Gutes Team: Martin Rütter mit seiner Hündin Emma. - © Guido Engels
Gutes Team: Martin Rütter mit seiner Hündin Emma. | © Guido Engels

Kopf der Woche Martin Rütter: "Es ist absurd, dass es keinen Hundeführerschein gibt"

Martin Rütter hilft Hundebesitzern, mit ihren Vierbeinern auszukommen. Dabei sucht er das „Problem“ an beiden Seiten der Leine

Jessica Weiser

Martin Rütter, Deutschlands bekanntester Hundetrainer, hilft Hundebesitzern, mit ihren Lieblingen auszukommen. Dabei sucht er das „Problem" an beiden Seiten der Leine. Wir haben mit dem 47-Jährigen über Missverständnisse, den Dackelblick und über Parallelen zwischen Hunde- und Kindererziehung gesprochen. Herr Rütter, Sie haben zahlreiche Bücher geschrieben, sind regelmäßig im Fernsehen und gehen nun mit Ihrem vierten Bühnenprogramm auf Tour: Man könnte schon sagen, dass Sie nicht locker lassen, wenn es darum geht, das Verhältnis zwischen Hund und Herrchen zu verbessern. Martin Rütter: Ich kann sehr, sehr penetrant sein (lacht). Aber nicht locker lassen, bedeutet ja auch eine Leidenschaft für etwas zu haben. Es ist nicht meine Art, Leute dogmatisch zu missionieren. Ich glaube, dass das Lernen über Bilder im Kopf und Humor viel besser funktioniert als über eine Powerpoint-Präsentation oder lateinische Fachbegriffe. In der neuen Show "Freispruch" bezeichnen Sie sich als "Anwalt der Hunde". Warum steht Bello überhaupt vor Gericht? Rütter: Das frage ich mich auch! Ich habe wirklich das Gefühl, dass ich mich zu einer Art Anwalt für Hunde entwickelt habe. Die Leute schieben alles immer dem Hund in die Schuhe. Der Hund zieht an der Leine, der Hund haut ab, der Hund bellt, wenn der Postbote kommt. . . Ich erkläre dann, dass der Hund nichts dafür kann. Er ist ein Produkt seiner Erziehung. Das Problem ist also am anderen Ende der Leine? Rütter: Ich habe bis heute rund 6.500 Hunde selber im Training gehabt und da war keiner dabei, wo ich gesagt hätte, da hat die Natur etwas falsch gemacht. Aber es liegt nicht nur am Halter. Natürlich kannst du einen Hund kriegen und der ist eine Arschgeige. Aber dann ist die Frage, wer ihn gezüchtet hat. Wenn man die Hunde machen lassen würde, dann hätten wir in 20 Jahren nur noch 20 Kilo schwere Mischlingshunde, die keine gesundheitlichen Probleme hätten und die tauglich wären. Was ist das größte Missverständnis zwischen Mensch und Hund? Rütter: Ich komme nie zu Hausbesuchen und sage, die eine Sache machen Sie falsch. Es sind immer viele Kleinigkeiten, die sich ansammeln. Zum Beispiel sind Menschen nicht konsequent genug. Wir stellen Spielregeln auf und weichen sie selber wieder auf. Mal dürfen die Hunde etwas, dann wieder nicht. Das verunsichert. Außerdem sind wir emotional eng mit dem Hund verbunden. Das finde ich toll, aber plötzlich verschwinden die Grenzen und der Hund wird vermenschlicht. Das kann nicht funktionieren. Viele unterschätzen zudem, wie sehr ein Hund beschäftigt werden möchte. Ich komme oft zu Hausbesuchen und stelle fest, dass der Hund total unterfordert ist. Das verstehen die Besitzer gar nicht, weil sie doch jeden Tag drei Stunden spazieren gehen. Das reicht nicht? Rütter: Viele verwechseln Bewegung mit Beschäftigung. Die geistige Auslastung kommt oft zu kurz. Nehmen wir uns als Beispiel: Wenn wir beide eine Stunde Tennisspielen, dann sind wir nicht annähernd so erschöpft, als wenn wir uns für einen Chinesisch-Kurs anmelden und Vokabeln lernen. Das fordert ja viel mehr. Wer ist Ihrer Erfahrung nach schwerer zu erziehen: Hund oder Herrchen? Rütter: Ich trainiere nie den Hund. Warum nicht? Rütter: Wenn ich mit dem Hund trainiere, dauert es fünf Minuten, dann weiß er, was ich von ihm will. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich ein Hundeflüsterer bin oder eine besondere Ausstrahlung habe. Ich verstehe nur, was der Hund will. Das gibt dem Hund Sicherheit. Beispiel: Ich war nach der Schule in Australien und mein Englisch war bescheiden. Immer wenn ich Deutsche getroffen habe, bin ich direkt zu denen. Die Sprache hat mir Sicherheit gegeben. Wenn ein Hund merkt, der versteht mich, dann gibt das Sicherheit und Orientierung. Den Hund zu trainieren, wäre ganz einfach, aber es hilft dem Besitzer nicht. Deshalb muss ich beim Menschen ansetzen und das ist manchmal echt schwierig. Woran liegt das? Rütter: Weil ich ein Weltbild zerstöre. Ich rate den Besitzern, sich von einem vertrauten Ritual zu verabschieden. Oder ich muss ihnen sagen, dass das, was sie immer für richtig gehalten haben, falsch ist. Das macht die Komplexität des Trainings aus. Erziehen eigentlich Herrchen und Frauchen unterschiedlich? Rütter: Frauen sind die besseren Hundeerzieher. Sie sind konsequenter, empathischer und einfühlsamer. Das ist jetzt kein Macho-Geplappere, aber sie sind biologisch mehr darauf ausgerichtet, die Familie zusammenzuhalten und zu erziehen. Männer sind zum Teil richtig schwierig. Sie versuchen alles über Kraft zu regeln. Ich habe oft Hausbesuche und sage, wenn ihr jetzt nicht aufpasst, beißt der euer Kind. Eine Frau fragt sofort: Wie können wir das vermeiden? Was können wir tun. Ein Mann sagt: Wenn er mein Kind beißt, schmeiße ich ihn raus. Aber der Ochse versteht nicht, dass es dann schon zu spät ist. Könnte ein Führerschein für Hundehalter Abhilfe schaffen? Rütter: Ja! Seit 25 Jahren renne ich zu Ämtern und rede mit Politikern. In Deutschland muss man für jeden Mist eine Zertifizierung haben. Jemand, der angeln geht, muss einen Angelschein machen. Das ist auch richtig so, keine Frage. Aber der Angler ist keine Bedrohung für die Gesellschaft. Ein Hundehalter beziehungsweise ein Hund kann das werden und zwar durch Unwissenheit. Es ist absurd, dass es keinen Hundeführerschein gibt. Wie sollte das aussehen? Rütter: Mit Hundeführerschein meine ich nicht, dass die Hunde Sitz, Platz, Fuß und Bleib lernen. Vielmehr sollten die Menschen schon bei der Auswahl des Hundes begleitet werden. Viele kaufen sich einen Hund, der gar nicht zu ihnen passt und den sie niemals händeln können. Stattdessen könnte es drei Wochenendseminare geben, wo sie informiert werden. Zum Beispiel, wo sie seriös einen Hund bekommen, was die Grundbedürfnisse eines Hundes sind und so weiter. Das wäre nicht kompliziert. Warum funktioniert das noch nicht? Rütter: Das Argument ist immer, dass das deutschlandweit nicht standardisierbar ist. Dabei habe ich in jedem Kuhkaff eine Hundeschule. Wir könnten das innerhalb von 24 Stunden umsetzen, auch zu einem überschaubaren Preis. Aber es besteht kein ernstes Interesse daran. Sie kennen sicherlich Sätze wie: "Der will nur spielen" oder "Der tut nix". Was sagen Sie dazu? Rütter: Das ist immer dieselbe Reihenfolge. Der Hund rennt dem Jogger hinterher: „Der tut nix." Der Hund springt den Jogger an: „Der will nur spielen." Der Hund beißt den Jogger: „Das hat er ja noch nie gemacht." Jeder weiß, dass ich ein Hunde-Fan bin und mich für Hundehalter einsetze. Aber ich sage: Leute, wenn Ihr einen Hund habt, der Menschen nervt oder gefährlich ist, dann dürft Ihr den nicht frei laufen lassen. Genau diese Leute sorgen dafür, dass ein schlechtes Bild auf uns alle geworfen wird. Haben diese Halter eine gestörte Wahrnehmung, wenn es um ihren Hund geht? Rütter: Das ist Hilflosigkeit. Wenn sie den Hund abrufen könnten, hätten sie es längst getan. Die meisten Hunde wollen wirklich nur spielen, aber nicht jeder Mensch möchte das. Letztendlich ist ein guterzogener Hund glücklicher als ein schlechterzogener, weil ich ihm Freiheit geben kann. Im Umkehrschluss möchte ich auch mal sagen, dass ich manche Nicht-Hundeleute auch sehr militant finde. Wenn ein Jogger schon aus 200 Metern schreit: „Nimm den Scheiß-Köter an die Leine", finde ich das daneben. Das Stichwort ist Toleranz. Der Jogger darf nicht pöbeln und der Hundehalter darf nicht sagen: „Der tut doch nix." Toleriert und akzeptiert Euch. Also Miteinander statt gegeneinander? Rütter: Absolut. Das ist wie mit dem Flüchtlingsthema. Ich hab einen Freund, der Araber ist und in Deutschland geboren wurde. Der hat erzählt, dass es Zeiten gab, da kam er in Frankfurt auf dem Bahnhof an, und die Leute haben ihm eine Blume in die Hand gedrückt. Ein paar Monate später hat man ihm vor die Füße gespuckt. Das zeigt, wie unreflektiert Menschen sind. Hundeerziehung erinnert ein bisschen an Kindererziehung. Gibt es da Parallelen? Rütter: Ich bin früher gesteinigt worden, wenn ich das behauptet habe. Dabei setze ich Kinder gar nicht mit Hunden gleich. Aber beide brauchen Spielregeln. Die müssen sehr klar definiert sein. Innerhalb des Regelpaketes muss es aber immer auch Spielraum geben. Da müssen die Charaktere sich ausleben dürfen. Man muss individuell reagieren. Wie muss man sich das vorstellen? Rütter: Ich habe fünf Kinder, die unglaublich unterschiedlich sind. Bei einem meiner Söhne kann ich mal eine Ausnahme machen. Da verändert sich nichts. Ich hab eine Tochter, wenn du da eine Ausnahme machst, ist drei Wochen die Hölle los. Genau so ist das bei Hunden. Es gibt Hunde, da kannst du alles falsch machen. Dann klauen sie Kuchen vom Tisch, aber sie werden nicht aggressiv. Und dann gibt es Hunde, da machst du zwei Kleinigkeiten falsch und hast ein Problem. Es gibt nur einen großen Unterschied. Bei Kindern sind wir darauf aus, sie zur Selbstständigkeit zu erziehen. In der Sekunde, wo der Hund lernt, eigenständig zu sein, kannst du einpacken. Sind Sie schon mal an einem Hund gescheitert? Rütter: An einem Hund nicht, aber an der Erziehung von Mensch und Hund. Ich habe keine hundertprozentige Erfolgsquote. Ich glaube, dass wir so 98 Prozent Trefferquote haben, und die 2 Prozent scheitern dann nicht daran, dass der Hund nicht reparabel ist, sondern dass ich merke, da ist ein Mensch nicht bereit, das auch auf sich zu nehmen. Wie ist es eigentlich bei Ihren Hund? Hört der besonders gut? Rütter: Emma kann keinen Salto durch einen brennenden Reifen. Trotzdem gibt es Situationen, in denen ich auch an Grenzen stoße. Es wäre ja naiv zu glauben, dass mein Hund wie ein Roboter funktioniert. Entscheidend ist nur, dass ich Situationen besser einschätzen kann und schnell reagiere. Man sagt ja, dass Mensch und Hund sich oft ähnlich sind. Wenn Sie ein Hund wären, welche Rasse wären Sie? Rütter: Vor rund 15 Jahren habe ich ein Interview mit einer Schülerzeitung gemacht, und da hat mich ein 14-jähriges Mädchen genau das gefragt...

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