Sind Sie 
 eine strenge Mutter, 
 Frau Kunze? - © imago/Future Image
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 Frau Kunze? | © imago/Future Image

Kopf der Woche Janine Kunze: „Kinder brauchen Regeln und Grenzen“

Schauspielerin Janine Kunze steht in der TV-Serie „Heldt“ erfolgreich vor der Kamera – zusammen mit ihrer leiblichen Tochter. Im Interview spricht die 43-Jährige über das Muttersein und ihre Vergangenheit als Pflegekind.

Julia Gesemann

In der Comedy-Serie „Hausmeister Krause" wurde Janine Kunze als das Dummchen Carmen bekannt. Dass sie aber viel mehr kann, beweist die 43 Jahre alte Schauspielerin unter anderem in der erfolgreichen ZDF-Serie „Heldt". Sie spielt eine Staatsanwältin, ihre Tochter ist auch ihre Serientochter. Ein Gespräch über Muttersein und Kunzes Vergangenheit als Pflegekind. Frau Kunze, ich bin mit Ihnen groß geworden . . . Janine Kunze (lacht): Lassen Sie mich raten: durch „Hausmeister Krause"? Ach herrlich. Also reagieren Sie nicht genervt, wenn ich Sie auf Carmen anspreche? Kunze: Nein, überhaupt nicht! Die Serie war für mich in erster Linie ein Türöffner. „Hausmeister Krause" ist bis heute die erfolgreichste deutsche Comedyserie. Da kann ich also sehr stolz sein, dabei gewesen zu sein. Ich habe es geliebt, Carmen zu spielen und bin der Sendung bis heute sehr dankbar. Sie haben jahrelang viel Comedy gemacht. Die Rolle der eloquenten Staatsanwältin Ellen Bannenberg in „Heldt" ist etwas ganz anderes. Haben Sie einen Druck verspürt, sich beweisen zu müssen? Kunze: Nein, ich habe die Rolle nicht angenommen, weil ich das Gefühl hatte, mich beweisen zu müssen. Sondern weil ich einfach sehr glücklich war, dass ich nach all den Jahren, in denen ich fast nur Comedy gemacht habe, eine Krimi-Serie, eine ernste Rolle, angeboten bekommen habe. Der Beruf der Schauspielerei beinhaltet für mich, dass ich in verschiedene Charaktere schlüpfen und verschiedene Gefühlswelten darstellen darf. Ich liebe Comedy und mache das auch heute noch gerne. Das ist die Königsklasse. Es gibt nichts Schöneres, als die Menschen zum Lachen zu bringen. Aber ich spiele auch gerne ernstere Rollen. Die Kombination aus beidem, die ist für mich in der Serie „Heldt" ein großes Geschenk. Ellen Bannenberg oder Carmen Krause – wer entspricht Ihnen mehr? Kunze: Die Ellen Bannenberg ist an Janine Kunze wesentlich näher dran als eine Carmen Krause. Carmen, die dumm war, die nichts auf die Kette bekommen hat, immer wechselnde Partner hatte – das alles hatte mit Janine Kunze gar nichts zu tun. Das haben die Zuschauer und die Besetzer aber auch erst viele Jahre später verstanden. Es gab Situationen, in denen ich vor Besetzern saß und sie mich nicht erkannt haben. Die dachten wirklich, da kommt so eine Assi-Göre mit langem, blondem Haar und einem Gürtel, der als Rock dient. Erst habe ich es als Kompliment gesehen und gedacht: Schau mal, wie geil du diese Rolle ausgefüllt hast, dass jeder geglaubt hat, du bist das. Mittlerweile bin ich froh, dass die Leute sehen, wer oder was ich auch sein kann – zum Beispiel eine Ellen Bannenberg. Was verbindet Sie mit dieser Rolle? Kunze: Ich weiß, was es heißt Mutter zu sein: Ängste und Sorgen einer Mutter zu haben, den Tagesablauf in der Familie zu regeln, tough zu sein und sich in vielen Bereichen durchboxen zu müssen. Und all das macht Ellen ja auch. Dabei versucht sie trotz des Erfolges, weiblich zu bleiben. Obwohl das gerade oft im Berufsleben vieles erschwert. Aber ich kämpfe gerne dafür: Ich darf als Frau gerne weiblich und sexy sein – und trotzdem kann ich etwas schaffen. Wäre Sie denn eine gute Juristin? Kunze: Nein! Als Staatsanwältin haben Emotionen in bestimmten Situationen nichts zu suchen, man muss ein rationaler Mensch sein – und der bin ich gar nicht. Ich bin zu emotional. Ich könnte auch als Anwältin nie einen Menschen verteidigen, der ein Unrecht begangen hat. Da könnten mir die Paragrafen sonst was sagen, unmöglich! Die 5. Staffel ist derzeit im TV zu sehen, Sie drehen schon die 6. Staffel von „Heldt" – was macht den Erfolg der Serie aus? Kunze: Zum einen die Charaktere, die sympathisch sind, mit denen man sich identifizieren kann und die ihre Ecken und Kanten haben. Außerdem ist die Serie sehr abwechslungsreich. Wir haben Folgen, die sind total lustig, andere sind sehr spannend, dann wieder extrem emotional. Wir decken jede Gefühlsebene ab. Und der Zuschauer weiß nicht, was ihn als nächstes erwartet – perfekt zum Mitfiebern. Auch in den kommenden Folgen? Kunze: Unbedingt. Es wird sehr spannend werden, und es lohnt sich auf jeden Fall dranzubleiben. Viel darf ich nicht verraten. Aber es wird sich allein emotional bei Ellen und Heldt viel tun. Was glaube ich, viele Fans schockieren wird. Ich glaube, sie bekommen auch Dinge zu sehen, die sie gar nicht sehen wollen. Dabei sind sich Ellen und Heldt sehr nah gekommen – und Sie Ihrem Kollegen Kai Schumann in der Bettszene auch. Eine Herausforderung? Kunze: Ich bin ein totaler Harmoniemensch. Wenn ich in einem Ensemble spiele, muss ich mich dort sehr wohl und geborgen fühlen. Und das tue ich bei „Heldt". Wir haben ein tolles Team, wir sind jeden Tag viele Stunden zusammen. Ich fühle mich wohl, kann mich am Set fallen lassen – und dann spiele ich alles. In Liebesszenen ist man sich extrem nah, es wird sehr körperlich, man küsst sich – dabei hilft es Kai und mir, dass wir uns sehr mögen. Solche Szenen sind eine große Herausforderung, aber auch ein großer Spaß, wenn man sich mag. Und etwas, das Sie sich mit Ihrem Mann anschauen? Kunze: Nein. Ich habe generell ein großes Problem damit, mich zu sehen – und dann auch noch in einer Liebesszene, das geht nicht. Ganz unangenehm wird es für mich, wenn meine Familie oder Freunde mich in solchen Situationen sehen. Deshalb haben wir eine Regel: Mein Mann und meine Familie können jederzeit ans Set kommen. Aber an Drehtagen, an denen Liebesszenen gedreht werden, hat die Familie dort nichts zu suchen. Ich wäre nur gehemmt, mein Mann und mein Schauspielkollege würden sich schlecht fühlen. Ihre Tochter Lili steht für „Heldt" mit Ihnen vor der Kamera, ist auch in der Serie Ihre Tochter. Kunze: Ja. Dabei hatte ich am Anfang große Angst davor und wollte gar nicht, dass sie das macht. Meine Tochter hat mich dann gefragt: Mama, warum willst du mir das verbieten, was du selbst machst? Es ist ihr Wunsch, den akzeptiere ich und ich versuche, das Beste draus zu machen. Und wie ist es, mit ihr zu drehen? Kunze: Ich habe gelernt, mich am Set komplett zurückzunehmen. Ich habe Lili signalisiert, dass ich jederzeit für sie da bin, dass aber der Regisseur das Sagen am Set hat. Ich mische mich nicht ein, um sie nicht zu verunsichern. Ich bin als Mutter an der Situation noch einmal sehr gewachsen. Wir sind gleichwertige Kollegen, sie macht ihr Ding und ich meines. Ich bin wahnsinnig stolz auf sie, sie ist ein großes Talent. Sehen wir Ihre anderen Kinder künftig dann auch mal vor der Kamera? Kunze: Das ist die Entscheidung meiner Kinder. Ich fördere das nicht, indem ich sage: Meine Kinder müssen vor die Kamera. Ganz im Gegenteil. Ich möchte, dass meine Kinder das machen, was sie glücklich macht. Das kann alles sein, sie sollen sich für ihren Weg entscheiden. Ich habe mir vorher nie Gedanken darüber gemacht, ob Lili schauspielern möchte. Das hat sich ergeben. Aber mein Mann und ich halten da sehr den Daumen drauf. Lili soll sich auf die Schule konzentrieren, das ist uns sehr wichtig. Mein Sohn spielt viel Fußball, und im Moment möchte er Fußballer oder Polizist werden. Und Lola will singen. Ich bin da ganz entspannt und offen für alles. Ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie gesund und glücklich sind, dass sie tolle Menschen um sich herum haben und dass sie sich aus vollem Herzen für Dinge entscheiden können. Sind Sie eine strenge Mutter? Kunze: Ich glaube ja. Ich habe gemerkt, wenn jeder machen kann, was er will, endet alles in einem großen, heillosen Durcheinander. Kinder brauchen Regeln und Kinder brauchen Grenzen. Sie brauchen etwas, woran sie sich orientieren können. Ich versuche, nicht zu streng zu sein. Aber natürlich muss ich auch mal Nein sagen, das müssen die Kinder auch lernen. Im Leben werden sie noch oft genug ein Nein zu hören bekommen, damit müssen sie umgehen können. Gleichzeitig ist mir ganz wichtig, dass meine Kinder immer sagen dürfen, was sie denken und was sie fühlen. Jedes Kind darf seine Meinung sagen, und es darf auch schon mal laut bei uns werden. Sie haben sich bewusst dagegen entschieden, in den sozialen Netzwerken unterwegs zu sein. Warum? Kunze: Ich sehe die Vorteile, aber eben auch viele Nachteile. Ich finde diese Selbstdarstellung anderer 24 Stunden am Tag echt befremdlich. Das ist mir zu viel und hat für mich nichts mehr mit der Realität zu tun. Das fängt bei Instagram-Fotos an, die nur mit Filtern gepostet werden. 20-jährige Mädchen bearbeiten ihre Bilder solange, bis sie perfekt aussehen. An den Fotos ist nichts mehr normal, es ist alles gefaked, wir leben in einer großen Luftblase. Und das ist in meinen Augen gefährlich. Muss im Leben immer alles perfekt sein? Können wir nicht mal versuchen zu zeigen, wie wir sind? Sie arbeiten in der Schauspielbranche... Kunze: Ja, das ist ein Konflikt, mit dem ich seit Jahren schwanger gehe. Es ist schwierig. Unsere Branche ist auch eine große Luftblase. Jeder muss immer gut drauf sein, mega-toll oder cool aussehen. Mir fehlt auch in unserer Branche die Normalität. Sie haben in Ihrem Buch sehr viel von sich preisgegeben und Ihre Vergangenheit als Pflegekind geschildert. Wie beschreiben Sie Ihre Kindheit? Kunze: Wunderschön. Viele sagen: Du Arme, du hast es schwer gehabt. Nein! Viele Kinder haben es schwerer, als ich es hatte. Mein Anfang gestaltete sich vielleicht etwas schwieriger. Aber ich bin in einer ganz tollen Familie groß geworden, mit liebenden Eltern, einer tollen Verwandtschaft, mehreren Geschwistern, mit einem großen Zusammenhalt. Ja, bei allem was nebenbei mit meiner leiblichen Mutter lief, gab es schwierige und traurige Momente. Aber insgesamt war es eine wunderbare Kindheit. Ich habe wahnsinnig viel gelernt über Menschsein, Menschbleiben, Sozialverhalten, Nächstenliebe, Liebenkönnen, Loslassen. Das hat mich zu dem Mensch gemacht, der ich heute bin. Mit Ihren Erfahrungen: Würden Sie selbst ein Pflegekind aufnehmen...

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