Johannes Schröder: "Am leichtesten fallen Witze über andere Lehrer und über die Eltern. Sie stehen mitten im Leben." - © Mina Entertainment
Johannes Schröder: "Am leichtesten fallen Witze über andere Lehrer und über die Eltern. Sie stehen mitten im Leben." | © Mina Entertainment

Kopf der Woche Johannes Schröder: „Konferenzen, korrigieren, Noten – das alles hat mir sehr zugesetzt“

Johannes Schröder unterrichtete zwölf Jahre an einem Gymnasium. Nun aber steht er mit seinem eigenem Comedy-Programm  auf der Bühne. Im Interview erklärt er, warum

Julia Gesemann

Zwölf Jahre lang unterrichtete Johannes Schröder an einem Gymnasium in Baden-Württemberg Deutsch. Dann reichte es ihm. Er nahm sich eine Auszeit – und spricht seitdem in seinem ersten Comedy-Programm „World of Lehrkraft – ein Trauma geht in Erfüllung" über den Schul-Alltag. Uns erklärt der 43-Jährige, warum er die Bühne dem Klassenzimmer vorzieht. Herr Schröder, wie traumatisch ist es, Lehrer zu sein? Johannes Schröder (lacht): Natürlich eigentlich gar nicht. Meine Zeit als Lehrer war kein Trauma. Klar, bin ich hier und da auch mal im Klassenzimmer gescheitert. Aber der Titel-Zusatz „Ein Trauma geht in Erfüllung" ist eher eine Anspielung auf die eigene Zeit als Schulkind und die meiner Zuschauer. Das heißt, das Lehrer-Dasein war gar nicht so schlimm? Das klingt in Ihrem Programm manchmal anders . . . Schröder: Überspitzung auf der Bühne gehört dazu, klar. Wenn Sie mich ganz ehrlich fragen: Ich war tatsächlich gerne Lehrer und habe viel Spaß mit den Schülern gehabt, da waren Energie und Lebendigkeit in den Klassen. Jeden Tag gab es neue Herausforderungen, jeden Vormittag musste man Tausende Antworten finden – das war spannend. Ich habe sehr viele Dinge gemocht an der Schule, an dem Unterricht. Warum dann die Auszeit? Schröder: Ich konnte irgendwann Dinge wie Konferenzmarathons, das Korrigieren, die Notengebung und das Strengsein nicht mehr gut verkraften. Das hat mir extrem zugesetzt. Und die Umstellung auf G8 fand ich ganz schlimm. Das war ein sehr großer Einschnitt, da sind auch die Eltern auf die Barrikaden gegangen. Alles musste verschnellt werden, die AGs wurden gekürzt. Ich habe zehn Jahre lang eine Theater-AG geleitet. Die wurde einfach kleiner gemacht, da die Schüler schneller zum Abitur geführt werden mussten. Das alles hat mich zum zeitweiligen Ausstieg motiviert. Das heißt, der Umstieg auf G8 hat auch die Lehrer gestresst? Schröder: Ich glaube, dass die Lehrer eine andere Art von Stress abbekommen haben als die Schüler. Ich denke nur an die Umstellung der Lehrpläne. Ich kann mich noch gut an Konferenzen erinnern, die stundenlang dauerten. Wir saßen hinter verschlossenen Türen und haben überlegt, wie wir den Lehrplan umbauen können. Das hatte mit den Schülern gar nichts mehr zu tun. Zwölf Jahre waren Sie bisher im Schuldienst. Was hat sich noch geändert? Schröder: Da ist die Sache mit der Grundschulempfehlung. Normalerweise können nur die Schüler aufs Gymnasium wechseln, die eine Empfehlung dafür haben. In Baden-Württemberg ist diese aber weggefallen, Eltern können die Wunschschule direkt aussuchen. Und jeder sagt: „Wir versuchen es mal auf dem Gymnasium." Die anderen weiterführenden Schulen werden vom Wert heruntergestuft. Das ist schade. Auf dem Gymnasium hat das zu einer Veränderung in den fünften und sechsten Klassen geführt. Ganz unterschiedliche Schüler versuchen, dort zu überleben. Auch die Anforderungen an die Lehrer sind gewachsen: Wir müssen unter den Schülern aussortieren. Gleichzeitig hat der Einfluss der Eltern zugenommen. Unter dem gesellschaftlichen Druck wird die erfolgreiche Schullaufbahn des Kindes immer mehr zur Familiensache. Und das arme Kind muss versuchen, diesen Erwartungen gerecht zu werden. Jetzt treten Sie als Comedian auf. Wie schafft man als Lehrer den Sprung auf die Bühne? Schröder: In mir war schon immer der Wunsch da, dass ich etwas anderes für mich ausprobiere. Schließlich hat sich die Bühnenarbeit herauskristallisiert. Weil auch die Theaterarbeit mit den Schülern meine kreative Ader zum Vorschein gebracht hat. Und so schön auch die Gemeinschaft unter meinen Kollegen und Freunden war, der Gedanke wurde immer klarer: Du musst noch einmal weg, ein eigenes Projekt auf die Beine stellen. Wie ein kleines Experiment. Eigentlich ein ziemlich großes . . . Schröder: Stimmt. Ich habe meinen Koffer gepackt und bin nach Toronto geflogen. Dort habe ich einen Improvisationskurs gemacht, mit dem Wunsch, Stand-Up-Comedy auszuprobieren. Scham war bei mir damals ein großes Thema, es durfte in der Heimat niemand wissen, was genau ich treibe. Ich habe mich in dem Auslandsprojekt getarnt. Und in Toronto kannte mich niemand. In dieser Heimlichkeit habe ich mich frei gefühlt und konnte mich austoben. Bei Impro habe ich gemerkt, dass ich wenig Talent dafür habe. Aber Stand-Up hat wunderbar geklappt. Und dann? Schröder: Dann war das Jahr schnell rum und es stellte sich die Frage, ob ich zurück in den Schuldienst gehe oder nicht. Für mich war klar: Ich will die Bühnenarbeit mit meinem richtigen Leben verbinden, wieder die Möglichkeit haben, meine Familie und meine Freunde zu sehen, wieder in Deutschland leben. Irgendwann nachts kam mir die Lehrer-Idee. Damit bin ich in Berlin auf offenen Bühnen aufgetreten – und habe gemerkt, dass das Programm gut ankommt. Was sagen Ihre ehemaligen Kollegen und Schüler dazu? Schröder: Die Schüler finden es sehr witzig. Sie kommen zu meinen Auftritten, von ihnen bekomme ich eine positive Resonanz. Bei meinen Ex-Kollegen gibt es die eine Hälfte, die es ganz gut findet, und die andere, die sich davon abwendet, vielleicht auch aus Fremdscham. Und vielleicht auch, weil ich durchaus über Kollegen wie den Sportlehrer herziehe. „Die bildungsferne Spaßgurke aus der Turnhalle". Schröder (lacht): Genau. Es ist eine Neiddebatte und ich hoffe, dass das auf der Bühne auch deutlich wird. Ich möchte niemandem mit meinen Sprüchen weh tun. Es geht darum, dass der Sportlehrer gut aussieht, beliebt ist und die Muskelgruppen am eigenen Körper unterrichten kann. Dagegen stehe ich, der Deutschlehrer, eher unsexy, etwas in der Zeit stehen geblieben, nicht so lebendig und lebensbejahend. Über was sprechen Sie noch gerne? Schröder: Die Justin- und Kevin-Gags funktionieren immer noch sehr gut beim Publikum. Aber ich habe bei ihnen kein wirklich gutes Gefühl. Die Kinder sind bereits durch ihre Namen stigmatisiert und in diese Kerbe will ich nicht immer wieder hauen. Stattdessen spreche ich gerne über die deutsche Sprache, über Metaphern und Euphemismen. Und ich versuche, die Schulhofsprache mit all ihren Wortneuschöpfungen germanistisch zu deuten. Warum eignen sich gerade Metaphern so gut für Witze? Schröder: Wir benutzen pro Tag 160 Metaphern, sie sind sehr präsent. Die Metapher ist kein Stilmittel, sondern eine Art zu denken. Wenn ich also sage „Unsere Liebe war ein Strohfeuer", dann ist das eine lupenreine Metapher. Sie vergleicht aber zwei total unterschiedliche Bereiche miteinander. In diesem Fall vergleiche ich eine Emotion, die Liebe, mit einem landwirtschaftlichen Kollateralschaden, dem Strohfeuer. Oder wenn ich sage „Du bist meine Sonne" – dann wissen alle, was gemeint ist: Du bist hell, du bist warm, du strahlst, du bist der Mittelpunkt meines Universums. Niemand würde auf die Idee kommen: Du bist rund und krebserregend. Ich höre raus, dass Sie ein Sprachfan sind. Schröder: Ja, auf jeden Fall. Ich hatte schon immer gerne mit Sprache zu tun und habe mich immer an sprachlichen Verbindungen erfreut, die eigentlich keinen Sinn ergeben. In meinem Programm spreche ich über mein Single-Dasein, in dem hormoneller Schienenersatzverkehr herrscht. Oder erzähle von Justin, bei dem die pädagogische Kühlkette schon seit längerem unterbrochen ist. An solchen Wortverbindungen habe ich total Freude. Und über wen ist es einfacher, Witze zu machen: Schüler, Kollegen oder Eltern? Schröder: Am Anfang hatte ich eine sehr zynische Phase, da habe ich viele Witze über die Schüler gemacht. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich das überhaupt gar nicht will, und habe vieles rausgestrichen. Am leichtesten fallen die Witze über andere Lehrer und die Eltern. Es ist viel einfacher, Witze über Menschen zu machen, die mitten im Leben stehen. Dabei tritt man niemandem richtig auf die Füße. Jetzt mal ernsthaft: Was müsste sich in unserem Bildungssystem ändern? Schröder: Das ist eine wahnsinnig weitreichende Frage (überlegt). Langfristige Projekte wie eine Theater-AG müssten wieder mehr in das Schulleben integriert werden. Ganz reale Projekte, auf die die Schüler stolz sein können, die aber auch eine Verbindung zu der äußeren Welt haben. Schüler könnten ihre Projektergebnisse der Öffentlichkeit präsentieren, zum Beispiel in Form einer Theater-Vorführung, eines Youtube-Kanals oder einer Schülerzeitung. Wenn meine Schüler ihre Abizeitung gestaltet haben, haben sie Energien entwickelt, die ich all die Jahre vermisst habe. In so einem Projekt zeigen sie auf einmal ein enormes kreatives, aber auch ein organisatorisches Potenzial. Also sollten Kinder praxisbezogener lernen? Schröder: Das ist die alte Debatte. Sollen die Kinder anwendungsbezogen lernen und zum Beispiel eine Steuererklärung machen können? Oder sollen sie allgemein und moralisch erzogen werden, sodass sie eigene Entscheidungen ganz unabhängig treffen und sagen können: „Ich möchte gar keine Steuererklärung machen"? Ich denke, der goldene Mittelweg ist richtig: eine fundierte Grundlagenbildung mit ausreichendem Praxisbezug. Jetzt haben Sie sich eine Auszeit genommen. Was würden Sie denn jemandem raten, der Lehrer werden möchte: Machen – oder lassen? Schröder: Definitiv machen! Ich würde jedem zuraten. Es ist immer noch ein ganz wunderbarer Beruf. Aber kein Beruf für konfliktscheue Menschen. Erziehung hat mit Konflikten zu tun. Das kann anstrengend sein. Egal, ob es eine Diskussion über eine Note ist oder ein Gespräch mit Eltern eines vernachlässigten Kindes. Mit Konflikten umgehen zu können, musste ich hart lernen, das war für mich die größte Lektion. Und warum ist der Beruf wunderbar? Schröder: Jeden Morgen gibt es die Möglichkeit, viele Schüler zu erreichen, sie für ein Thema zu begeistern. Das gelingt natürlich nicht jedes Mal. Aber die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen, sich ernsthaft mit den Schülern auseinanderzusetzen, ihnen etwas mitzugeben und Spaß mit ihnen zu haben, ist da. Das ist etwas ganz Wertvolles...

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