Kopf der Woche Heide Keller: „Ich wollte noch in Pumps die Gangway heruntergehen“

Schauspielerin Heide Keller spielte 36 Jahre lang die Chefhostess Beatrice auf dem ZDF-„Traumschiff“.  Nun verlässt sie das Format. Im Interview spricht sie über den  Abschied, die Zeit danach und ihr Buchprojekt

Julia Gesemann

Das „Traumschiff" ohne Beatrice? Undenkbar. Doch nun verlässt Schauspielerin Heide Keller nach 36 Jahren die ZDF-Serie. Die Neujahrsfolge wird die letzte sein, in der die 76-Jährige als Chefhostess zu sehen sein wird. Mit uns spricht sie über ihren Filmabschied und die Zukunft ohne Schiff.Frau Keller, Sie haben mich und meine Familie viele Jahre als Beatrice durch die Fernsehabende begleitet. Heide Keller: Das freut mich. Haben Sie die neuen Folgen auch schon gesehen? Ja. Keller: Sehr gut. Dann drehen wir den Spieß doch mal um, und ich frage Sie zuerst, wie Sie die Weihnachtsfolge und die Geschichte mit Beatrices Haus in Italien fanden? Ich bin nämlich mit mir immer sehr kritisch und sehr streng – und das auch mit Recht. Ich muss Kritik ertragen können, sonst könnte ich keine Schauspielerin sein. Die Irrungen und Wirrungen rund um Beatrices Haus? Großartig. Oskar Schifferle und Dr. Sander, die einige Unruhe verbreiten und in dem Irrglauben, Beatrice habe sich für viel Geld einen alten Haufen alter Steine aufschwatzen lassen, in Aktionismus verfallen. Sie stehen wie immer an Beatrices Seite ... Keller: … und wollen sie von dem Steinhaufen befreien. Schön, das freut mich, dass es Ihnen gefallen hat! Und wie fanden Sie die Neujahrsfolge? Ohne unseren Lesern zu viel zu verraten: Am Ende, in Beatrices Abschiedsszene, musste ich tatsächlich ein wenig schlucken. Wie sie dort im Hafen steht und das Schiff legt ab, das ist bewegend. Keller: Also waren Sie gerührt? Ja. Keller: Aber war ich in dem Moment eine Frau, die positiv gestimmt ist und denkt: „Wenn gegangen wird, wird gegangen, es war eine schöne Zeit"? Oder stand dort eine arme, heulende Frau, die nun leider gehen muss? Nein, ersteres. Keller: Das ist gut, dann habe ich es halbwegs richtig gemacht. Ich bin nie ganz zufrieden mit mir. Diese Szene habe ich fünfmal gedreht. Der ganze Hafen war voll, alle Kollegen, wirklich alle Kollegen, standen hinter der Kamera. Das rührt einen dann schon. Aber ich wollte in dieser Szene nicht heulen. Ein Tränchen, ein bisschen Trauer und Wehmut, das ist in Ordnung. Aber ich wollte nicht wehleidig rüberkommen. Als Beatrice wollte ich vor allem mit Dankbarkeit und Freude zurückblicken. Das kommt rüber! Keller: Ja? Ach, dann habe ich alles richtig gemacht. Dankeschön. Jetzt dürfen Sie mich alles fragen (lacht). Nach 36 Jahren gehen Sie als Beatrice von Bord – warum war es Zeit für einen Abschied? Keller: Irgendwann muss etwas zu Ende sein. Ich habe diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen. Ich hatte die große Chance, den Zeitpunkt meines Abschiedes selbst zu bestimmen. Und ich glaube, ich habe ihn richtig bestimmt. Ich bin auch froh, dass ich es gemacht habe. Und wenn Sie dann auch noch sagen, dass Sie es mit Liebe haben anschauen können, dann ist das sehr schön. Ich bin dankbar für eine lange, wunderbare Zeit, für viele Menschen, die ich kennengelernt habe, und dass ich die ganze Welt sehen durfte. Aber solange ich noch in Stöckelschuhen die Gangway herunterlaufen kann, ist es der richtige Zeitpunkt zu gehen. Ich heule jetzt noch, wenn ich daran denke, wie mein Team, die große „Traumschiff"-Familie, mich nach dem Dreh verabschiedet hat. Bestimmt ein bewegender Moment. Keller: Ja. Das ganze Team stand unten an der Gangway, als ich runterkam. Ich hatte aber in dem Moment keine Stöckelschuhe an, die waren schon im Koffer (lacht). Aber ich hatte einen Hut auf und habe das Team gefragt: „Genügt euch das?". Da haben sie alle gelacht. Und dann bin auch ich lachend die Gangway heruntergekommen. Da standen alle, auch der richtige Kapitän der MS Amadea und die Offiziere. Das Schiff hat sogar gehupt, was ja eigentlich im Hafen verboten ist, die „Traumschiff"-Melodie spielte – und dann habe ich geheult. Sie haben unter einem Pseudonym Ihren Filmabschied selbst geschrieben. Was war Ihnen dabei wichtig? Keller: Dass ich bei der Rolle bleiben kann, wie ich sie für mich all die Jahre entwickelt habe. Ich wollte die Beatrice bleiben, die dem Käpt’n die Meinung geigt, die mit dem Arzt rumschäkert und die überhaupt immer alles besser weiß als die anderen (lacht). Die aber trotzdem von ihren Männern auf dem Schiff gemocht wird. Ich wollte nicht – was wahrscheinlich drei von fünf Autoren eingefallen wäre – , dass ein schicker, älterer Herr mich heiratet. Beatrice sollte nicht nach Jahren der Selbstständigkeit in den Hafen der Ehe geschickt werden. Mir war wichtig, dass Beatrice bewusst Abschied nehmen kann von einer Zeit, für die sie dankbar ist und die sie als glücklichste Zeit ihres Lebens bezeichnet. Was vermissen Sie nun am „Traumschiff"? Keller: Ich vermisse am meisten die wirkliche, tägliche Begegnung mit Menschen, die ich mag. Auf dem Schiff habe ich mich immer gut gefühlt. Ich wusste, wer in welcher Kabine wohnt und neben wem ich beim Essen sitzen werde. Diese Gemeinschaft, die vermisse ich. Aber das ist jetzt so, das habe ich so entschieden. Und nun schaue ich mal, was ich mit dem Rest der Zeit anfange (lacht). Wie geht es denn weiter? Sind Sie jemand, der seine neu gewonnene Freizeit erst einmal in vollen Zügen genießt? Keller: Ich habe noch nie so viel Stress gehabt wie im Moment. Da sind die Interviews, Auftritte in Fernsehtalkshows... Und ich schreibe auch an einem Buch. Ich soll 200 Seiten abliefern und mir fehlen noch 30 Seiten, die habe ich aber schon im Kopf. Dass da noch viel Arbeit auf mich zukommt, ist klar. Aber so habe ich eine Aufgabe. Ein Sprung in die Vergangenheit: Sie haben nach Ihrer Ausbildung in Düsseldorf seit 1962 Theater gespielt... Keller: Ich habe immer Theater gespielt, mein ganzes Leben lang. Wir haben von Januar bis April „Traumschiff" gedreht, den Rest des Jahres habe ich aber nicht Däumchen gedreht. Nur 2017 habe ich ausgesetzt. Und dann kam ich vom letzten „Traumschiff"-Dreh nach Hause und es klingelte an der Tür, es war ein Freund von mir, mit einem Drehbuch in der Hand, und er hat mir eine Rolle angeboten. Da hatte ich noch nicht mal ausgepackt, wollte den „Traumschiff"-Abschied seelisch verarbeiten – deshalb habe ich abgelehnt. Aber ansonsten freue ich mich, wenn ich gute Theaterangebote bekomme, und ich hoffe, dass ich das noch lange machen kann. Ich will ja nicht den Beruf aufgeben – was soll ich auch den ganzen Tag sonst tun? (lacht) Wie ist Ihnen denn der Sprung von der Bühne aufs „Traumschiff" geglückt? Keller: Wolfgang Rademann war mit Harald Juhnke zusammen in einer meiner Vorstellungen des Stückes „Sextett", das ich in Berlin gespielt habe. Ich habe Wolfgang gut gefallen. Später wurde ich gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte. Zunächst waren ja auch nur sechs Folgen geplant... … aus denen 80 Folgen und 36 Jahre wurden. Hätten Sie das gedacht? Keller: Ach was! Ich war ja schon verblüfft, als ich noch einmal bei weiteren sechs Folgen dabei sein durfte. Aber es gab eine Zeit rund um 1998, als wir auf die „MS Deutschland" gegangen sind, in der ich gedacht habe: „Ja, es wird so weitergehen, bis es nicht mehr geht." Was ist das für ein Gefühl, plötzlich von jedem erkannt zu werden? Keller: Keiner wird Schauspieler, um unerkannt im Dunkeln heimlich Theater zu spielen (lacht). Das Erkanntwerden ist ein Erfolgsgefühl. Aber letztlich war mir das Theaterspielen immer wichtiger. Das Bekanntwerden fand ich zunächst ganz toll. Da habe ich gedacht: „Jetzt biste wer." Dass es aber auch eine Kehrseite der Medaille gibt... Ich habe nicht gelernt, wie man mit Presse umgeht. Das musste ich erst lernen. Und was mich immer gestört hat, sind diese verklemmten Leute, die an mir vorbeigehen, dann stehenbleiben und sich laut über mich unterhalten. Ich bin doch kein Tier im Zoo! Es macht mir aber Freude, wenn mich die Leute auf der Straße ansprechen. Die meisten Leute begegnen mir mit Freude, und dann bin ich glücklich. Die Rolle der Beatrice hat sich sehr weiterentwickelt. Anfangs durfte sie nur wenige Sätze sprechen. Jetzt kennen die Fans sie als fürsorglich, aufopfernd und integer. Wie viel Heide Keller steckt in Beatrice? Keller: Ich bin keinesfalls so unendlich gütig und verständnisvoll, wie ich Beatrice gespielt habe. Ich bin auch nicht so geduldig. Aber die Art, wie sie mit Dingen umgeht, da habe ich viel von mir reingebracht. Wie ich zum Beispiel mit meinen Männern auf dem Schiff geredet habe: „Käptn, was ist denn hier los?" zum Beispiel. Beatrices Art zu reden, entspricht schon sehr meiner Art. Welcher Moment auf dem „Traumschiff" war für Sie der schönste? Keller: Da gab es so viele. Da kann ich nicht einen Moment hervorheben. Mir ist ja keine Sternschnuppe in die Hände gefallen (lacht). Zu den schönen Momenten gehörten auch die Abende, an denen ich noch alleine an Deck gesessen habe, unter den Sternen. Gibt es eigentlich noch Länder, in denen Sie noch nicht gedreht haben? Keller: Wo war ich denn noch nicht? Ich war auf jedem Erdteil. Ich wollte immer gerne in Alaska drehen. Aber das wäre nur im Hochsommer möglich gewesen. Und Wolfgang Rademann wollte in den Folgen immer gerne eine Palme dabei haben. Es gibt kaum ein Land, das ich nicht kenne. Im Himalaya war ich noch nicht, da ist ja kein Hafen... (lacht) Reisen Sie denn privat künftig weiter? Keller: Ich werde sicher nicht mehr so weite Flüge machen. Schöner, als ich es erlebt habe, kann ich es kaum noch erleben. Ich mag den europäischen Sommer, bin gerne in Holland an der Küste, in Frankreich oder in Italien. Und eine Kreuzfahrt? Keller: Kann ich mir im Moment nicht vorstellen. Ich wüsste auch nicht, auf welchem Schiff. Schon der Abschied von der „MS Deutschland" war nicht einfach. Das Schiff war jahrelang wie mein Zuhause, dort hatte ich fast immer dieselbe Kabine. Nach so vielen Jahren des vertrauten Wohnens war die Umstellung auf das neue „Traumschiff", die „MS Amadea", groß. Auch wenn wir an Bord sehr liebevoll empfangen worden sind...

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