Kopf der Woche Christopher von Deylen: „Wir wissen unsere Freiheit nicht genug zu schätzen“

Christopher von Deylen liebt elektronische Musik – und ist damit seit    Jahren als „Schiller“ erfolgreich. Dabei ist ihm seine Unabhängigkeit    besonders wichtig. Warum das so ist, erklärt er im Interview

Janina Raddatz

Er ist seit beinahe zwei Jahrzehnten der kreative Kopf hinter dem Musikprojekt „Schiller": Christopher von Deylen ist mit Herz und Seele Elektromusiker. Im Interview erzählt er nun, warum er keine eigene Wohnung besitzt und deswegen immer woanders übernachtet, was für ihn die elektronische Musik bedeutet und warum er nichts davon hält, sich immer wieder aufs Neue mit der Vergangenheit zu befassen. Herr von Deylen, seit mehr als 18 Jahren sind Sie in der elektronischen Musik unterwegs. Ist das nicht längst out? Christopher von Deylen: Nein. Es ist ein Genre wie viele andere auch, das manchmal mehr im Vordergrund steht und manchmal weniger, aber immer Zuspruch findet. Es geht um ein Lebensgefühl – was sich aber nicht unbedingt aus der Elektronik heraus speist, sondern aus den Emotionen, die ich damit erreiche. Die Musik ist für mich Mittel zum Zweck, um mich auszudrücken, und das fällt mir persönlich mit elektronischer Musik leichter als mit anderen Genres. Sie sprechen von einer gewissen Emotionalität: Kann elektronische Musik mehr als andere Musikrichtungen? Deylen: Sie kann anderes. Elektronische Musik hat mich immer schon mehr angesprochen und mehr Bilder in meinem Kopf erzeugt, als das zum Beispiel Soulmusik macht – der man ja eine große Emotionalität nachsagt. Sie lässt mich aber komischerweise kalt. Vermutlich, weil sehr schnell die Artistik im Vordergrund steht und nicht das Bauchgefühl. Klar, elektronische Musik kann sehr nüchtern und kalkuliert klingen wie bei Kraftwerk beispielsweise. Da bin ich auch nicht unbedingt emotional berührt, sondern staune eher über die Effizienz, mit der Musik schon fast wie ein Ingenieursobjekt gestaltet wird. Dann gibt es aber auch elektronische Musik, die sich jeder Form von erkennbarer Struktur widersetzt und bei der man merkt, dass die Kreateure ihren Gefühlen freien Lauf gelassen haben. Und nicht akribisch und präzise jeden Ton ausgerechnet haben. Wie gehen Sie vor, wenn Sie neue Musik erschaffen wollen? Wie entscheiden Sie, welche Melodien oder Effekte Sie verwenden? Deylen: Es ist eine Mischung aus Glück und Zufall. Es wäre vermessen, etwas anderes zu behaupten (lacht). Auf eine gewisse Art und Weise ist das bei jedem Instrument so, aber bei elektronischen Instrumenten ist es noch etwas anderes. Es ist unkalkulierbar. Diese Instrumente sind zwar darauf angewiesen, dass der Mensch Dinge mit ihnen tut, aber auf dem Weg dahin gibt es immer wieder Rückschläge, bei denen das Instrument oder das Gerät sich verweigert. Oder auf einmal ein Versehen passiert. Daraus entstehen aber die interessantesten Klänge und Melodien. Das bedeutet? Deylen: Bei der Musik, wie ich sie gestalte, ist die Melodie sehr eng mit einem Sound verbunden. Das heißt: Klang und Melodie gehören eng zusammen. Es gibt auch viele Melodien, die nur mit einem spezifischen Klang gestaltet wurden und so funktionieren. Wenn man den Klang befreien und einen anderen Sound nutzen würde, dann ist es wahrscheinlich, dass die Melodie eine andere, schwächere Wirkung erzielt. Ich suche nach Klängen, und die Musik kommt dann meist von selbst. Ich habe selten eine Melodie im Kopf und suche einen Klang – es ist eigentlich immer andersherum. Ist es das, was Ihnen an der Produktion elektronischer Musik besonders Spaß macht? Deylen: Zunächst finde ich es toll, dass ich Musik alleine machen kann. Zu jeder Zeit und mittlerweile an jedem Ort. Zumindest was das grundlegende Kreieren angeht. Das bringt eine große Freiheit mit sich, weil Einfälle und Stimmungen, die Einfälle ermöglichen, unangekündigt kommen. Da ist es hilfreich, wenn man allzeit bereit ist, sich von einer Idee oder einem Gefühl tragen zu lassen. Wie würden Sie Ihre Entwicklung beschreiben, wenn Sie auf die vergangenen 18 Jahre schauen? Deylen: Das fällt mir ausgesprochen schwer, weil ich doch so gerne nach vorne schaue! (lacht). Ich beschäftige mich wirklich sehr selten mit der Herleitung einer Situation, mit dem „Wie konnte es soweit kommen". Ich nehme es als gegeben hin, was gerade in diesem Moment ist. Wenn Sie nach der Entwicklung fragen, dann glaube ich, dass ich viel gelernt habe. Dass ich mich aber auch gleichzeitig noch an jedem Punkt als Anfänger wähne. Alles, was man erschaffen, geschafft und erlebt hat, ist eigentlich in dem Moment, wo es erschaffen wurde, nichts mehr wert. Warum? Deylen: Weil der Blick nach vorne sofort alles Vergangene überlagert. Es liegt mir nicht, das Erschaffene wehmütig zu betrachten und immer wieder neu zu erleben oder gar immer von früher zu erzählen. Oder sich die Vergangenheit an die Wand zu hängen, um sich selbstzufrieden auf den Sessel zu setzen und sich das anzuschauen und am Ende nur noch von früher zu reden. Was sehr leicht ist – natürlich! Das machen auch viele Menschen, die gar nichts mit Musik zu tun haben. Ich habe versucht, da etwas aus meiner Teenagerzeit zu bewahren. Was denn genau? Deylen: Damals reichte es ja schon aus, älter als 20 zu sein, um das „Früher" nicht mehr zu verstehen. Es wurde immer nur von „früher" gesprochen. Und das wurde garniert mit so einem Subtext, dass früher alles besser war. Das mochte ich nicht sonderlich. Da war mir schnell beklommen zumute. Denn ich hatte ja diese Vergangenheit gar nicht, die diese Menschen hatten, die davon sprachen. Ich war zu jung (lacht). Das hat die Gegenwart schon sehr entwertet. Ich habe mir unbewusst wohl vorgenommen, niemals so zu werden. Natürlich gibt es viele Dinge, von denen man sich als Teenager vornimmt, sie niemals so zu machen. Einigen kann man dann entkommen, einige holen einen aber auch ein. Was das „nach vorne schauen" anbetrifft, das habe ich ganz gut geschafft, glaube ich. Was machen Sie denn dann, um sich in der Gegenwart wohl zu fühlen? Deylen: Das ist schwerer, als man denkt, aber die Mühe wert. Es gelingt nicht Stunden am Stück. Aber wenn es am Tag einen Moment gibt, in dem ich mir meiner Freiheit bewusst werden kann, bin ich glücklich. Ich stehe gern sehr früh auf, um einen möglichst langen Tag zu haben. Und vor allem auch einen möglichst langen Abschnitt für mich haben zu können, ohne dass das Weltrauschen mir zu nahe kommt. Das klingt sehr poetisch. Deylen: Mag sein. Ich bin ja nie wirklich fertig in dem Sinne, dass ich etwas vollendet hätte. Ich kann immer noch Dinge anders machen. Es ist nie so, dass ich an irgendeinem Abend aufs Sofa sinke und denke: Geschafft. Es ist immer nur eine Annäherung an das, was ich mir erträumt habe. Auf dem Weg dieser Annäherung bin ich natürlich rastlos und von mir selbst getrieben. Aber keine Sorge, es ist ja alles selbst gewählt. Auf freiwilliger Basis. Zum Glück! Wie meinen Sie das? Deylen: In diesem Moment, wenn ich Ihnen das alles erzähle, dann freue ich mich, dass ich zufrieden sein kann. Obwohl es immer noch etwas zu verändern gäbe: Ein Cover farblich ändern oder ein Stück vollenden. Solche Momente neigen dazu, die ganze Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie können den Blick auf das Große und Ganze verstellen. Sie sprechen immer von Freiheit. Was bedeutet Freiheit für Sie? Vor einiger Zeit haben Sie beispielsweise Ihre Wohnung verlassen, um „selbstgewählt heimatlos" zu leben. Deylen: Daran hat sich nichts geändert. Es ist eine logische Folge meines Freiheitsdranges. Zwischen Waschmittelwerbung und Wahlplakat sieht man die Freiheit kaum mehr. Wir haben uns daran gewöhnt, in Freiheit zu leben. Der Gedanke, sich nicht frei bewegen zu können oder sagen zu können, was man denkt und fühlt, ist uns fremd geworden. Zum Glück! Wie vieles im Leben, was einfach so da liegt, ist man sich des Wertes nicht bewusst. So, wie Wasser aus dem Wasserhahn kommt. Wenn man längere Zeit in einer Gegend war, wo das nicht so ist, lernt man es erst richtig zu schätzen. Was bedeutet das beim Thema Freiheit dann? Deylen: Es ist ein Lebens-Beziehungsstatus bei mir. Ich kann machen, was ich möchte und wann ich es möchte. Aber das bringt auch eine gewisse Verantwortung mit sich. Freiheit hat ein Preisschild – wie alles im Leben. Nicht unbedingt monetär betrachtet, sondern generell. Ich verstehe gut, wenn Menschen sagen, dass sie es anstrengend finden, was ich mache. Und so soll es auch weitergehen? Auf Tour, bei Freunden übernachten, wieder auf Tour, im Hotel übernachten? Deylen: Genau. Ich empfinde es als großes Geschenk, dass ich dieses Leben leben darf. Das ist vielleicht der Grund, warum ich oftmals Verwirrung empfinde, wenn man beinahe mitleidig angeschaut wird, wenn man monatelang auf Tour ist. Ich liebe diese Form des Daseins sehr. Wenn Sie immer unterwegs sind: Wie gönnen Sie sich Ruhe? Deylen: Ich habe tatsächlich lange Zeit gedacht, dass es ruhige Momente geben muss. Dann habe ich versucht, mir etwas einzuteilen und vorzunehmen. Bewusst Pause zu machen. Jedes mal, wenn ich das probiert habe, habe ich mich danach unruhiger gefühlt als vorher. Weil ich merkte, dass ich mir das gar nicht einteilen möchte. Als ich das erkannte, habe ich es gelassen. Ich habe nie Feierabend, weil ich nie arbeite. Ich lebe meine Leidenschaft. Auch an Tagen, die mal länger sind oder an denen ich mich über Dinge ärgere. Meine Interessen sind scheinbar relativ vielfältig, so dass es bei einer Tour nicht nur darum geht, auf der Bühne zu stehen. Worum geht es denn noch? Deylen: Ich denke mir beispielsweise Lichtstimmungen aus und gestalte Filme zu den Stücken. Ich möchte noch so viel machen und denke manchmal, dass mir die Zeit eher davonläuft. Auch im Laufe eines Tages. Und dann dieser Leidenschaft zu entsagen, weil man „mal Ruhe haben muss", das gibt es bei mir nicht. Ich fühle mich eher unentspannt, wenn ich mich adhoc zu entspannen habe (lacht).

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