Andrea Berg: "Mir kann nichts passieren, weil es Menschen gibt, die seit vielen Jahren mit mir durchs Feuer gehen." - © Britta Pedersen
Andrea Berg: "Mir kann nichts passieren, weil es Menschen gibt, die seit vielen Jahren mit mir durchs Feuer gehen." | © Britta Pedersen

Kopf der Woche Andrea Berg: „Noch heute ist jeder Song ein Teil meines Lebens“

Schlagersängerin Andrea Berg ist seit 25 Jahren sehr erfolgreich. All ihre Lieder 
 hat sie selbst geschrieben. Ein Gespräch über ein Vierteljahrhundert Schlager,   Feuervögel und Echtheit im Musikbusiness

Julia Gesemann

Für Andrea Berg ist es ein besonderes Jahr: Bereits seit 25 Jahren gehört die 51-Jährige zu den Stars am deutschen Schlagerhimmel. Dieses Jubiläum wird groß gefeiert: mit einem neuen Album, einer Tour und ganz viel Fan-Nähe. Ein Gespräch über die Schlagerwelt, Authentizität und die private 
Andrea Berg. Frau Berg, wir dürfen gratulieren. 25 Jahre Andrea Berg – woran denken Sie, wenn Sie zurückblicken? Andrea Berg: An die alten musikalischen Schätzchen. Da kommen sehr, sehr viele, wunderschöne Erinnerungen auf. Im Grunde sind 25 Jahre ja ein halbes Leben, das sich auch in der Musik widerspiegelt. Das ist schon was ganz Besonderes.In 25 Jahren hat sich auch die Schlagerwelt sehr verändert. Berg: Ja, ich glaube, dass sich die Betrachtungsweise der Gesellschaft verändert hat. Ich habe noch die Songs von Wencke Myhre und Howard Carpendale geträllert, weil ich damit groß geworden bin. In der Generation danach war es einem eher peinlich, wenn man Schlagerfan war. Und heute ist Schlager tatsächlich wieder gesellschaftsfähig geworden. Das liegt daran, dass die Menschen toleranter, aber auch die Grenzen fließender geworden sind. Ob es deutscher Pop oder deutscher Rap ist – gut gemachte deutsche Musik hört man mittlerweile überall, sie bestimmt auch die Charts. Mich macht auch ein bisschen stolz, wenn ich daran denke, dass Wolfgang Petry und ich damals ein bisschen die Pioniere dieser neuen Zeit waren. Eine Vorreiterrolle, die sich zu einer erfolgreichen Karriere entwickelt hat. Keine deutsche Sängerin hatte hierzulande mehr Nummer-1-Alben – neun Spitzenplätze waren es bisher. Und Ihr Best-Of-Album ist mit 349 Wochen das am häufigsten in den offiziellen deutschen Charts platzierte Album aller Zeiten. Macht Sie das stolz? Berg: Das macht mich wahnsinnig stolz. Gerade für den Chartsrekord habe ich einen Eintrag in das Guinness-Buch der Rekorde bekommen. Aber dennoch sind das Zahlen, die sehr abstrakt sind. Das, was mich richtig stolz und dankbar macht, sind die Geschichten und die Menschen hinter all den Jahren und den CDs. Die Geschichten finden die Fans auch auf dem neuen Jubiläumsalbum „25 Jahre Abenteuer Leben" wieder. Berg: Das ist das Besondere an dem Album: Die Fans haben es selbst zusammengestellt. Jeder hatte die Möglichkeit seinen persönlichen Lieblings- oder Lebenssong zu wählen. Aus den 25 meist gewünschten Liedern haben wir dieses Album zusammengestellt. Nicht nur aus den Songs, sondern eben auch aus der ein oder anderen Geschichte, die die Menschen uns erzählt haben: Wieso das ihr Lieblingslied ist, wo sie das erste Mal mit Andrea Berg in Berührung kamen – all diese wunderbaren Geschichten. Zehntausende Fans haben per Voting bestimmt, welche Lieder auf dem Jubiläumsalbum erscheinen sollen. Auf Platz 1 landete „Du hast mich tausendmal belogen", gefolgt von „Ich werde lächeln, wenn du gehst" und „Kilimandscharo". Hat Sie die Wahl überrascht? Berg: Es war mir schon klar, welche Songs auf jeden Fall dabei sein werden. Aber die Reihenfolge, die Intensität, wie die Menschen für bestimmte Songs abgestimmt haben, hat mich überrascht. „Sternenträumer" zum Beispiel ist unter den ersten fünf Liedern – für mich persönlich ein ganz wichtiger Song. Und es macht mich stolz, dass ein Lied, das mir sehr viel bedeutet, auch für andere Menschen so wichtig ist. Dieser Song hat sie getröstet, begleitet und ist ein Teil ihres Lebens geworden. Zu sehen, welche Lieder den Menschen wichtig sind – das hat mich sehr bewegt. Welches Lied aus den 25 Jahren ist denn Ihr persönliches Lieblingslied? Berg: Das kann ich gar nicht auf ein Lied reduzieren. Ein wirklich schönes Gefühl ist aber, dass es kein Lied gibt, bei dem ich denke: Oh nein, jetzt muss ich das schon wieder singen. So wie man es schon mal von Musikerkollegen hört. Ich bin so happy, dass ich in all den Jahren immer das getan habe, wo ich mit Herz und Seele hinter stand. Noch heute ist jeder Song ein Teil meines Lebens. Einige Ihrer Songs haben Sie für das neue Album auch noch einmal ganz neu aufgenommen. Berg: Ja, auch deshalb war für mich die Arbeit an dem Album wunderbar, weil ich all die Songs noch einmal angepackt habe. Ich habe sie neu aufgenommen, sie neu arrangieren lassen, konnte ganz in Erinnerungen versinken. Zehn Songs habe ich mit einer Liveband akustisch aufgenommen. Das war eine sehr intensive Erfahrung. Jetzt gehen wir mit diesen 25 Lieblingssongs auf eine Hautnah-Tour. Einfach nur die Fans, die Band und ich – Musikmachen mit Freunden. Eine Station wird auch Bielefeld sein. Worauf können sich die Fans freuen? Berg: Es wird ein sehr intimer Rahmen. Während ich sonst vor mehr als 10.000 Menschen in den großen Arenen auftrete, habe ich mich dieses Mal bewusst für einen kleinen Rahmen entschieden, mit tollen Musikern. Wir machen zweieinhalb Stunden Musik für die Seele. Da wird sicherlich die ein oder andere Ballade dabei sein, aber es wird am Ende auch eine riesige Party geben, mit der wir das Abenteuer Leben feiern. Ein Konzert mit Andrea Berg – das bedeutet immer ein außergewöhnliches Bühnenprogramm und extravagante Bühnenoutfits. Das alles gibt es nicht zu sehen? Berg: Genau. Man kann die Hautnah-Konzerte mit einem Wort beschreiben: pur. Einfach nur die Musiker und ich und das Publikum. Sehr interaktiv, sehr nah dran. Da braucht es keine Pyrotechnik, keine Video-Animationen, keine großen Show-Kostüme. Sie haben ein straffes Programm vor sich. Wie finden Sie dabei den Ausgleich? Berg: Wenn ich viel unterwegs bin, freue ich mich auf Zuhause. Dort wartet das ganz normale Leben auf mich: meine Familie, meine Tiere, die Gäste im Hotel, der Wald. Aber wenn ich lange zuhause war, freue ich mich auch wieder darauf, mit der Band unterwegs sein zu können. Beides gleicht sich so wunderschön aus und hält alles in der Waage. Das ist die Energiequelle, die ich habe. Brauchen Sie privat eine Musikpause? Berg: Ich höre privat Musik. Aber nur dann, wenn ich sie wirklich hören kann. Musik hören und nebenbei etwas machen, worauf ich mich konzentrieren muss, das kann ich nicht gut, das macht mich nervös. Ich höre Musik gerne mit der Intensität, die die Musik auch verdient hat. Sie betreiben gemeinsam mit Ihrem Mann das Hotel Sonnenhof in Kleinaspach. Wer Sie persönlich kennenlernen möchte, kann sich dort ein Zimmer nehmen. Wie wichtig ist Ihnen die Nähe zu Ihren Fans? Berg: Das größte Abenteuer für mich ist, Menschen zu begegnen. Sich nicht einzuigeln, sondern auf Menschen offen zuzugehen. Und es sind immer wieder so spannende und schöne Momente, wenn man sich wirklich die Zeit für die Fans nimmt und sich öffnet. Das Allerschönste: Wenn ich zuhause einfach ich selbst bin, ungeschminkt rumlaufe, mit den Hunden vom Frühstück komme. Dann begegne ich den Fans auf Augenhöhe, da verschwinden alle Berührungsängste. Die Fans merken: Das ist unsere Andrea, mit der kann man über alles reden. Ich bekomme oft zurückgespiegelt, dass die Fans in mir eine Seelenverwandte sehen. Das macht mich stolz. Es ist das größte Geschenk, was man mir machen kann. Authentizität ist Ihnen also wichtig. Berg: Ja. Der entscheidende Vorteil, den ich gegenüber vielen Musikkollegen habe: Ich schreibe meine Songs selbst. Ich schreibe sie mit der Seele. Ich schreibe über das, was mich bewegt, worüber ich nachdenke, was mich persönlich tröstet. Auch durch den Schmerz, den ich erlebt habe, komme ich den Menschen näher. Ich glaube, diese Gefühle zu transportieren ist viel einfacher, wenn ich sie mit meinen Worten beschreibe und singe. Wie reagieren Sie dann auf Kritiker, die Ihnen und dem Schlager mangelnde Vielseitigkeit vorwerfen? Berg: Wir haben ja mittlerweile eine ganz seltsame Kommunikationskultur in den sozialen Netzwerken, wo jeder sich anmaßt, einen anderen beleidigen zu können. Gruselig. Da gibt es nur eines: Das muss man abschütteln. Im Grunde genommen ist es ja nicht mein Problem. Der Mensch, der das schreibt, hat ein Problem. Ich mache nichts anderes als Musik, ganz banale Unterhaltungsmusik. Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Wem das nicht gefällt, der hat die Chance, einfach nicht hinzuhören, die CD nicht zu kaufen, nicht zum Konzert zu gehen oder im Fernsehen einfach umzuschalten. Beleidigungen lassen mich nicht kalt. Aber die Menschen, die mich lieben, die gehen jeden Weg mit mir, sie nehmen mich so wie ich bin – und das ist was ganz Wertvolles, das ist Liebe. Sie haben gemeinsam mit Lionel Richie schon ein Duett gesungen: „Angel". Welchen Musikkollegen könnten Sie sich sonst noch für ein Duett vorstellen? Berg: Ich habe die beiden Wunschkandidaten schon an meiner Seite gehabt. Das war nach Lionel Richie – mein Schwarm aus meiner Jugend – Xavier Naidoo, weil ich seine Stimme absolut verehre und er mich musikalisch sehr bewegt. Letztes Jahr hat er mit mir „Sternenträumer" gesungen. Ein einmaliges, intensives Erlebnis, sehr emotional. Eine Zusammenarbeit, die über den Schlager weit hinausgeht. 2016 haben Sie sich bei einem Pyrotechnik-Unfall auf der Bühne schwere Verbrennungen an der Schulter und am Oberarm zugezogen. Beschäftigt Sie dieser Vorfall noch? Berg: Das war natürlich ein großer Schreck für das ganze Team. Dieser Moment war sehr dramatisch, aber er hat uns auch wahnsinnig zusammengeschweißt. Es waren ganz viele Menschen an meiner Seite, die mit mir durchs Feuer gegangen sind. Und inzwischen ist nicht nur auf meiner Schulter eine Tätowierung über meiner Brandnarbe entstanden, sondern an der gleichen Stelle auch bei zwei weiteren Menschen: bei meinem persönlichem Bodyguard und bei dem Menschen, der seit mehr als 15 Jahren für mich die Technik macht. Ein tolles Gefühl. Mir kann nichts passieren, weil es wirklich Menschen gibt, die seit vielen Jahren mit mir durchs Feuer gehen. Deshalb haben Sie sich auch den Feuervogel auf die Schulter tätowieren lassen? Berg: Genau...

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