- © ZDF/Christoph Dammast
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Kopf der Woche Bianca Hein: „Ich bin ehrlich gesagt kein großer Krimigucker“

Schauspielerin Bianca Hein spielt seit zwölf Jahren die Kriminalhauptkommissarin  Katharina Hahn in der ZDF-Serie „SOKO München“. Ob sie privat  auch ein Krimi-Fan ist, verrät sie im Interview

Julia Gesemann

Die meisten dürften sie als Katharina Hahn kennen. Schon im zwölften Jahr spielt Bianca Hein die Kriminalhauptkommissarin in der erfolgreichen ZDF-Krimiserie „SOKO München". Im Januar gibt es diese Vorabendserie schon seit 40 Jahren. Ein Gespräch über den Erfolg des Formates, die Rolle der Frau in einer von Männern geprägten Krimi-Welt und die Vereinbarkeit von Familie und Vollzeit-Job. Frau Hein, Ihre erste Begegnung mit „SOKO München"? Bianca Hein: Ich bin damit aufgewachsen. Mein Baujahr liegt kurz vor dem ersten Drehtag der SOKO – 1976. Als Grundschülerin konnte ich es manchmal zufällig sehen, wenn meine Eltern SOKO schauten. Aber regelmäßig sehen durfte ich es nicht. Es war ja auch viel brutaler als es heute ist. Es gab Kopfschüsse zu sehen, es wurden nackte Frauen auf der Liege gezeigt . . . Dann bekam ich die Rolle, und es war faszinierend, mit den Schauspielern in einer Serie zu spielen, die ich aus meinen Kindertagen kannte. Diese Schauspieler haben über die Jahre hinweg die Krimiserie sehr geprägt. Wie ist es, eine Kriminalhauptkommissarin in dieser Männerdomäne zu spielen? Hein: Unser Team hat sich im Laufe der Zeit ja verändert. Wir sind jetzt fünf Kommissare, und seit drei Jahren bin ich nicht mehr die einzige Frau. Nichtsdestotrotz hat die Frau nicht immer die leichteste Position in dieser Konstellation. Katharina Hahn fing als Anfängerin an, hat sich zur Kriminalhauptkommissarin hochgearbeitet. Sie hat Erfahrungen errungen, hat an Professionalität gewonnen – sie hat sich über die Jahre durchaus entwickelt. Aber es ist immer noch spannend, wie das Verhältnis zu den männlichen Kollegen ist. Ich spüre da schon hin und wieder, dass es diese Vorstellungen gibt: Der Mann ist der Chef. Rollenvorstellungen, die Sie auch am Set beobachten? Hein: Als ich angefangen habe, waren fast nur Männer am Set: Kameramann, Kamerassistent, Materialassistent, Tonmeister, Tonangler, Herstellungsleiter, . . . Es war eine Männerdomäne. Was ich aber spannend finde: In den vergangenen Jahren hat sich das geändert. Wir haben jetzt eine Herstellungsleiterin, eine Redakteurin, wir haben Regisseurinnen. Das müssen Sie sich vorstellen: Erst vor fünf Jahren hat die erste Frau bei uns Regie geführt . . . Eine tolle Entwicklung . . . Hein: Oder? Dass jetzt auch Frauen durchaus Kamera machen dürfen, wir einige Regisseurinnen am Set hatten – das ist für mich eine große Freude. Einfach, weil es noch einmal etwas anderes ist, als Frau mit Frauen zu arbeiten. Also: Nicht nur vor der Kamera, sondern auch hinter der Kamera hat sich die Rolle der Frau in den vergangenen Jahren geändert. Was macht denn den langjährigen Erfolg von „SOKO München" aus? Hein: Sie wissen, warum die Serie früher SOKO 5113 hieß? 5113 war die Durchwahlnummer des SOKO-Leiters Dieter Schenk aus Gießen. Auf seinen Erinnerungen basiert die Serie. Hein: Genau. Der Serientitel bezog sich auf eine Telefonnummer, die es wirklich gab. Und das ist, glaube ich, auch der Grund, warum die Serie so erfolgreich ist: Die richtige Polizeiarbeit ist Grundlage für unsere Geschichten. Wir haben immer versucht, sehr realistisch zu sein. Wir werden bei den Drehbüchern polizeilich beraten, wir haben eine Original-Stuntberatung am Set, und als Komparsen spielen meistens echte Polizisten mit. Hinzu kommt: Wir sind ein Team, in dem es menschelt. Wir sind nahbar, machen Fehler. Die Figuren bleiben sehr lange dabei, der Zuschauer erfährt eine gewisse Kontinuität. Aber trotz der knapp 40 Jahre Drehzeit versuchen wir, keine Geschichte zu wiederholen und binden aktuelle Themen in die Handlung ein. . . . und „SOKO München" hebt sich damit von den vielen Krimi-Serien ab? Hein: Ich bin ehrlich gesagt kein großer Krimigucker (lacht). Krimis drehe ich so viele – da freue ich mich sehr, wenn ich mal was ganz Lustiges gucken kann, ganz herzlich lachen kann und keine Toten sehe. Ich weiß nur: Uns zeichnet aus, dass wir versuchen, authentisch zu sein. Das bekommen wir auch von den echten Polizisten widergespiegelt. Ihr Schauspielkollege Michel Guillaume verlässt nach 24 Jahren die Serie, zumindest in seiner Rolle als Theo Renner. Er bleibt aber als Regisseur. Wie geht es weiter? Hein: Mit Michel habe ich gerade meinen ersten Block abgedreht, und es war toll! Dass ein Kollege, der so lange dabei ist und der das Format so gut kennt, inszeniert, ist schon etwas Besonderes. Er kennt die Position der Schauspieler: unsere Fragen, die Ängste und die Bedürfnisse. Und gleichzeitig hat er den Blick durch die Kamera. Das war eine gute Kombination, die der Zuschauer, glaube ich, auch sehen wird. Sonst kann ich nur so viel verraten: Es kommen wirklich spannende Folgen mit guten Geschichten. Und zum 40-jährigen Bestehen wird es bestimmt eine Gaudi geben. Sie spielen im 12. Jahr Katharina Hahn. Wie viel steckt von Ihnen in dieser Rolle? Hein: Schon viel. Ich glaube, es ist immer so, dass ein Schauspieler etwas von sich einbringt. Mit Bianca und mit Katharina ist in den Jahren viel passiert. Wir haben in die Serie eingebaut, dass ich Mutter von zwei Kinder geworden bin. Katharina und ich, wir sind älter und erfahrener geworden, wir beide haben das Familien-Package zu tragen. Was ich sehr schön finde: Katharina ist die einzige Figur in der SOKO, die eine Familie hat. Und es wird ein Familienbild gezeigt, das funktioniert. Katharina ist nicht alleinerziehend oder geschieden . . . . . . wie es ja in vielen Serien zu sehen ist. Hein: Ja! Es spiegelt ja auch leider einen Teil der Gesellschaft wider. Aber es gibt eben auch andere funktionierende Beispiele. Warum nicht auch diese Familienbilder zeigen? Die Frau hat einen Job, eine Familie – und es klappt. Ich finde es wichtig, dass das im ZDF gezeigt werden darf. Katharina ist berufstätig, hat zwei Kinder und trägt große Verantwortung. Sie darf diesen Beruf mit Leidenschaft machen und versucht gleichzeitig, ihrer Familie gerecht zu werden. Ein Zwiespalt, den Frauen kennen, die Karriere und Familie unter einen Hut bringen möchten. Wie ist das als Schauspielerin und Mutter? Hein: Als ich meine Kinder bekommen habe, hatte ich nur eine kurze Pause und durfte schnell wieder einsteigen, wofür ich sehr dankbar bin. Ich durfte meine Kinderbetreuung mit ans Set nehmen, ich habe zwischen den Drehpausen gestillt. Meine Kinder waren bei mir, aber ich hatte trotzdem die Gelegenheit, beruflich dranzubleiben. Ich würde mir wünschen, dass alle Frauen diese Möglichkeiten haben dürften. Es gibt nach wie vor viel zu wenig Unterstützung in diesem Bereich. Das weiß ich auch aus meinem Freundeskreis. Frauen, die in hohen Positionen und dann in Elternzeit waren, bekommen oft nicht die Chance, wieder voll einzusteigen. Wäre Katharinas Beruf auch etwas für Sie? Hein: Ich habe vor der Arbeit der Polizisten meinen allergrößten Respekt. Die Schichtdienste, die Überstunden, die Konfrontation mit der Gesellschaft. Ich glaube, ich wäre dafür zu emotional, mein Fell zu dünn. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich nach Dienstschluss abschalten könnte. Ich würde alles mit nach Hause nehmen. „SOKO München" ist nicht die einzige Serie, in der Sie mitgespielt haben – sind Sie ein Serienmensch? Hein: Bei den ersten Serien, zum Beispiel bei der Telenovela „Verliebt in Berlin", war es so, dass ich mir gesagt hatte: Ich bleibe nur ein Jahr, ich möchte auch noch etwas anderes spielen, wieder ans Theater. Ich hatte diesen Trieb, eine Neugierde, dass ich weiter muss. Dann kam die SOKO. Und jetzt kann ich es selbst gar nicht glauben, dass ich schon so lange für diese Serie drehe. Die Jahre rasen dahin. Wenn Familie ein Thema wird, das erste und dann das zweite Kind kommt, ich den Mann fürs Leben finde und der auch noch in der Stadt lebt, in der ich drehe – eine große Seltenheit. Also bietet die Serie Planungssicherheit? Hein: Absolut. Wenn man als Schauspieler Teil einer guten Serie ist, gibt es keinen Grund zu jammern. Ich weiß noch aus der Zeit als freie Schauspielerin, wie hart dieser schöne Beruf ist. Ich bin viel gereist, ich hatte Fernbeziehungen und habe Theater in unterschiedlichen Städten gespielt. Damals hat das gepasst. An dem Ort zu leben, an dem man auch arbeitet, ist für einen Schauspieler etwas ganz Besonderes. Dass ich im wunderschönen München zur Ruhe kommen kann, ist toll. Vor dreizehn Jahren habe ich an so etwas noch nicht gedacht. Aber mit Familie ändert sich das. Momentan gibt es auch nichts, was mich ans Weiterziehen denken lässt. Es macht einfach eine große Freude, mit diesem fantastischen Team zu drehen. Und es wäre sehr schwer, getrennt von meiner Familie zu sein. Auch wenn Sie an Ihrem Wohnort drehen: Kinder, Familie, lange Drehtage – das klingt nach einem straffen Programm. Hein: Das ist wahr. Und es gibt durchaus auch Tage, an denen ich denke: Ich schaffe es nicht. Vor allem, wenn mein Mann im Ausland ist und ich quasi alleinerziehend bin. Ich habe zwar eine Hilfe für die Kinder, aber jeder Drehtag ist sehr unterschiedlich, wann wir anfangen, wo und wie lange wir drehen. Da ist Flexibilität gefragt, und krank sein geht nicht. Drehtage dürfen nicht ausfallen, das wäre für die Produktion ein Desaster. Somit muss jeder Tag neu organisiert werden. Das ist sehr kräftezehrend. Aber dann denke ich an die alleinerziehende Krankenschwester im Schichtdienst – und werde ganz schnell wieder still. Jammern geht gar nicht. Wie können Sie nach einem Drehtag entspannen? Hein: Das ist ganz schwer. Im Auto überlege ich mir schon, welche Geschichte ich meinem Sohn gleich vorlese. Dann gehe ich mit meiner Tochter noch einmal die Hausaufgaben durch. Falls sie noch wach ist. Dann ist noch die Wäsche . . . Abends finde ich keinen Ausgleich, da falle ich nur noch tot ins Bett, mit dem Textbuch auf der Decke. Aber ich jogge sehr gerne am Wochenende. Außerdem haben wir zwei Häschen...

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