Schauspieler Benno Fürmann. - © picture alliance / dpa
Schauspieler Benno Fürmann. | © picture alliance / dpa

Kopf der Woche Benno Fürmann: „Ich finde mich nicht immer toll“

Er ist einer der gefragtesten deutschen Schauspieler. 
 Im Interview spricht der 45-Jährige über seine neue Rolle, Toleranz 
 und erklärt, warum er nicht jeden „seiner“ Filme ansieht

Julian Rüter

Herr Fürmann, in Ihrem neuen Film „Ellas Baby" spielen Sie einen Vater, dessen 16-jährige Tochter schwanger ist und der selbst versucht, mit seiner Lebensgefährtin ein Baby zu bekommen. Das hört sich nach einer echten Patchworkfamily an. Benno Fürmann: Ja genau, das ist halt eine moderne Familie. Ich glaube, die Aufgabe von Film, Literatur und Kunst ist es, das Leben widerzuspiegeln. Oder Gedanken zum Leben. Meditationen über das Leben. Auf jeden Fall sollte es so verbindend sein, dass wir uns gespiegelt sehen. Und das klappt bei diesem Film? Fürmann: Wenn man weiß, dass viele Ehen nicht mehr halten, wenn man weiß, dass mehr Menschen denn je an Orten leben, an denen sie nicht geboren wurden – dann heißt das, wir bewegen uns mehr, trennen uns mehr und nehmen unterschiedlichere Lebensformen an. Hier haben wir es mit einem Mann zu tun, der von seiner Frau verlassen wurde, alleinerziehend ist, aber mit einer Frau zusammenwohnt, die einen Kinderwunsch hat. Währenddessen kommt seine Tochter schwanger aus dem Frankreich-Urlaub zurück. Wie war es für Sie, mit Mitte 40 die Rolle des werdenden Großvaters zu spielen? Fürmann: Verrückt, dass man schon in dem Alter ist, in dem man einen Opa spielen kann, oder? Ich habe da dank meiner Tochter aus dem wahren Leben nicht die große Übersetzung für gebraucht. Aber es war spannend, zu beleuchten, wie man mit einer Tochter umgeht, die immer erwachsener wird und der man auch immer mehr Toleranz entgegenbringen muss. Und wie gibt man ihr die Dinge, die einem wichtig sind, trotzdem immer noch mit? Aber es gibt noch mehr Schwierigkeiten. Fürmann: Bei uns war auch die Frage: Wie geht man mit einer Frau um, die einen liebt, der man Zuneigung und Liebe entgegenbringt und die am Ende des Tages so sehr auf den eigenen Kinderwunsch fixiert ist, dass das ein Mittel zum Zweck wird. Sie spielen Roman, einen leidenschaftlichen Fahrradschrauber – wie lange mussten Sie sich auf diese Leidenschaft vorbereiten? Fürmann: Gar nicht (lacht). Ich habe mein Praktikum damals in der Oberschule auf dem Gymnasium im Fahrradladen gemacht und fand das klug investierte zwei Wochen, von denen ich heute immer noch profitiere. Wenn ich mal einen Platten habe, ist es kein Problem, den zu flicken. Von daher war ich die Idealbesetzung für diese Rolle (lacht). Sie leben von der Mutter Ihrer Tochter getrennt, teilen sich aber die Erziehung. Kommt die Story also nah an Ihr eigenes Leben heran? Fürmann: Da habe ich nie drüber nachgedacht. Ich sehe natürlich die Parallele mit einer pubertierenden Tochter. Aber viel mehr spontan nicht. Es gibt Filme, bei denen man intellektuell auf eine Reise gehen möchte, weil man sie so befremdlich findet und irgendwelche Zukunftsszenarien oder Charaktere verstehen möchte. Oder es gibt die Form von Projekten: Ah, interessant. Das betrifft mich auch, und da habe ich etwas hinzuzufügen. Das war die Ebene mit meiner Tochter. Alles darüber hinaus ist für mich eine Fiktion, die nicht aus meinem Leben geschnitten ist. Ihre Tochter ist 14. Wie würden Sie reagieren, wenn sie in zwei Jahren schwanger vor Ihnen steht? Fürmann: Kann ich wirklich nicht sagen. Diese Information besitzt so eine Größe wie die Nachricht: Ich habe nur noch eine Woche zu leben, oder ich kriege von meiner Freundin Drillinge – das sind Situationen, die man erlebt haben muss, um zu wissen wie man reagiert. Ich kann mich als Schauspieler in diese Rolle mit dem Gedankenspiel „was wäre, wenn" hineinversetzen. Aber ob ich adäquat reagieren würde, das sei dahingestellt. Was wäre denn wohl die ideale Reaktion als liebender Vater? Fürmann: Ich finde der Mensch, den ich in „Ellas Baby" spiele, der macht das ziemlich gut. Er übt sich im ersten Moment darin, Contenance zu bewahren. Das gelingt ihm nicht. Er ist sauer, dass seine Tochter nicht auf seine Ratschläge gehört hat, mit einem Fremden ungeschützten Sex hatte und schwanger geworden ist. Und da klammern wir Geschlechtskrankheiten noch völlig aus. Dann sucht er aber mit ihr zusammen nach der besten Lösung und ist dann, so wie die meisten Eltern, die ihren Job gut machen wollen, gefangen zwischen seinem eigenen Wertekatalog und dem Wahrnehmen der Wünsche der Tochter. Genau in diesem Bereich spielt sich für mich das Leben in der Elternschaft ab. So auch mein eigenes. Welche Werte versuchen Sie selbst weiterzugeben? Fürmann: Mir ist Authentizität total wichtig, dass man zu seinem Wort steht. Und auch Integrität, dass man sich traut und in der Lage ist, auf sich selber zu hören. Sind Offenheit und Toleranz in der derzeitigen Zeit nicht auch besonders wichtig? Fürmann: Waren sie immer schon. Oder nicht? Absolut. Aber es gibt derzeit auch Tendenzen, die gesellschaftlich und auch politisch in eine andere Richtung gehen. Fürmann: Was ich mir wünsche, ist, dass wir es schaffen als Menschen über uns selbst hinaus zuzuhören. Das lernen wir ja hoffentlich als Vater, als Mutter, als Kind – also in jedem sozialen Kontext. Es geht darum, auch den Anderen wahrzunehmen, weil wir nun mal alle nicht gleich sind und Politik auch bedeutet, die Meinung des Andersdenkenden zu akzeptieren und zu tolerieren. Zumindest bis zu dem Punkt, wo sie einen selber oder andere beschneidet. Das ist das Miteineinander, das immer kompliziert ist. Gerade da wünsche ich uns mehr Offenheit. Sie kommen aus Berlin, das vor verschiedenen Nationen nur so strotzt. Ihre Tochter hat eine nigerianische Mutter, mit der Sie liiert waren. Wie wichtig ist für Sie Multi-Kulti? Fürmann: Das ist für mich Leben. Wir begrüßen die Freiheit, uns auf der Erde zu bewegen, und siedeln uns da an, wo wir es gerne möchten. Teile von unserer Gesellschaft können es dann aber nicht akzeptieren, wenn Menschen, die nicht aus unserem Dorf kommen, auf einmal bei uns zu Gast sind. Das ist dann mit völlig zweierlei Maß gemessen. Multi-Kulti ist... ich weiß gar nicht, was ich da groß sagen soll, weil es für mich so normal ist und immer schon normal war. Ich bin nie mit Hans und Anna aufgewachsen, sondern mit Mustafa, Hans und Tatjana. Lässt so ein Aufwachsen, wie Sie es beschreiben, die eigene Toleranz wachsen? Fürmann: Ich denke schon. Wir alle besitzen ja eine relativ große Hemmschwelle Fremdem gegenüber, weil man sich auf neue Erfahrungen, fremde Gesichter, alternative Lebensweisen und andere Hautfarben einlassen muss. Das kann anstrengend sein, aber ich habe das frei Haus geliefert bekommen. Insofern bin ich ziemlich dankbar darüber, dass ich durch meinen Werdegang relativ wenige Scheuklappen habe. Was kann man gegen diese Scheuklappen tun? Fürmann: Menschliche Begegnungen helfen immer. Selbst wenn Menschen aus den härtesten verfeindeten Lagern Zeit miteinander verbringen und dadurch lernen, dass das Gegenüber, was so wahnsinnig fremd wirkt, beim genauen Hingucken überhaupt nicht so fremd ist, sondern, dass wir alle verbunden sind, weil wir unsere Liebsten versorgen wollen, eine Todesangst haben oder gewisse Grundbedürfnisse besitzen, dann wird die Angst voreinander geringer. Das sind Bereiche, an die ich glaube. Gibt es auch Engagements, bei denen Sie sich selbst manchmal fragen, ob das überhaupt die richtige Rolle ist? Fürmann: Ich finde mich nicht immer toll. Beim ersten Mal kann ich Filme meistens nicht genießen, und beim dritten Mal schaue ich dann auf das künstlerische Gesamtkunstwerk, und da gelingt es mir ein bisschen mehr. Aber vorher schaue ich immer mit einem kritischen Auge, was funktioniert hat und was nicht. Insofern gibt es Filme, die ich besser finde als andere. Und es gibt auch welche, die ich mir erst gar nicht angeschaut habe. Warum das? Fürmann: Manchmal merkt man bei den Dreharbeiten, dass man selbst und der Regisseur von anderen Planeten kommen. Das ist vertane Lebenszeit und Anstrengung, die verpufft. Vergeudete Leidenschaft. Das ist immer schade. Bei diesem Film war das zum Glück ganz anders. Wir hatten sehr schnell ein Gefühl füreinander. Ist das nicht Routine? Fürmann: Manchmal ist das eine große Arbeit. Aber hier hatten wir schon nach ein paar Tagen diese gemeinsame Ebene, auf der es einem leichter fällt, nach drei Tagen zu spielen, dass man fünf Jahren zusammen ist oder seit 16 Jahren Vater. Wir saßen in meiner Küche und haben das Drehbuch bei grünem Tee und Keksen zusammen durchgearbeitet. Da war sehr viel Offenheit und viel gegenseitiges Interesse. Das war wirklich großes Glück. Ein Geschenk. Was bedeutet Glück im Leben? Fürmann: Glück ist ein Einklang, der ein Geschenk ist – aber auf den ich mich nicht verlassen möchte. Ich glaube an Glück im Moment. Nicht an Glück als Lifestyle-Begriff. Diese Selbstoptimierung, die uns allen versprochen wird, wenn wir noch mehr zum Yoga gehen, noch mehr meditieren oder noch mehr Superfood essen – von der halte ich nichts. Das Streben nach permanentem Glück halte ich für gefährlich. Und was war der letzte richtig glückliche Moment? Fürmann: Auf der Klippe mit meiner Tochter auf Mallorca.

realisiert durch evolver group