Am Meer: Stefan Kruecken ist Gründer des Ankerherz-Verlages.
Am Meer: Stefan Kruecken ist Gründer des Ankerherz-Verlages.

Kopf der Woche Stefan Kruecken: „Wir erzählen Geschichten von Helden des Alltags“

Stefan Kruecken ist Gründer des Ankerherz-Verlages. In zehn Jahren hat der norddeutsche Verlag 24 Bücher veröffentlicht, fünf davon waren Bestseller

Julia Gesemann

Knorrige Seebären, alte Ordensschwestern, Kriegsfotografen: Der Ankerherz-Verlag schreibt und veröffentlicht Geschichten über Menschen des Alltags, reich bebildert, mit Herz und Verve erzählt. Und das schon seit zehn Jahren. Gegründet hat ihn Stefan Kruecken mit seiner Frau Julia. Im Gespräch erklärt der 42-Jährige, wie alles anfing, wie der Verlag in der Buchbranche überlebt und warum er sich auch politisch klar positioniert. Herr Kruecken, was macht eine gute Geschichte aus? Stefan Kruecken: Eine gute Geschichte bewegt die Menschen und regt zum Nachdenken an. Und sie ist zeitlos, romantisch und spannend. Diese Kriterien muss jedes Buch von uns erfüllen. Tut es das nicht, setzen wir das Buch auch nicht um. Hinzu kommt: Die Hauptperson der Geschichte muss uns sympathisch sein. Denn die Arbeit an einem Buch ist eine sehr persönliche Sache. Wenn man sich dabei nicht mag, ist es nur mühsam und qualvoll.Alle Ankerherz-Bücher erzählen Geschichten aus dem echten Leben. Mögen Sie keine fiktiven Geschichten? Kruecken: Ich würde es nicht ausschließen, dass wir nicht eines Tages auch mal einen Roman oder Kurzgeschichten verlegen. Das könnte ich mir grundsätzlich schon vorstellen. Momentan ist aber unser Verlagsprogramm auf die echten und wahren Geschichten ausgelegt. Wir sagen immer, dass wir Geschichten von Helden des Alltags erzählen, von Menschen, die Großes im Kleinen tun. Das können Kriegsfotografen, Ordensschwestern, Kapitäne oder Bergleute sein. Wie finden Sie Ihre Helden? Kruecken: Wir gehen mit offenen Augen durch die Welt. Manchmal trifft man Menschen, manchmal liest man von ihnen. Und inzwischen ist es sogar so, dass die Menschen uns finden. Täglich bekommen wir ein gutes Dutzend Manuskripte. Manchmal sind da richtige Perlen dabei. Wenn Sie an die vergangenen Jahre denken: Welches ist Ihre Lieblingsgeschichte? Kruecken: Da muss ich kurz überlegen (Pause). Es gibt eine Geschichte, die sehr bewegend war und die für mich die Essenz dessen ausdrückt, was Ankerherz will. Wir haben ein Buch verlegt, das heißt „Godafoss". Es geht um einen kleinen isländischen Frachter, der 1944 von einem deutschen U-Boot versenkt wurde, kurz vor dem Hafen von Reykjavik. In dem Buch haben wir die Geschichte der Menschen auf dem Frachter und die Geschichte der Menschen auf dem U-Boot erzählt. Zu einer Lesung auf der Frankfurter Buchmesse haben wir Horst Koske, den letzten Überlebenden des U-Bootes, und den letzten Überlebenden des Frachters, einen isländischen Matrosen, zum ersten Mal nach 70 Jahren zusammengebracht. Koske hatte sein Leben lang Alpträume, weil er sich schlimme Vorwürfe gemacht hat. Und beim Treffen rennt der isländische Seemann quer durch die Messehalle auf Koske zu und ruft: „I don’t hate you, I don’t hate you, I love you." Die beiden sind sich um den Hals gefallen. Jeder in dieser Halle hat geweint, es war ein unglaublicher Moment. Wir haben sie zusammengebracht und zu einer Versöhnung beigetragen. Ein Gänsehautmoment. Kruecken: Ja. Die beiden Männer sind kurz nach diesem Treffen gestorben. Ich habe danach einen Brief von dem Sohn von Horst Koske bekommen. Er schrieb mir, wie dankbar er sei, weil sein Vater in der Nacht nach dieser Begegnung seine Alpträume verloren habe. Dieses Treffen war der schönste Moment in der Geschichte von Ankerherz. Wie gewinnen Sie die Menschen für Ihre Geschichten? Kruecken: Es hat viel mit Vertrauen zu tun. Die Menschen vertrauen uns ihr Leben an. Es gehört einiges dazu, ein Buch bekannt zu machen – das geht nicht ohne Vertrauen. Dieses bekommt man nur durch Taten. Da ist Ankerherz auf einem sehr guten Weg. Wir haben eine Marke geschaffen, der die Menschen vertrauen. Da sind wir auch ein bisschen stolz drauf. Seit Kurzem vertraut Ihnen auch Keno Veith, der „schwatte ostfrees Jung". Wie sind Sie auf ihn aufmerksam geworden? Kruecken: Ich habe sein Video relativ schnell gesehen und ihm eine Mail geschrieben (Anm. d. Red.: Keno Veith veröffentlichte ein plattdeutsches Facebook-Video nach einer Trecker-Panne. Dieses hat einen Hype um den dunkelhäutigen Ostfriesen ausgelöst). Ich suche seit drei Jahren einen coolen Landwirt. Cool in dem Sinne, dass ich gerne Zeit mit ihm verbringe und dass er mir was Spannendes erzählen kann. Ankerherz ist auch Türöffner: Keno hat sich gemeldet, wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Er ist dankbar, dass wir die Medienarbeit für ihn übernommen haben, wir sind dankbar, dass er jetzt bei uns ist. Im Frühjahr erscheint sein Buch. Wie genau ist Ankerherz entstanden? Kruecken: Es war ein Stück weit eine Trotzreaktion. Wir suchten für meine Kapitänsgeschichten einen Buchverlag. Ich habe mit vielen Verlagen gesprochen. Es war alles sehr unerfreulich. Da haben meine Frau und ich gesagt: „Okay, wir machen das selbst." Meine Frau hat ihren Job aufgegeben, wir haben unser Erspartes zusammengekratzt, einen Kredit aufgenommen – und dann ging es los. „Orkanfahrt" als erstes Buch war ja Gott sei Dank ein großer Erfolg. In 18 Tagen haben wir 7.000 Bücher verkauft. Das war schon alles ein kleines Wunder . . . Wenn man jetzt an die großen Konkurrenz-Verlage denkt: Waren Sie mutig oder verrückt, den Verlag zu gründen? Kruecken: Rückblickend würde ich sagen: Wir waren etwas verrückt, das zu machen. Ein kleiner Verlag wie Ankerherz ist in den Strukturen des Buchhandels nicht vorgesehen. Die Konzernverlage und Amazon bereinigen den Markt und machen ihn platt. „Survival of the richest" ist die Realität auf dem Buchmarkt. Was schade ist. Kruecken: Ja. Wir haben in zehn Jahren 24 Bücher verlegt. Das ist verglichen mit dem, was Großverlage monatlich rausgeben, ein winziges Programm. Aber von diesen 24 Büchern sind fünf Spiegel-Bestseller – eine irre Quote. Dieser Erfolg hat es uns ermöglicht, weiterzumachen. Aber für einen jungen, kleinen Verlag ist es nicht leicht. Ich will da auch nichts beschönigen. Die Hemmschwelle, Ankerherz-Bücher anzuschaffen, ist für manche Buchhändler zu hoch – warum auch immer. Wir zahlen aber auch keine Werbekostenzuschüsse oder Regalmeter wie die großen Verlage. Das können und wollen wir auch nicht. Uns trägt unsere Fancommunity. Und uns tragen mutige Buchhändler, die bereit sind, mit uns zusammenzuarbeiten. Das ist toll. Die Ankerherz-Bücher sind anders: inhaltlich, aber auch optisch. Ist das der Versuch, sich abzuheben? Kruecken: Ja. Es war von Anfang an unsere Maxime: Wir wollen den Menschen, über die wir ein Buch schreiben, ein Denkmal setzen. Wir geben ihnen immer den bestmöglichen Autor, den bestmöglichen Fotograf und den bestmöglichen Illustrator, das bestmögliche Papier aus der umweltfreundlichsten Papiermühle der Welt in Schweden, gedruckt wird ausschließlich in Deutschland. Da achten wir sehr drauf. Warum hat Ankerherz seinen Sitz ausgerechnet in Hollenstedt, einem kleinen Dorf mitten auf dem Lande? Kruecken: Das hängt mit unserem Privatleben zusammen. Wir haben vier Kinder im Alter von vier bis 14 Jahre, und wir arbeiten extrem viel. Das Leben auf dem Dorf ist der einzige Weg, das Familienleben mit dem Berufsleben unter einen Hut zu bekommen. Natürlich wäre es beruflich einfacher, den Verlag aus Hamburg zu leiten. Aber ich würde meine Kinder weniger sehen. In Hollenstedt werden wir den Kindern gerecht, wir verbringen Zeit zusammen und haben kurze Wege. Meine Frau und ich wollen uns später nicht den Vorwurf machen müssen, dass wir was versäumt haben. Wie haben die Menschen aus Ihrer Umgebung damals auf Ihre Gründungspläne reagiert? Kruecken: Sie zeigten viel Unverständnis. Es war die Zeit der Medienkrise inklusive Magazin- und Zeitungssterben. Es gab nicht wenige, die uns für verrückt erklärt haben. „Ihr habt sie nicht alle", „komplett bescheuert" und „größenwahnsinnig" waren die Begriffe, die fielen. Aber wir haben nicht darauf gehört. Gab es Momente des Zweifelns? Kruecken: Na klar, die gibt es immer wieder. Man macht ja auch Fehler und erlebt Tiefschläge. Ankerherz hat aber nicht viel Spielraum für Fehler. Da muss man einfach weiterarbeiten und darauf vertrauen, dass alles so klappt, wie man es sich vorstellt. An „Mayday" zum Beispiel haben wir acht Jahre lang gearbeitet. Das ist verrückt. Aber diese Buch war auch eine Herzenssache, jede Geschichte musste perfekt sein. Da sind wir keine Kompromisse eingegangen. Die Leser sollen mit Freude eines unserer Bücher zur Hand nehmen. Wenn sie dann noch die Möglichkeit haben, den Protagonisten bei einer Lesung oder auf einer unserer Kreuzfahrten zu treffen, hat das eine besondere Wirkung. Eine runde Sache. Literatur hautnah. Kruecken: Ja, auf jeden Fall. Wir wollen Literatur und die Helden des Alltags zu den Menschen bringen. Es geht für uns darum, Geschichten zu erzählen, auf welchem Weg auch immer. Das kann in unserem Webradiosender sein, auf Facebook oder bei Lesungen, das ist egal. Ankerherz ist auch in den sozialen Netzwerken sehr präsent – und positioniert sich klar zu politischen und gesellschaftlichen Themen. Kruecken: Ich denke, wir brauchen die Auseinandersetzung. Wenn in Deutschland eine rechtsextreme Strömung entsteht, dann ist jeder gefragt. Wir können uns auch als Verlag nicht rausziehen, das gehört sich nicht. Ich bin stolz, in einem Deutschland zu leben, wie es jetzt ist: ein weltoffenes, tolerantes Land, das vielen Menschen in einer schwierigen Krisensituation geholfen hat. Wenn Leute, die wie Goebbels reden, wieder auf dem Marktplatz stehen und völkischen Mist verbreiten, sind wir alle gefragt, dagegen etwas zu tun. Klar, das gibt auch immer eine Menge Ärger: Wir haben Morddrohungen bekommen, wir haben eine eigene kleine Akte beim Staatsschutz, aber das ist halt so. Gerade bei Facebook ist es wichtig, ein Gegengewicht zu schaffen. Schweigen ist keine Option. Wie soll es mit Ankerherz weitergehen? Kruecken: Was wir gerade machen, ist ein großer Spaß. Und das Abenteuer geht weiter. Ankerherz wächst und findet immer mehr Freunde...

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