Carolin Kebekus - © Robert Becker
Carolin Kebekus | © Robert Becker

Kopf der Woche Carolin Kebekus: „Ich war immer die Pussy, die sich nichts getraut hat“

Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Nie! Carolin Kebekus ist eine der besten 
 Kabarettistinnen und Komödiantinnen Deutschlands. Im Interview spricht sie 
 über die Bundestagswahl, Social-Media-Stars und Mutproben

Julian Rüter

Frau Kebekus, ihre Sendung „PussyTerror TV" startet am 7. September aus der Sommerpause. Hat die gut getan, um wieder neuen Stoff anzusammeln? Carolin Kebekus: Auf jeden Fall. Wenn man dann mal wieder entspannt ist, anderen Input hat und den Organismus herunterfährt, dann hat man auch wieder Kapazitäten. Während meiner letzten Urlaubswoche habe ich richtig gemerkt, dass die Lust zu Schreiben zurückkam und da einige Ideen waren, die unbedingt aus dem Kopf raus wollten. Die bevorstehende Bundestagswahl liefert Ihnen doch mit Sicherheit einige Steilvorlagen. Kebekus: Na klar. Wir haben uns von den Parteien schon das Material – nennt man das Wahl-Merchandising? – in die Redaktion schicken lassen und da sind garantiert schöne Sachen dabei. Da werden wir mit Sicherheit einiges zu machen können. Und die schlimmsten Dinge hat? Kebekus: Bisher sind nur die Sachen von den großen Parteien da und von vielen kleinen fehlt es noch. Aber ich weiß auch gar nicht, was bisher genau drin ist. Meine Redaktion hat mir erzählt, dass das schon gut ist, aber ich sehe die wahrscheinlich erst auf der Bühne. Aber wer hat denn die schlimmsten Wahlplakate? Da kommen Sie ja auch jeden Tag dran vorbei. Kebekus: Also ich frage mich bei der FDP momentan wirklich, was der Herr Lindner möchte. Er möchte aus dem Kinderparadies abgeholt werden oder sucht der seine Mama? Der guckt so deprimiert und das sieht doch aus wie eine Calvin-Klein-Werbung. Eigenartig. Haben Sie sich unter den Politikern ein Lieblingsopfer ausgesucht? Kebekus: Noch nicht. Dafür ist es noch ein bisschen zu früh. Da kann sich so kurzfristig ja immer noch etwas ändern und sich jemand um Kopf und Kragen reden. Deswegen passiert das immer erst kurz vor der Sendung. Aber sie positionieren sich politisch schon deutlich – zumindest deutlich entfernt von der AFD. Kebekus: Das war bei mir schon immer so. Da gibt es auch gar keine Überlegung und keine Diskussion. Als wir damals diesen Song „Wie blöd du bist" gemacht haben, da wussten wir auch, dass es einen großen Shitstorm gibt. Aber da stellt sich die Frage nicht, ob man das machen soll oder nicht. Das macht man dann. Stellen Sie sich überhaupt manchmal die Frage: Sollten wir das machen oder nicht oder geht es manchmal auch darum, Grenzen zu überschreiten? Kebekus: Es läuft nicht so, dass wir bewusst nach Grenzen suchen und die dann unbedingt übertreten wollen. Das ergibt sich wenn, dann mit dem Thema. Wenn ich das Gefühl habe, da ist ein Thema, zu dem wir etwas machen müssen, dann hat das einen Grund, dann hat das eine Aktualität, die es nötig macht, in diese Wunde hineinzustechen. Einfach nach etwas zu suchen, das viel Aufmerksamkeit bekommt, das habe ich noch nie gemacht. Das fände ich auch etwas platt. Und wenn Sie diese Wunde gefunden haben, in die gestochen werden muss . . . Kebekus: Dann sitzen wir mit unserem Team zusammen und es kommt eins zum anderen. Da hat erst der eine eine Idee und dann geht der andere drauf. Das befruchtet sich gegenseitig und ist immer eine Arbeit von vielen. Haben Sie manchmal Angst vor den Reaktionen? Kebekus: Eigentlich ist mir immer bewusst, was passieren kann. Aber das meiste spielt sich in den Facebook-Kommentaren ab. Da beschäftige ich mich nicht mehr mit und muss das auch nicht lesen. Wenn mir jemand erzählt: „Oh, da gab es einen riesigen Shitstorm von Rechten auf deiner Seite." Dann kann ich mir ungefähr vorstellen, was da steht. Es passiert ja nie, dass jemand einem das ins Gesicht sagt und man anfängt, zu diskutieren. Würden Sie sich das mal wünschen? Kebekus: Pauschal fällt es mir schwer, das zu sagen. Ich würde jetzt nicht nach jeder Sendung eine Diskussionsrunde führen wollen. Ich meine einfach, dass in der Anonymität des Internets vieles so schnell gesagt oder geschrieben ist. Das darf man gar nicht so hoch bewerten. An den möglichen Shitstorm denke ich da nicht. Und wenn es mal wirklich einem Teammitglied zu heikel sein sollte, dann diskutiert man dann eben darüber. Beim Thema Politik: Was halten Sie eigentlich von der Frauenquote? Kebekus: Irgendwo muss man ansetzen, um das System zu ändern. Jetzt zu sagen, das sei unfair, dann war es jahrhundertelang vorher auch unfair. An diese Stelle kommt ja keine unqualifizierte Frau. Das ist keine ausgereifte Lösung, aber ein Ansatz, der etwas verändert. Je mehr Frauen gute Vorbilder haben, desto eher wird sich das selbst regulieren. Jetzt gibt es eben den Punkt, an dem man etwas machen muss. Und die Ehe für alle? Kebekus: Überfällig. Längst überfällig. Ich habe noch nie verstanden, dass sich jemand dafür interessiert, was Homosexuelle im Bett machen. Dass das überhaupt eine Rolle spielt... Ich frage mich, welche Ehe weniger wert ist, nur weil gleichgeschlechtliche Paare auch heiraten dürfen. Was schmälert den Wert? Das verstehe ich nicht. Das geht mir nicht in den Kopf. Wissen Sie schon, wen Sie wählen? Kebekus: Weiß ich tatsächlich noch nicht. Also sind Sie keine klassische Stammwählerin. Kebekus: Ich habe schon viele Jahre dasselbe gewählt, aber ich finde es momentan schwierig, den Überblick zu behalten. Es gibt keine Partei, bei der man sagen kann: Die sind aber immer schön bei ihrer Linie geblieben und stehen weiter für das, bei dem ich dachte, für das sie stehen. Momentan kann man eher bei allen sagen: Ja, lief mal besser. Ihre Sendung heißt PussyTerror TV, Ihre Show AlphaPussy. Hätte das auch alles weniger schreiende Titel haben können? Kebekus: Bestimmt, aber ich habe mal mit PussyTerror angefangen und fand gut, dass das alles einen Zusammenhang hat. Aber vielleicht ändert sich das auch wieder. Passen diese Titel auch zu Ihrer Person? Kebekus: Ich finde schon. Pussy ist ja schon ganz lange mein Spitzname bei meinen Freunden. Ich habe viel mit Jungs rumgehangen, aber mich nie getraut, bei den gefährlichen Sachen mitzumachen. Von Klippen springen oder sich mit dem Skateboard ans Auto hängen – da war ich immer die Pussy, die die Fotos gemacht hat. Das war für mich deswegen auch schon immer ein ziemlich normaler Begriff. Sind Sie eigentlich froh, dass Ihr Publikum eher in die nicht Instagram-Generation geht? Kebekus: Ist das so? Bei PussyTerror TV war das Publikum zumindest zuletzt eher Mitte 30, statt Anfang 20. Kebekus: Ne, die sind schon jünger. Das sehe ich live besonders oft am Publikum. Mein Kernpublikum sind häufig sehr, sehr junge Mädchen und Frauen. Twitter, Facebook, Instagram – Sie sind da überall dabei. Dem Zwang von Social Media können Sie sich nicht entziehen? Kebekus: Das stimmt, aber ich habe auch Phasen, in denen ich dort gar nichts poste. Social Media ist mittlerweile ja auch ein Arbeitstool. Man muss das dann bedienen, aber ich bin da nicht so gut drin (lacht). Ich bin keine Abhängige davon und muss mich eher dazu zwingen, das zu machen. Aber manchmal macht es auch Spaß. Ich muss die Laune dazu haben, sonst finde ich das sehr anstrengend. Überwiegen bei Social Media denn die Vor- oder Nachteile? Kebekus: Diese unmittelbare Vernetzung mit den Menschen finde ich super und wahrscheinlich gibt es nirgends schnellere Informationen bei irgendwelchen Gefahrenlagen vor Ort als bei Twitter. Ich bin ein Freund davon, wie man sich mit Freunden vernetzt. Dadurch entsteht das Gefühl, dass es ein Band zwischen einem gibt und obwohl die Menschen teilweise ganz weit weg sind, sind sie in gemeinsamen WhatsApp-Gruppen und man nimmt an ihrem Leben teil. Diese Seite gefällt mir schon sehr gut. Dennoch prangern Sie die Inhaltsleere der Youtube- und Instagram-Stars an. Kebekus: Ich finde es auch krass, wie viele Menschen es gibt, die in diesem Bereich einfach gar keine Inhalte haben. Wirklich gar nichts. Da werden irgendwelche Produkte gepostet, da wird ein hübsches Selfie zu gemacht und das war es. Klar, große Firmen bezahlen dafür, dass die Leute diese Fotos posten, aber letztens habe ich gesehen, dass ein Waschmittelhersteller sich auch ein paar Influencer gekauft hat und dann haben die sich mit so einem Eimer Waschmittel vor irgendeiner Graffitti-Wand fotografiert oder so. Da denke ich mir auch: Das ist doch total absurd. Das sah so bescheuert aus. Warum? Kebekus: Mal ganz ehrlich. So eine Modeltante, die im Fahrradkörbchen einen Eimer Waschmittel mit sich rumfährt und dazu schreibt: Mensch, meine Wäsche sieht so schön sauber aus und ist so weich . . . Das ist so simple Werbung. Da frage ich mich, wer das sieht und denkt: Wow, das ist ja ein toller Künstler. Dem folge ich gerne, weil der sein Waschmittel so schön fotografiert. Das ist mir ein Rätsel. Gibt es da Ausnahmen? Kebekus: Klar, es gibt auch Leute, die wirklich gute Inhalte auf Youtube haben. Mir gefallen immer die Filme, die Themen gut und schnell erklären. Es hat ja niemand mehr eine Aufmerksamkeitsspanne von mehr als 2:30 Minuten (lacht). Länger hält es keiner mehr aus. Aber diese hauptsächlichen Influencer, die nur noch über Marken kommen und zeigen wie toll ihr Leben ist, das ist doch verrückt. Als junger Mensch ist man doch sowieso schon von der Perfektion des weiblichen Körpers umgeben und dann sieht man das auch noch im vermeintlichen Alltag von Stars, die von vorne bis hinten trainiert sind. Das geht nicht. Dann denkt man doch tatsächlich die kriegen alle integriert, dass sie dauernd trainieren und nur noch Chia-Samen essen und ich bin der Depp, der fett ist. Ich unterstelle vielen Jugendlichen, dass sie da abstrahieren können und nur ab und zu ein paar Bilder gut finden. Aber, wenn man da sein Hauptaugenmerk draufsetzt und mit 15 bereits drei Stunden morgens im Bad braucht, weil man die ganzen Schminktipps anwenden muss, um sich irgendwie ein bisschen Selbstbewusstsein aus dem Kopf zu pressen, dann finde ich das schon bedenklich. Wie haben Sie sich mit 15 „Selbst-
bewusstsein aus dem Kopf gepresst"? Kebekus: (lacht) Gar nicht! Gar nicht! Überhaupt nicht! Ich war ein Haufen Elend. Ganz schlimm...

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