Erfolg? Wer nicht? Und warum ist es so schön? Was gefällt Ihnen an den Boyband-Hits am besten? Hermanns: Musikalisch haben mich die Balladen wie „Babe" oder „Back for good" gekriegt. Wobei ich die erst unterschätzt habe. Wenn man den Sound der Lieder etwas definiert, also weniger 90er Synthesizer-Arrangements und mehr Klavier und Gitarre, dann funktionieren sie unglaublich gut als Popsongs. Deshalb ist meine Theorie, dass das für einen weltweiten Konsumentenkreis die besten Songs seit Motown sind. Diese Lieder funktionieren auch in Karaoke-Bars. Sie gehen in einen anderen Kosmos über. Da steckt ein gutes Songwriting drin und sie lassen sich gut von anderen Bands interpretieren. Ist Ihnen die Auswahl der Lieder leicht gefallen? Hermanns: Das war echt schwer. Es gibt sehr viele Songs, aber auch sehr viele ähnliche. Wir wissen, dass wir die Boyband-Fans nicht alle komplett glücklich machen können. Die sind knallhart und kennen den gesamten Songkatalog. Es ist eine Revue, die über GEMA abgerechnet wird. Deshalb war die Songauswahl frei wählbar. Wir versuchen, eine Mischung zu machen. Ohne Hits wie „Back for good", „Everybody" oder „Babe" funktioniert der Abend nicht. „Je te donne" und „Breathe easy" waren meine Favoriten. Den Mix machen bekannte und unbekanntere Lieder aus. Es geht um das Hit-Gefühl und um ein paar Ausgrabungen. Gibt es eine Art Mutterland der Boyband-Songs und eine bestimmte Tonart, die zu ihnen passt? Hermanns: Vieles ist in Schweden komponiert worden. Das folgt der Tradition von Abba und Konsorten. Die meisten Boyband-Lieder, die ich liebe, haben dieselbe Tonart. Das hat mir mein musikalischer Leiter erklärt. Es ist D-Moll. Das scheint die Tonart zu sein, die mich am meisten anspricht auf dieser Welt. Einen guten Popsong zu schreiben, ist extrem schwer. Wir haben ein Lied in der Show, das das richtig gut auf den Punkt bringt. Das ist „Breathe Easy", ein späteres Lied von Blue. Das kann sich mit jedem Queen-Song oder jeder Power-Ballade der 70er Jahre gut messen. Welche Typen zeichnen eine erfolgreiche Boyband aus? Hermanns: Die klassische Boyband besteht aus vier oder fünf Typen. Meistens aus fünf. Deren Rollen sind immer gleich besetzt. Der erste ist der Schwiegersohn-Typ. Das ist der Hauptsänger. Bei dem sagen die Mütter: „Okay, mit dem darfst du ausgehen. Da bist du in sicheren Händen. Der knutscht nicht zu früh rum." Dann gibt es den Bruder-Typ. Der ist auch sexy. Aber nicht gefährlich sexy. Eher zum Anlehnen. Das waren oft die besten Tänzer der Gruppe. Ihre Körper waren am besten durchtrainiert. Aber sie waren eher zum Kuscheln. Als drittes ist da der Sweet-Heart-Typ. Typen wie Nick Carter oder Mark Owen. Sie sind für den Zucker-Faktor in der Gruppe zuständig. Der wichtigste Typ, ohne den überhaupt nichts geht, ist der Bad Boy. 
Also Robbie Williams bei Take That oder AJ bei den Backstreet Boys. Die waren Symbole fürs Dunkle und Gefährliche. Da sagten die Mütter: „Mit dem gehst du auf keinen Fall nach der Show ins Backstage". Bei vielen Bands gab es den Fünften, den alle vergessen haben. Für den wollen wir eine Lanze brechen. Der muss genau so viel können wie die anderen. Er bekommt in der Show endlich sein 
Solo und wird abgefeiert. Welche Herausforderungen gab es, um in den „Boybands forever"-Castings die geeigneten Darsteller zu finden? Hermanns: Ich musste mit dem Choreographen Marvin Smith ganz schnell herausfinden, wer welcher Typ sein kann. Das erste Casting war in London, mit 150 Jungs. Nach der ersten Choreographie war schon die Hälfte raus. Dann folgte der Gesang. „Breathe Easy" hat die schönsten und schwersten Töne. Da brauchst du Pop-Tenöre, die den Ton oben halten können. Die Optik ist wichtig. Der Schwiegersohn muss auch aussehen wie ein Schwiegersohn. Nicht wie der Bad Guy. Beim Recall am nächsten Tag haben wir Fünfer-Kombinationen nachgestellt. Du siehst, ob es zusammen stimmt. Die Größe und die Haare. Das ist wie ein Puzzle. In der ersten Runde hatten wir noch zehn Darsteller, die kombinierbar waren. Das Casting in Hamburg war ernüchternd. Dann sind wir wieder nach London und haben die Amerikaner, die jetzt mitspielen, rübergeholt. Ich habe schon viele Musical-Castings gemacht. Aber so etwas Schweres noch nicht. Wir haben für eine Rolle in Kombination mit vier anderen Schauspielern gecastet. Die nur zusammen funktionieren. Das war für mich völlig neu und völlig irrsinnig. Welche Fähigkeiten sind gefragt? Hermanns: In einer richtigen Boyband gab es immer Experten. Wer die beste Stimme hatte, musste nicht am besten tanzen. Wer am besten tanzte, konnte auch mal nur „uh" und „ah" machen. Unsere Schauspieler müssen in zwei Stunden alles machen und mehr können als die echten Boygroup-Mitglieder. Im Video kannst du schneiden, im Tonstudio nacharbeiten. Hier wird in echt gesungen und gleichzeitig getanzt. Deshalb bin ich so begeistert. Das Level, was auf einer Bühne leistbar ist, haben wir hochgeschraubt. Jeden Abend und dann in anderen Städten, das ist wirklich irre. Stand-up-Comedian Ole Lehmann erklärt dem Publikum als Moderator die Zusammenhänge. So lässt sich gut auf bestimmte Aspekte achten. Wir erzählen übrigens auch Theaterszenen hinter den Kulissen und zeigen Skandale. Weshalb und für wen lohnt es sich „Boybands forever" anzuschauen und warum sind Sie nicht als Moderator dabei? Hermanns: Es geht quasi um Feiern mit Erlaubnis. Die Fans von früher nehmen heute ihre Töchter mit. Wir haben den Anteil der Hetero-Männer inzwischen erhöht und ihnen klar gemacht, dass sie auch eine Art von Coming Out bei uns durchmachen dürfen. Weil sie ja auch in Karaoke-Bars „Back for good" trällern, wenn die Frauen nicht dabei sind. Es ist ein gegenseitiges Geheimhalten, so ein bisschen. Nach der Show können die Männer den Bad Boy machen und beide Seiten sind glücklich. Wir setzen uns für die deutschen Paarbeziehungen ein. Bald können die Hetero-Männer zusammen mit ihren Frauen die Boyband-CDs anhören. Das ist auch gut für den Ehefrieden. Unsere Show ist für Frauen, die gerne ihren Spaß haben und dazu nicht unbedingt ihre Männer brauchen. Ich habe die Revue als Form gewählt, um die Balance zwischen meiner Liebe zum Pop und am Trashigen zu finden. Es ist ein wilder Mix. Jeder kann jederzeit aufstehen und mitmachen. Der Steh-Sitz-Anteil wird spannend. Unsere Show funktioniert überall. Auch in Korea. Der Moderator vermittelt meine Haltung. Ich könnte auch moderieren. Aber zeitlich schaffe ich das nicht. Und es gibt Gesangsparts der Moderation, die ich stimmlich nicht schaffen würde. Haben Sie mal davon geträumt, Star einer Boyband zu sein? Hermanns: Ich wollte immer Frida von Abba sein und am liebsten den Frauenpart in einer Band übernehmen. Und ich war eher Klassensprecher mit Kassengestell. Da hätte ich nichts gerissen. Als Darsteller für die Show kommen Sie also nicht in Frage. Aber was passiert, wenn einer der fünf neuen Stars ausfällt? Hermanns: Sehr wichtige Frage. Auf der Tour sind sogenannte Swings dabei. Also Ersatzspieler auf der Ersatzbank, die im Notfall einspringen können. Das ist sonst zu gefährlich. Genau wie bei jedem Musical gibt es Zweitbesetzungen, die im Notfall auf die Bühne können. Der Swingpart ist noch schwieriger, weil nicht nur für eine Rolle gelernt wird. Also wird vorausgesetzt, zwei Rollen tanzen und singen zu können. Im Notfall mal hinten links oder rechts, mal ist es die zweite, mal die dritte Stimme. Das ist fast noch schwieriger als die Erstbesetzung. Also wird zwischen Sweet Heart und Bad Boy hin- und hergeswitcht? Hermanns (lacht): Gerade zwischen diesen beiden Rollen nicht. Zwischen Sweet Heart und Schwiegersohn und auch zwischen Bad Boy, Bruder-Typ und dem Fünften ist das möglich. Das ist so die mögliche Richtung. Aber zwischen Sweet Heart und Bad Boy, das schafft niemand. Gehen Sie mit auf Tour? Hermanns: Ich schaue mir einzelne Shows an und mache meine Regie-Arbeit weiter. Am liebsten würde ich mit dem Bus durch die Nacht fahren. Aber ich bin dieses Jahr auch bei „Let’s Dance" dabei. Der Nightliner fährt nach der Show auch ohne mich weiter, wenn er durch die Fans durchkommt. Widmen Sie sich zeitgleich zu „Let’s Dance" und ihrer Revue weiteren Projekten? Hermanns: Im Moment gibt es zum 25. Geburtstag des Quatsch Comedy Clubs neue Shows auf Sky. 16 Folgen haben wir bisher dafür gedreht. Das nächste Projekt ist für mich die „Goldene Kamera" am 22. Februar. Vor zwei Jahren habe ich ein Berlin-Musical geschrieben, das eventuell in London auf Englisch gespielt wird. Lustigerweise wollen die Londoner viel über Berlin wissen, weil sie das gerade spannend finden...

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