James Blunt. - © WMG
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Kopf der Woche James Blunt: „Die Leute glauben, ich sei ein romantischer Typ“

Der Sänger ist bekannt für seine gefühlvollen Songtexte. Sich selbst würde der Brite trotzdem nicht als Romantiker bezeichnen. Dass er auch anders kann, beweist er im Interview

Jessica Weiser

Mit einem neuen Album im Gepäck war James Blunt gerade noch in den USA unterwegs. Als Opening-Act für seinen Freund Ed Sheeran. Ab Mitte Oktober steht der britische Musiker dann wieder selbst im Mittelpunkt. Er startet seine Welttournee. Für uns hat sich der 43-Jährige trotzdem Zeit genommen und über seine Erinnerungen an Deutschland, sein Image als Schmusesänger und harsche Kritik gesprochen. James Blunt, wollen wir das Interview auf Deutsch führen? Sie haben ja mal eine Zeit lang ganz in der Nähe von Ostwestfalen-Lippe am Möhnesee gelebt. James Blunt(auf Deutsch): Mein Deutsch ist nicht so gut, entschuldigen Sie bitte. Das war aber gar nicht so schlecht! Blunt: Für eine Bestellung im Restaurant reicht es bestimmt. Für ein Interview aber nicht. Aber Sie erinnern sich noch an Ihre Zeit hier? Blunt: Ja, sehr gut sogar. Es war ein fantastischer Ort. Wir haben direkt am See gewohnt. Im Sommer waren wir surfen und schwimmen, und im Winter haben wir Eishockey gespielt. Wir sind auch immer zum Schnellimbiss an der Straße gegangen und haben dort eine Bratwurst gegessen. Ich habe das geliebt. Freuen Sie sich schon auf den Start Ihrer Tour in Deutschland? Blunt: Sehr sogar. Ich bin jetzt seit rund dreieinhalb Monaten mit Ed Sheeran auf Tour durch Amerika. Ich sehe das als gute Übung und Vorbereitung für die wirklich wichtige Tour an. Und das ist für mich die in Deutschland. Sie geben Konzerte überall auf der Welt. Wie fühlt es sich an, so lange unterwegs zu sein? Blunt: Es ist mein Job und ich liebe es, jeden Tag in einer anderen Stadt aufzuwachen. Ist das einer der Vorteile, wenn man berühmt ist? Blunt: Berühmt hin oder her. Darum geht es mir gar nicht. Ich bin einfach froh, dass ich Musiker bin und das machen kann, was ich liebe. Für Ihr aktuelles Album „The Afterlove" haben Sie sich dazu entschlossen, musikalisch was Neues auszuprobieren. Dabei sagt man doch eigentlich: Never change a winning team (Reiß’ kein eingespieltes Team auseinander). Blunt: Wissen Sie, eigentlich unterscheidet sich das Album gar nicht so sehr von seinen Vorgängern. Nicht? Blunt: Zugegeben, es ist abwechslungsreicher geworden. Also ist es doch anders. Blunt: Es gibt auf „The Afterlove" Songs, die denen, die bisher erschienen sind, ähneln. So sind einige sehr persönliche Songtexte entstanden, vielleicht sogar die persönlichsten und besten, die ich jemals geschrieben habe. „Time of our lives" ist zum Beispiel ein Lied über unseren Hochzeitstag und „Make me better" habe ich meiner Familie gewidmet. Aber es ist mittlerweile mein fünftes Album und da wollte ich natürlich etwas Besonderes abliefern. Deshalb sind da auch noch einige Songs, die sich von allem Bisherigen sehr unterscheiden, weil sie eher elektronisch oder unbekümmert daherkommen. Das war natürlich besonders spannend, diese Songs aufzunehmen. Und dann gab es ja noch verschiedene Kooperationen unter anderem mit Ed Sheeran, aber auch, was ich sehr außergewöhnlich finde, mit dem deutschen DJ Robin Schulz. Wie kam es dazu? Blunt: Das Lied „OK" habe ich für das aktuelle Album aufgenommen und meiner Plattenfirma hat das Lied sofort sehr gut gefallen. Als ich es dann aber eingespielt habe, hatte ich kein gutes Gefühl. Deshalb habe ich zum Leidwesen meiner Plattenfirma entschieden, dass ich das Lied nicht auf dem Album haben möchte. Ich habe es praktisch weggeworfen und dachte, dass ich es nie wieder hören müsste. Und dann kam Robin Schulz ins Spiel. Und der fand das Lied gut? Blunt: Die Plattenfirma hat es ihm vorgespielt. Er hat seine Magie spielen lassen, und als er es mir am Ende präsentiert hat, fand ich das fantastisch. Kaum zu glauben, dass ein Lied, das ich erst partout nicht mochte, es dann doch auf das Album geschafft hat. Glauben Sie, dass dieser neue/alte James Blunt bei den Leuten ankommt? Blunt: Ich denke, dass die Menschen, die meine Musik schon vorher mochten, die persönliche Note auf dem Album erkennen und sie mögen. Und die Leute, die mich noch nicht mochten, sind vermutlich von der Mischung überrascht. Natürlich im positiven Sinne (lacht). Lassen Sie sich von den Erwartungen der Fans bei Ihrer Arbeit beeinflussen? Blunt: Wenn ich Texte schreibe, schreibe ich über das, was mich gerade beschäftigt. Damit ein Lied gut wird, bin ich dabei so ehrlich wie möglich. Da spielt es absolut keine Rolle, was irgendwer von mir erwartet oder hören möchte. Wenn es dann darum geht, welches Lied auf das Album kommt und welches nicht, denke ich aber schon auch ein bisschen an meine Fans. Es heißt, Sie hätten für „The Afterlove" rund 100 Songs geschrieben. Woher nehmen Sie die Inspiration? Blunt: In den letzten zwei Jahren ist bei mir privat einiges passiert. Einige Sachen waren schön, andere sehr traurig. Da gab es natürlich viel, worüber ich schreiben konnte. Fällt es Ihnen leicht, über Ihr Privatleben Songs zu schreiben? Blunt: Ganz und gar nicht. Es geht ja um sehr emotionale Erlebnisse, da fühle ich mich beim Schreiben schon oft unwohl. Ein Lied, das mir zum Beispiel sehr sehr schwer gefallen ist, war „Don’t Give Me Those Eyes". Ich liebe dieses Lied. Aber der Text ist sehr traurig, und auch wenn es darin nicht um mich selbst geht, war es nicht einfach, ihn zu Papier zu bringen. Ihre Fans spekulieren ja gerne mal, was Ihre Songs genau bedeuten. Bei einigen ist es offenkundig, bei anderen nicht. Verfolgen Sie diese Spekulationen? Blunt: Nein! Es ist ja eigentlich ganz einfach: Du bringst einen Song heraus und meist machen die Leute daraus dann, was sie wollen, weil sie natürlich auch ganz oft ihre eigenen Erfahrungen einfließen lassen. Und wie finden Sie das? Blunt: Ich finde das gut. Wenn sich die Leute mit meinen Texten auseinandersetzen und sich damit vielleicht sogar identifizieren können, gibt es mir das Gefühl, dass ich kein völliger Spinner bin. Auf Ihrem aktuellen Album können Sie aber auch anders. In dem Lied „Someone Singing Along" singen Sie gegen Rassismus, Gier, und Mauern. Solche politischen Töne kannte man bisher noch nicht von Ihnen. Blunt: Das Lied habe ich während der Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten geschrieben. Es geht darum, wie aggressiv der Wahlkampf dort war und dass sich die Tonlage verschärft – nicht nur in Amerika, sondern überall auf der Welt. Ich selbst glaube, dass die Welt ein viel besserer Ort wäre, wenn wir uns stärker auf unsere Gemeinsamkeiten konzentrieren, statt auf das, was uns unterscheidet. Genau das liebe ich an der Musik. Sie bringt Menschen zusammen und zwar unabhängig von Herkunft, Hautfarbe und Religion. Können Sie sich vorstellen, weitere Lieder wie dieses zu schreiben? Blunt: Ja natürlich, wenn nicht jetzt zu dieser Zeit, wann dann? Sie schreiben nicht nur Songs, sondern sind auch sehr aktiv auf Twitter. Dort fallen Sie aber eher mit Ihren humorvollen und selbstironischen Kommentaren auf. Blunt: Ich glaube, dass die Menschen aufgrund meiner Musik denken, ich sei so ein ehrlicher und romantischer Typ. Aber das bin ich eigentlich gar nicht. Meine Twitter-Seite enthüllt das Gegenteil. Ist das auch ein Weg, um sich den Kritiker zu erwehren? Blunt: Ich war sechs Jahre in der Armee und ich vermute, dass es einfach eine Art von Armee-Humor ist. Es ist wichtig, übereinander und miteinander zu lachen. Deshalb nehme ich die Sachen, die über mich geschrieben werden, nicht persönlich. Tatsächlich? Blunt: Das macht mir wirklich nicht so viel aus. Ich habe das Glück, dass es Millionen von Menschen gibt, die meine Alben kaufen und Tausende, die Abend für Abend zu meinen Konzerten kommen. Es wäre doch verrückt, sich dann über ein paar negative Kritiken den Kopf zu zerbrechen. Ich bin, wie gesagt, gerade mit Ed Sheeran auf Tour, und dem geht es da ähnlich wie mir. Wir freuen uns vielmehr über den Zuspruch, den wir bekommen. Das muss man sich einfach immer wieder in Erinnerung rufen. Wo sehen Sie sich selbst in 20 Jahren? Blunt: Ich plane gar nicht so weit in die Zukunft. Aber Musik ist Leidenschaft. Ich bin immer noch mit fast der gleichen Band unterwegs, mit der ich damals angefangen habe. Wir haben so viel Spaß und Energie, dass ich mir noch nicht vorstellen kann, damit aufzuhören.

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