Sunrise Avenue. - © UNIVERSAL MUSIC
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Kopf der Woche Samu Haber: „Taxirücksitze inspirieren mich“

Mit seiner Band „Sunrise Avenue“ tourt der Finne Samu Haber gerade durch  kleine Clubs in ganz Europa. Als Coach bei „The Voice of Germany“ ist er stark 
 eingespannt. Trotzdem nimmt sich der 41-Jährige Zeit für ein Interview

André Blickensdorf

Als Sänger der Rockband „Sunrise Avenue" und Coach in der TV-Musik-Casting-Show „The Voice of Germany" ist Samu Haber bekannt. Der 41 Jahre alte Finne spricht im Interview über einen Videodreh und ein Fotoshooting in Helsinki, die neue Tour und Weihnachten. Außerdem verrät er, ob es ihm leicht gefallen ist, mit dem 
Rauchen aufzuhören. Hallo Samu, sprechen wir auf Deutsch? Samu Haber: Hey André. Sorry, of course not. Okay, machen wir auf Englisch weiter, dann übersetze ich. Haber: Danke. Das Interview könnten wir auf Deutsch nie in der gleichen Geschwindigkeit machen. Das würde viel länger dauern. Aber in der TV-Show „Ina’s Nacht" hast Du sehr gut deutsch gesprochen? Haber: Ja, bei „Ina’s Nacht" haben wir zwischen Deutsch und Englisch hin- und hergeswitcht. Das hat funktioniert. Aber es ist für mich dreimal so schwer, deutsch zu sprechen. Ich kann dann nicht so emotional sprechen wie ich möchte. Wenn ich vorher genau weiß, worüber wir reden, kann ich es auf Deutsch versuchen. Aber das ist extrem schwer für mich. Ich kenne zwar viele Wörter und ihre Bedeutung. Aber wenn die Fantas oder Mark Forster in den Shows von „The Voice of Germany" ihre Späße machen, verstehe ich in witzigen Momenten manchmal überhaupt nichts. Aber das macht mir nichts aus. Ich bleibe ich selbst. Ich konzentriere mich auf meine Talents und mich. Sie wollten mich in der Show, sie haben mich in der Show. Wenn es ums Singen geht, kann ich Feedbacks geben. Die Feedbacks für Euer Musikvideo zum neuen Song „I Help You Hate Me" sind gut. Es sorgt im Netz für Furore. Wie ist die Idee entstanden und wo wurde der Clip gedreht? Haber: Wir haben das Video in Finnland produziert. In einem alten Bunker in Helsinki. Mit unserer Freundin Anna Äärelä, einer 25-jährigen Fotografin und Filmemacherin. Es war ihre Idee, die Roller-Derby-Girls um uns herumrennen zu lassen. Das hat mir gut gefallen. Mit dieser Art der Story hat niemand gerechnet. Zum Schluss wurde ich getackelt. Von einer starken Frau. Es hat wehgetan. Aber es war ein witziger Tag. Wo war das Fotoshooting für „Heartbreak Century", Euer neues Album? Haber: Wir haben in meiner Heimatstadt Helsinki für das Album geshootet. Wir wollten das entspannt machen. Nicht mit einem berühmten Fotografen aus UK, Schweden oder Berlin. Wir haben die Fotos auch mit Anna gemacht, dem verrückten Mädchen unseres Vertrauens. Sie hatte schon das Visual für unsere Akustiktour entwickelt und eine Menge visuelle Projekte gemacht. Die Flagge als Symbol war auch ihre Idee. Wir haben uns direkt in die Fotos verliebt und schwenken die Flagge der Liebe. Los geht’s. Welche der zwölf neuen Songs magst Du am liebsten? Haber: Auf jeden Fall die Single „I Help You Hate Me". Sie passt zu unserer neuen Philosophie und erhält am meisten Aufmerksamkeit. Ich liebe aber auch den Titelsong „Heartbreak Century" und „Beautiful". Das ist die Erinnerung, dass wir alle schön sind, auch wenn wir uns nicht immer so fühlen. Das geht mir auch so. „Home" ist mir sehr wichtig. Das ist der kleinste Song, den wir jemals auf einem Album hatten. Wie ein alter Gospel-Song. Ihn auf der Bühne zu spielen, ist für mich etwas Besonderes. Wie habt Ihr getestet, ob Eure neuen Songs ankommen? 
 Haber: Die Single „I Help You Hate Me" habe ich im Sommer in Berlin getestet. Ich bin mit Rad und Kopfhörern durch die Stadt gefahren. Ich habe einfach Leute angesprochen und ihnen den Song vorgespielt. Freunde haben mit Kameras gefilmt. Ich war super nervös, weil ich selbst bewertet wurde. Ich wollte sehen, wie die Menschen reagieren. Ich denke, die Leute mochten es. Sie haben positiv reagiert. Es war super verrückt. In Berlin fahre ich immer Fahrrad. Es waren zwei lustige Tage. Wie war die Album-Produktion? 
 Haber: Cool. Die Produktion mit Produzenten aus Finnland, Stockholm und Berlin hat ungefähr drei Monate gedauert. Das war eine gute Zeit. Die schwierigste Aufgabe für mich war, die Songs zu schreiben. Es waren mehr als 100 Songs. Die Zusammenarbeit mit den drei Produzenten war erfolgreich. Zwei von ihnen sind neu. Mit unserem Stammproducer Jukka Immonen haben wir schon „Hollywood Hills" produziert. Neu dabei ist Victor Thell, ein 25-jähriger Songwriter aus Schweden. Und Nicolas Rebscher aus Berlin. Es war ein glücklicher Zufall, ihn zu treffen. Ich war im Frühjahr zum Snowboarden in Österreich. Danach habe ich ihn für einen Tag in Berlin getroffen. Danach kam er nach Helsinki. Wir haben in zwei Tagen zwei Songs produziert: „Let me go" und „Flag". Das ist der Song zum Album-Cover. Was ist Euer Erfolgsrezept? Haber: Wir haben keinen Masterplan. Wir konzentrieren uns auf die Musik. Wenn man ein Bandalbum aufnimmt, sind die Stimmung, das Gefühl und die Liebe das Wichtigste. Es ist wie Magie, wenn die richtigen Musiker zusammen in einem Raum sind. Manchmal ändern wir noch Dinge im Studio. Dort kann ein Lied noch besser werden. Normalerweise sind der Song und die Story schon da, aber es ist wichtig, Freiraum zu lassen. „I Help You Hate Me" ist in zwei Stunden einfach passiert. „Afterglow" war schon komplett produziert, da haben wir überlegt, ob der Sound noch einen Beat schneller sein kann. Wir haben es ausprobiert und entschieden, dass der Song gut ist wie er ist. Sind die Clubkonzerte im November und Dezember ein Art Test für die große Tour im Frühjahr 2018? Haber (lacht): Es ist kein wirklicher Test. Wir hätten schon jetzt in den großen Arenen spielen können. Aber wir kehren bewusst zu unseren Wurzeln zurück. Weil wir die kleinen Bühnen lieben und vermissen – dort sind die Konzerte nicht so stressig. In Finnland, Schweden und Dänemark haben wir damit angefangen. Die Songs wollten wir einem kleinen Kreis präsentieren. Als Akustik-Setup. Klein und intim, mit 100 Leuten in Clubs. Auf einer großen Bühne funktioniert alles. Pyrotechnik, große Screens, Laser. Aber wenn man nur Gitarre, Bass, Keyboard und Schlagzeug nimmt, entsteht diese besondere Nähe zum Publikum. Es ist cool, so nah an den Leuten zu sein. Du hörst, was sie sagen. Das fühlt sich sehr ehrlich an. So wie wir vor mehr als zehn Jahren angefangen haben, sind wir auch mit dem neuen Album gestartet. Wir sind wieder in den Tourbus gesprungen und besuchen 20 Städte in 14 Ländern. Von Skandinavien bis nach Barcelona. Bleibt da genug Zeit für die Produktion von „The Voice of Germany"? Haber: Ja. Alles ist genau geplant. Die Produktion für „The Voice" bedeutet für mich etwa 40 Tage Zeitaufwand in einem halben Jahr. Mein nächster freier Tag im Kalender ist Heiligabend. Ende Juni haben die Aufzeichnungen begonnen. Zeitgleich haben wir mit der Plattenfirma Universal über das Album gesprochen. Wie gefällt Dir die Show? Haber: Die neue „The Voice"-Staffel macht mir wirklich Spaß. Die anderen Coaches sind befreundete Kollegen für mich. Wir erleben in der Produktionszeit etwas Spezielles, hängen manchmal zusammen ab wie in ein Fußballteam. So ein Produktionstag dauert von 10 bis 22 Uhr, zwischen 14 und 15 Uhr gehen die Kameras an. In den Blind Auditions folge ich meinen Instinkten wie ein wildes Tier. Ich achte auch darauf, was die anderen Coaches machen. Ob sie buzzern. Das Beste ist, wenn alle buzzern und sich das Talent für mich entscheidet. Das gibt Gänsehautmomente im Studio. Es macht Spaß, die Talente im Team zu fördern und mit den Kollegen eine gute TV-Show zu machen. Wir lieben den Wettkampf gegeneinander. Den Kampf gegen das Rauchen hast Du gewonnen. Ist Dir das Aufhören leicht gefallen? 
 Haber: Das war aus jetziger Sicht sehr einfach. Ich habe jetzt eine App, da kann ich nachschauen, dass ich vor genau zwölf Wochen mit dem Rauchen aufgehört habe. Davor hatte ich es sechs, sieben Mal ausprobiert. Das war nicht so easy. Wenn du mit Freunden in eine Bar gehst, rauchst du doch. Und dann wieder. Aber es gab diesen einen Moment, da war für mich klar, ich will nicht mehr rauchen. Jetzt. Sofort. Wie wichtig ist Dir deine Gesundheit?
 Haber: Sehr wichtig. Ich kann mir nicht vorstellen, in schlechter Verfassung auf die Bühne zu gehen. Ich mache nicht zu viel, gehe gerne ins Fitnessstudio. Zweimal im Jahr spiele ich Eishockey, aus Spaß. Snowboarden ist mein absoluter Lieblingssport. Aber das geht nicht in der Stadt. Da muss ich irgendwo hinreisen. Rollerblading und Biken mag ich auch. Wie läuft für Dich ein typischer Tourtag ab? Haber: Oft ziemlich langweilig. Jetzt, wo wir ein neues Album haben, ist es definitiv spannender. Abends ist die Show gegen 23 Uhr zu Ende. Dann gehe ich duschen und esse etwas. Danach checke ich Nachrichten auf meinem iPad, beantworte manche und gehe vielleicht um 
1 Uhr schlafen. Nach dem Aufstehen gegen 10 Uhr gehe ich zum Frühstück. Danach mache ich etwas Sport und gebe an manchen Tagen ein paar Interviews. Dann mache ich Pause. Plötzlich ist es 21 Uhr und die nächste Show beginnt. Dann wiederholt sich alles. Natürlich reisen wir viel. Mit dem Flugzeug oder im Tourbus. 75 Prozent der Energie verbrauche ich auf der Bühne. Da bleibt nicht viel Zeit für andere Dinge. Du warst mehr als zwei Jahre auf Weltreise. Wo hat es Dir am besten gefallen und wo hattest Du die besten Ideen für Euer Bandalbum? Haber: Die besten Inspirationen und Ideen hatte ich im Flugzeug oder auf den Rücksitzen von Taxis. Das war ein sehr gutes Gefühl. Nach anderthalb Jahren, die frustrierend waren. Ich habe mich in das Land Australien verliebt – Sydney ist eine wundervolle Stadt. Insgesamt war ich viereinhalb Monate in Down Under. Das war nicht die schlechteste Zeit. Es ist mir auf meiner Weltreise gelungen, frische Ideen zu entwickeln und die neuen Songs zu schreiben. Welche deutschen Städte gefallen Dir am besten? Haber: Oh, das lässt sich nicht so einfach beantworten. Es gibt viele coole Städte. Berlin, Hamburg, München. Ich mag auch Dresden, Leipzig und Düsseldorf. Und natürlich Köln...

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