Ilka Bessin: "Ich kann jetzt auf der Bühne Themen ansprechen, die mir wichtig sind – als Ilka, ohne Perücke." - © Mathias Bothor
Ilka Bessin: "Ich kann jetzt auf der Bühne Themen ansprechen, die mir wichtig sind – als Ilka, ohne Perücke." | © Mathias Bothor

Kopf der Woche Ilka Bessin: „Du denkst irgendwann, dass du die Größte bist“

Jahrelang stand Ilka Bessin in pinkfarbenem Jogginganzug auf der Bühne.  Dann war plötzlich Schluss. Nun ist sie zurück – als sie selbst. Im Interview erzählt sie von ihrem neuen Leben und wie der Erfolg sie verändert hat

Anne Wunsch

Pinkfarbener Jogginganzug, ein Diadem auf dem Lockenkopf, viel Schminke – und langzeitarbeitslos. Das war Cindy aus Marzahn, die ab 2005 eine steile Karriere hinlegte: volle Hallen, eigene TV-Sendungen, Assistentin bei „Wetten, dass. . . ?" Hinter der Kunstfigur steckte Ilka Bessin. 2016 war dann plötzlich Schluss. Nach einer Auszeit ist die 46-Jährige nun zurück in der Öffentlichkeit – als Ilka Bessin. Wir haben mit ihr gesprochen. Frau Bessin, haben Sie noch pinkfarbene Jogginganzüge im Kleiderschrank? Ilka Bessin: Ja klar! Das sind Erinnerungen an eine schöne Zeit. Ich durfte so viel erleben, so viel machen, da schmeißt man die Klamotten nicht weg – um Himmels Willen, nein. Diese Stücke sind mir ganz wichtig. Genau wie Geschenke von Gästen – Fans hört sich immer so übertrieben an. Ich habe zu Hause zum Beispiel viele pinkfarbene Kerzen. Und meine pinkfarbenen Turnschuhe kann ich im Sommer noch super anziehen, so ein bisschen Farbe mag ich. Fast zwölf Jahre standen Sie als Cindy aus Marzahn auf der Bühne, im vergangenen Jahr war Schluss. Warum wollten Sie nicht mehr? Bessin: Hör auf, wenn es am schönsten ist, bevor die Leute dich irgendwann nicht mehr sehen wollen. Ich weiß, dieser Satz hört sich abgedroschen an, aber genau so habe ich es gemacht. Ich habe zu einem Zeitpunkt aufgehört, an dem ich für mich gesagt habe: Ich habe alles erlebt. Mehr geht gar nicht. Man kann es irgendwann mit den Programmen oder den Figuren auch überreizen. Ich glaube, das ist nicht gut. Ich stand bis zum Schluss gerne als Cindy auf der Bühne. Aber dann war es genug. Die Entscheidung war also ein längerer Prozess? Bessin: Ja, anders ging das auch gar nicht. Denn ich habe ein Team hinter mir, und diese Menschen verdienen damit ihr Geld. Deshalb war es mir ganz wichtig, das abzusprechen und einen Plan zu haben, wie es für alle danach weitergeht. Hat die Kunstfigur Cindy aus Marzahn
Ilka Bessin verändert? Bessin: Die Kunstfigur Cindy hat mich ganz bestimmt selbstbewusster gemacht. Früher war ich sehr unsicher, eigentlich in allem. Dann habe ich gemerkt, dass die Leute mich nicht nur mögen, weil ich auf der Bühne lustig bin, sondern dass sie das schätzen, was ich mache. Das hat mir das Selbstbewusstsein gegeben, weiterzumachen. Welche negativen Seiten kann der große Erfolg haben? Bessin: Wenn alle zu dir sagen, dass du so toll und lustig bist, dann denkst du auch irgendwann, dass du die Größte bist. Ich dachte, wenn ich komme, steht die Zeit still. Aber nee, das ist nicht so. Wenn man plötzlich nicht mehr so interessant ist, fällt man schnell. Ich habe daraus gelernt, Dinge anders anzugehen. Genauer hinzuschauen, Prioritäten anders zu setzen. Natürlich bin ich auch älter geworden. Gesundheit ist für mich das Wichtigste. Bevor ich noch 300 Termine annehme, achte ich darauf, dass es meiner Familie, meinen Freunden und mir gut geht. Sie sind nach einer längeren Pause mit einem besonderen Projekt zurück in die Öffentlichkeit gekehrt. Für die RTL-Sendung „Stern TV" haben Sie eine Reportagereihe gemacht, in der Sie sozial benachteiligte Menschen besucht haben. Was ist Ihnen besonders nah gegangen? Bessin: Mich berührt besonders, dass wir in Deutschland so eine hohe Kinderarmut haben und immer mehr Jugendliche auf der Straße leben – dabei reden alle lieber darüber, dass die Arbeitslosigkeit zurückgeht. Ich habe Menschen getroffen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, aber von ihrer Rente nicht leben können. Das geht einem einfach nah. Wir werden alle älter. Und wie wird es denn in 20 und 30 Jahren aussehen? Da muss jetzt etwas geändert werden. Wer heute noch nicht mal von seinem Lohn leben kann, wird später nicht von seiner Rente leben können. Das ist die politische Seite. Im Kleinen denke ich, dass man selbst immer mal rechts und links schauen sollte, wo man helfen kann. Es können auch nur Kleinigkeiten sein, denn die helfen oft, das Große zu verändern. Sie haben Kinder besucht, die in sehr armen Familien aufwachsen. Glauben Sie, dass viele Menschen in Deutschland nicht wissen, wie diese Familien leben – oder wollen sie es nicht wissen? Bessin: Ich glaube, dass die meisten Menschen das wissen, aber hilflos sind, weil man nicht weiß, wie man damit umgehen soll. Weil es einem unangenehm ist. Wie fühlen sich die Menschen, mit denen Sie gesprochen haben? Bessin: Sie fühlen sich in erster Linie vergessen und teilweise sind sie sehr hilflos, weil sie nicht wissen, an wen sie sich wenden können, um Hilfe zu bekommen. Wenn Sie sich zurückerinnern: Vor Cindy aus Marzahn waren Sie arbeitslos, was hätten Sie sich damals gewünscht? Bessin: Mehr Verständnis von der Agentur für Arbeit zum Beispiel. Es kommt immer auf den Arbeitsvermittler an, viele sind sehr bemüht. Aber meine Vermittlerin verstand damals nicht, was ich machen wollte. Und dann gibt man auf, weil die Motivation fehlt und fühlt sich nicht mehr als Teil der Gesellschaft, sondern abgegrenzt. Inwiefern haben Sie sich nicht verstanden gefühlt? Bessin: Ich habe Hartz IV bekommen und wollte eine zusätzliche Zahlung als Überbrückungsgeld bekommen, um mich als Comedian selbstständig zu machen. Das wären damals 119 Euro gewesen. Doch es hieß: Diese Hampelei bezahlen wir nicht. Ich bin mit einem Pokal, den ich bei einem Talentwettbewerb gewonnen hatte, und Zeitungsartikeln zum Jobcenter gegangen. Aber das half auch nicht. Doch dann kamen die ersten TV-Auftritte und als es immer mehr wurden, konnte ich mich beim Arbeitsamt abmelden. An dem Tag habe ich mir gesagt, dass ich in meinem Leben nie mehr so abhängig sein möchte. Was hat Ihre Vermittlerin anschließend gesagt? Bessin: Die wollte ein Autogramm, weil sie mich bei „TV Total" gesehen hatte. Da habe ich aber geantwortet: ,Sorry, das kann ich jetzt nicht machen. Sie wollten meine Hampelei ja nicht finanzieren.’ Wenn ich heute mit dem Auto am Jobcenter vorbeifahre, dann erinnere ich mich manchmal zurück und bin ehrfürchtig, weil mir bewusst wird, wie gut es mir heute geht. Ich bin sehr dankbar, weil ich genau weiß, dass andere diese Möglichkeiten nicht bekommen. Müsste es mehr individuelle Förderungsmöglichkeiten geben? Bessin: Für die Menschen ist in den Jobcentern einfach sehr wenig Zeit, um mit ihnen Gespräche zu führen und zu schauen, wie man sie da rausholen kann. Natürlich habe ich nicht den Masterplan. Aber es geht mir darum, den Menschen das Gefühl zu geben, trotz ihrer Arbeitslosigkeit Teil der Gesellschaft zu sein. Wenn jemand einen Gutschein für einen Friseur bekommt, würde er sich danach viel selbstbewusster fühlen und könnte ganz anders auftreten. Zurück zu Ihnen. Sie haben sich mit einer eigenen Modekollektion zurückgemeldet – und mit freizügigen Fotos in der „Gala". Fühlen Sie sich so wohl in Ihrer Haut wie noch nie? Bessin: Wohlgefühlt habe ich mich wahrscheinlich immer, aber ich habe es nicht gemerkt. Ich habe mich beeinflussen lassen oder hatte Leute um mich herum, die mir nicht gut getan haben. Eine Zeit lang habe ich Leggins mit Mickey-Mouse-T-Shirt getragen, dann sagte mir jemand: ‚So kannst du nicht rumlaufen, du stehst doch in der Öffentlichkeit.‘ Durch solche Aussagen habe ich mich sehr beeinflussen lassen. Doch dann habe ich gemerkt, dass mir das nicht gut tut. Jemand hat mir mal einen sehr schönen Spruch gesagt: ‚Bleib so wie du bist, denn besser kannst du nicht werden‘ – genau so ist es. Wie kamen Sie zum eigenen Modelabel? Bessin: Die Idee, Übergrößen zu machen, mit Teilen, die ich selbst gerne tragen würde, hatte ich schon länger. Jeder hat ja so seine Wehwehchen – die Bluse passt einfach nicht richtig oder das Material ist unpraktisch. Dann war ich im Sommerurlaub und habe viele Frauen in diesen bestickten Folklorekleidern gesehen, weiße Kleider mit schöner Spitze. Und man selber steht dann da und denkt sich: Das hätte ich jetzt auch gerne. Das geht aber nicht, weil es nicht passt. Und so wuchs diese Idee weiter. Andere kaufen sich eine Eigentumswohnung und fünf Autos – ich habe ein Modelabel gegründet. Und dann saß ich da mit der Etikettiermaschine und machte die Etiketten an meine eigenen Klamotten – dann ist man so stolz und sagt: Ich habe mir meinen Traum erfüllt. Das ist einfach das Schönste. Über die sozialen Medien gab es viel Lob, aber auch Kritik am hohen Preis. Wie reagieren Sie darauf? Bessin: Ich habe kein Riesenunternehmen hinter mir. Das ist aus eigener Tasche finanziert, mein Geld steckt in dem Label. Und das ist gut so, denn dadurch achte ich ganz anders auf die Produkte. Aber wir haben eben nur 3.500 Teile produziert. Dazu ist es meinem Team und mir wichtig, gute Stoffe zu verwenden und so zu produzieren, dass die Produktionsstätten ihre Mitarbeiter gut bezahlen können. Vor diesem Hintergrund kommt der Preis zustande. Und noch mehr Neues: Sie stehen 2018 wieder auf der Bühne – aber als Ilka Bessin. Bessin: Genau, das Programm heißt „Abgeschminkt" und da stehe ich nackt, also quasi nackt, weil ohne Perücke, auf der Bühne. Das wird für alle ein gelungener, runder Abend. Im wahrsten Sinne des Wortes. Haben Sie Angst davor, weil Sie sich dann hinter keiner Kunstfigur mehr verstecken können? Bessin: Ich freue mich darauf, Themen anzusprechen, die mir wichtig sind. Weil ich, Ilka, das dann wirklich anspreche und es auch so wahrgenommen wird. Aber klar, Respekt habe ich immer davor. Denn es kann immer etwas schiefgehen. Aber wenn das passiert, habe ich gelernt, aufzustehen, kurz einen Heulkrampf zu bekommen und weiterzumachen. Das gehört dazu. Ganz nach dem Motto: Das Leben ist schön – von einfach war keine Rede.

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