Clueso live auf dem 20. Highfield Festival 2017 am Störmthaler See. - © picture alliance / Geisler-Fotopress
Clueso live auf dem 20. Highfield Festival 2017 am Störmthaler See. | © picture alliance / Geisler-Fotopress

Kopf der Woche Clueso: „Ich konnte mit dem Druck nicht mehr leben“

Politiker reden häufig über Neuanfänge, er hat einen solchen hinter sich. Der Sänger spricht im Interview über den Entschluss, sein Leben umzukrempeln, schwierige Beziehungen und seine Schulzeit

Zoi Theofilopoulos

Clueso, Ihr aktuelles Album trägt nicht umsonst den Titel „Neuanfang". Was hat sich in Ihrem Leben verändert? Clueso: Sehr viel. Die größte Veränderung ist, dass ich jetzt vieles alleine mache, was ich sehr genieße. Ich reise alleine, ich gehe oft alleine essen (lacht), ich wohne alleine. Irgendwie macht mir das Spaß. Ich hatte vor meinem „Neuanfang" eine eigene Firma. Viele Leute die dort beschäftigt waren, sind meine Freunde. Deshalb ist man oft noch nach der Arbeit gemeinsam losgezogen. Dazu kommt, dass ich in einer WG mit sieben Leuten gewohnt habe, die auch teilweise mit mir gearbeitet haben. Dadurch hatte ich rund um die Uhr Menschen um mich. Jetzt genieße ich es, auch mal für mich zu sein. Außerdem habe ich eine komplett neue Band, mit der ich das erste Mal auf Festivals gespielt habe. Eine neue Band bedeutet für mich eine neue Familie, also auch ein neues Zuhause. Mein Management habe ich ebenfalls gewechselt. Das einzige was in meinem Leben gleich geblieben ist, ist, dass ich immer noch in Erfurt lebe. Nur eben alleine. Ich möchte keine der alten Zeiten missen, aber mein neues Leben gefällt mir sehr gut. Wieso der Neuanfang? Clueso: Der Wunsch kam durch die Abhängigkeit meiner Leute. Wir hatten damals gemeinsam die Idee, etwas aufzubauen und Musik zu machen. Durch diese Gemeinsamkeit hingen alle an mir. Ich hatte immer gehofft, dass jeder irgendwann seinen eigenen Weg geht, sein Leben unabhängig von mir plant. Ich kam zu dem Punkt, dass ich nicht wusste, was ich als nächstes mache und wie ich es mache. Alle fragten mich: Wie wird es aussehen? Können wir mit einer Tour rechnen? Sind wir dabei? Ich konnte mit diesem Druck nicht mehr leben. Viele von ihnen haben Familie und brauchten Sicherheit. Diese konnte ich nicht geben. Es gab keinen Tag, wo ich beschlossen habe, einen Neuanfang zu starten. Das kam nach und nach. Zum Beispiel saßen wir einmal an einem Lagerfeuer und es war eine echt coole Sause. Aber ich dachte mir, ich wäre viel lieber eingeladen, als der Gastgeber zu sein. Ein anderer entscheidender Moment war, als mein Gitarrist aus der Band ausgestiegen ist. Da habe ich die Chance genutzt und allen erklärt, wie ein Leben ohne mich aussieht. Das war sehr hart, vielleicht sogar das Härteste, was ich je im Leben gemacht habe. Ein Neuanfang ist ein großer Schritt. Wie hat das bei Ihnen funktioniert? Clueso: Es gibt Höhen und Tiefen. Natürlich musste ich mir auch mal den ein oder anderen Spruch anhören. Das härteste ist und war, dass ich mich von genau den Leuten getrennt habe, die immer ein Ohr für meine Probleme hatten. Deshalb musste ich vieles mit mir selbst ausmachen. Das war schwer, aber es funktioniert. Ich finde, dass das zum Erwachsenwerden dazu gehört (lacht). Vor allem ging es mir um die Autonomie, die ich dadurch zu mir selbst entwickelt habe. Worauf kommt es für mich im Leben an? Was ist mir wichtig? Diese Fragen konnte ich mir vorher nie stellen. Als Musiker weiß man eben nicht immer, was man als nächstes macht. Und das gehört zu meinem Leben dazu. Wie haben Familie und Freunde auf Ihre Entscheidung reagiert? Clueso: Unterschiedlich. Es hat zwar keiner so richtig erwartet, aber viele haben es geahnt. Alle wollten wissen, ob wir jetzt ein neues Album machen und auf Tour gehen. Darauf hatte ich nie eine Antwort. Ich konnte nicht „Ja" sagen, weil ich dieses Versprechen nicht verantworten konnte. Da es sich ewig hingezogen hatte, wussten es einige. Es gab auch Leute, die es absolut nicht verstanden haben. Häufig hat die Empathie gefehlt. Andere fanden es okay. Haben Sie dadurch Freunde verloren? Clueso: Niemand war so stinkig, dass er mir absichtlich versucht, aus dem Weg zu gehen. Dennoch komme ich jetzt mit vielen Menschen nicht mehr zusammen, da es so emotional ist. Bei denen ist es wie, wenn man auf einen verkrampften Kellner trifft und man selber einen blöden Tag hatte. Es ist wie eine richtige Trennung. Als Sie ein Teenager waren, haben Sie Ihre Friseurlehre abgebrochen, um Musik zu machen. Wenn Sie einen Sohn hätten, was würden Sie ihm raten? Clueso: Für meine Eltern war das damals sehr schwierig. Ich bin von der Schule geflogen und habe die Lehre abgebrochen. Ich kann verstehen, dass sie wollten, dass ich wenigstens die Lehre abschließe. Denn vom Kopf her, hätte ich das alles geschafft, ich hatte nur einfach kein Bock. Aber wenn ich meinem Kind in die Augen schauen würde und merke, dass es etwas anderes hat, was es glücklich macht, würde ich es unterstützen. Ich glaube, mir konnte man das damals ansehen, dass ich es liebe, Musik zu machen und immer dort hin gegangen bin, wo Musik gespielt wurde. Man muss nicht jede Referenz vom Papier ablesen. Manche kann man auch aus den Augen lesen. Ihr richtiger Name lautet Thomas. Sind Thomas und Clueso zwei unterschiedliche Menschen? Clueso: Stopp kurz, da muss ich Clueso fragen (lacht). Es ist wie eine verschwommene Grenze. Mal ist man mehr energetisch, mal aggressiv, mal harmonischer. Und so ist das mit den Namen. Es gibt Tage, da kann ich mich mehr mit mir, Thomas, identifizieren. An anderen Tagen eher weniger. Wenn zum Beispiel eine neue Platte rauskommt und es dann den ganzen Tag um Clueso geht, muss ich mich stets daran erinnern, dass es nicht um mich, sondern um das Projekt geht. Das ist wie bei einem familiengeführten Restaurant, das den Familiennamen trägt. Da geht es manchmal mehr um das Projekt als um die Familie. Sie haben Ihren Künstlernamen von Inspektor Clouseau aus dem Film „Der rosarote Panther". Er ist ein tollpatschiger, liebenswerter, nie berechenbarer Kauz, der auf der Jagd nach Verbrechern stets Chaos verursacht. Trifft das auf Ihre Person zu? Clueso: Also wenn du das jetzt so sagst und man sich Clueso anschaut, ist er ein ganz schöner Vollidiot, der wahnsinnig Glück hat. Vielleicht trifft das irgendwie zu. Zumindest habe ich so meinen Namen bekommen. Ich mache viele Dinge aus dem Bauch heraus, die oft tollpatschig wirken. Viele Leute denken dann immer: Was macht der da? Aber irgendwie geht es am Ende immer auf. Zum Beispiel sind wir letztes Jahr mit einem Musikregisseur nach Los Angeles geflogen, um das Musikvideo für den Song „Achterbahn" aufzunehmen. Ich habe mir im Flugzeug extra Internet gekauft, um ein Treatment vorzubereiten. Das hat natürlich nicht geklappt. Als wir in LA ausgestiegen sind, beschloss ich direkt das Musikvideo zu drehen. Die Antwort, die ich zurückbekommen habe: „What the fuck, Clueso?" Es war nichts organisiert und wir wussten nicht mal, wo wir schlafen sollen. Am Ende ist es eins der besten Musikvideos geworden, die ich je gemacht habe. Das ist halt Clueso-Style. Klar, stoße ich da auch mal auf Probleme, aber das muss bei mir immer mal wieder sein. Man muss nur die richtigen Leute dabei haben. Wie würden Sie sich beschreiben? Clueso: Ich bin wie ein Zehnkämpfer. Ich bin in jeder Disziplin ein bisschen gut und deswegen immer weit vorne. Ihre Musik ist für poetische Texte bekannt. Woher kommt die Inspiration? Clueso: Ich habe kein Problem damit, mir etwas auszudenken. Es gibt eine Zeile auf dem Album, in der ich sage: „Ich erzähle Geschichten, die keine Lügen sind". Manchmal schreibe ich etwas auf und die Geschichte lernt laufen. Plötzlich bin ich der Autor, der die Geschichte weiter entwickelt, da die Figur was mit mir zutun hat. Ich habe jahrelang von einem Balkon gesungen, auf dem ich sitze. Dabei hatte ich nie einen. Ich hätte gerne einen gehabt (lacht). Ich entwerfe Geschichten, stecke mich in Kostüme und Situationen, die nicht immer auf mein Leben zutreffen. Dann erwische ich mich wieder, wie ich mein Leben runterschreibe. Meine Texte sind zu 100 Prozent ich. Haben Sie inzwischen einen Balkon? Clueso: Ich habe jetzt einen Balkon, aber singe nicht mehr davon. Das ist das Interessante an der Musik. Ich singe von Dingen, die ich gerne hätte, bis ich sie habe. Ich war damals nie in Chicago. Plötzlich war ich es. Frau, Kinder, Haus und schöner Wagen. Ist das für Sie erstrebenswert? Clueso: Für manche Leute schon, für mich nicht. Ich bin Peter Pan-mäßig unterwegs. Trotzdem kann ich mir alles im Leben vorstellen. Alles stehen und liegen lassen, und in eine Stadt wie LA ziehen oder noch mal etwas ganz anderes als Musik machen. Deshalb halte ich mir alles im Leben offen. Nur eins könnte ich nicht. Ein Haus am Stadtrand. Ich brauche Action. Ein Zuhause zu haben, das ist mir wichtig. Haben Sie ein Zuhause? Clueso: Ja und nein. Durch die Musik bin ich oft auf der Straße. Manchmal komm ich dann nach Hause und denke: Guckt mich die Spinne gerade komisch an, weil sie sich wundert, wer der fremde Typ ist? Da frage ich mich schon, ob ich zu Hause bin. Doch nach zwei Tagen Netflix schauen bin ich dann auch wieder angekommen. Bei einem Projekt sind Sie in unterschiedliche Länder gereist, um die deutsche Sprache ins Ausland zu tragen. Außerdem haben Sie sich für das Lesen- und Schreibenlernen eingesetzt. Woher kommt diese soziale Ader? Clueso: Das hat sich damals über Zufälle ergeben. Ich durfte umsonst reisen, da konnte ich nicht nein sagen. Ich habe Workshops gegeben und merkte, dass mir das liegt. Zudem finde ich das deutsche Schulsystem Horror, da die Lehrer immer nur versuchen, eine bescheuerte Idee über einen zu stülpen, anstatt mehr auszuprobieren, welche Lehrmethode zu den kleinen Seelen passt. Meine selbst ausgedachten Methoden kamen so gut an, dass wir eine DVD für Lehrer gebastelt haben, in der ich meinen Unterricht zeige. Inzwischen ist es für mich mehr als das kostenlose Reisen. Ich bin dankbar, dass ich durch die Musik diese Möglichkeit bekomme. Gibt es einen Ausgleich zur Musik? Clueso: Es klingt komisch, aber Musik ist mein Ausgleich zur Musik. Manchmal nehme ich die Gitarre in die Hand, setze mich an das Piano oder bastel an Beats herum, ohne zu denken und es aufzunehmen. Das ist wie bei einem Mandala, welches man nach dem Malen wieder vernichtet. Was machen Sie gerade? Clueso: Ich habe mir einen Nerv eingeklemmt und liege bei mir zu Hause im Bett...

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