Kopf der Woche Tanja Mairhofer: „Die Realität könnte auch mal einen Hugo vertragen“

Ihre Devise heißt: „Schluss mit Muss“. Tanja Mairhofer ist Moderatorin, Mutter und eine Weltenbummlerin. Warum die 38-Jährige fordert, 
 sich weniger Zwängen zu unterwerfen, erzählt sie im Gespräch

Janina Raddatz

Frau Mairhofer, Sie haben den Anti-Ratgeber „Schluss mit Muss" geschrieben. Wie kam die Idee für so ein Buch? Tanja Mairhofer: In meinem Leben habe ich viele Ratgeber gelesen. Dabei habe ich gemerkt, dass die sich einfach oft um sich selbst drehen. Da wird viel Realitätsverleugnung betrieben. Lange Zeit habe ich gehofft, dass mir das Lesen dieser Ratgeber etwas bringt – aber leider war das nicht so. Natürlich sage ich nicht, dass alle Unsinn sind – aber dieses „höher, schneller, weiter"-Prinzip, das in vielen dieser Ratgeber propagiert wird, ist in der Realität schwer umsetzbar und macht Menschen nicht glücklich. Mein Buch ist nicht ganz so ernst gemeint, wie vielleicht jeder erst denkt – aber das merkt man, wenn man das Buch aufschlägt. Es soll Lockerung in den Alltag bringen. Es geht darum, dass man eben „nichts muss". Haben wir in unserer Gesellschaft ein Anforderungsproblem? Mairhofer: Auf jeden Fall. Ich denke, dass wir uns zu viel Druck machen. Ich erhebe mich da jetzt nicht über die anderen und sage, dass ich die Work-Life-Balance schlechthin habe. Ich nehme mich im Buch über 200 Seiten lang nicht ernst, und mache mich eher über mein eigenes Scheitern lustig. Generell wird zuviel gefordert in unserer Gesellschaft. Gerade die Millennials (junge Menschen, die um die Jahrtausendwende geboren wurden, Anm. d. Red.) lassen sich nicht mehr so viel sagen und unterwerfen sich nicht mehr so wie früher dem Chef und der Arbeit. Nur hat die letzten Jahrzehnte dominiert, dass man alles perfekt machen musste. In bestimmten Bereichen wird das wohl auch länger noch so bleiben. Wo zum Beispiel? Mairhofer: Neulich sagte mir jemand aus dem Finanzwesen, wenn man dort aufhören würde, Leistung zu erbringen, würde man untergehen. So etwas kenne ich gar nicht. Ich mache meine Dinge, und am Ende kommt dabei etwas heraus. Man muss sich nicht aufopfern, um Erwartungen zu erfüllen. Man macht zu viele Dinge, um anderen zu gefallen. Ein Beispiel dafür sind Statussymbole: Neulich habe ich mich mit einem Kollegen unterhalten, und stellvertretend für alle Statussymbole auf dieser Welt haben wir über Louis Vuitton-Taschen gesprochen. Die sehen in meinen Augen nicht schön aus, sondern einfach billig. Trotzdem ist es ein Ziel, worauf Menschen hinarbeiten. Warum ist es wichtig, zu entschleunigen? Was passiert dabei? Mairhofer: Zufriedenheit kann sich breitmachen. Ich sage nicht, dass ich alles weiß – das nehmen Journalisten oft an und fragen dann, ob ich Ratschläge geben kann. Aber genau das kann ich nicht. Ich stelle alles infrage und mache mich über die Gesellschaft lustig. Es ist dieses Streben nach Glück, was wir in uns haben: Es ist etwas Kleines, und das merkt man nicht, wenn man nur nach Superlativen strebt. Das Buch ist primär für Frauen geschrieben. Bräuchten Männer nicht auch einen Anti-Ratgeber? Mairhofer: Definitiv. Wahrscheinlich noch mehr (lacht). Viele Männer haben Probleme mit dem Statusgeplänkel. Wenn ich mich hier bei mir in der Siedlung umsehe, dann kommt es besonders auf die Autos an. Aber ich selbst kann nicht so gut davon sprechen, weil ich kein Mann bin. Ich könnte meinen Mann als Beispiel nehmen, aber der ist zum Glück frei von dem ganzen Schmarrn und fährt sein Auto, bis es auseinanderfällt. Aber ich glaube schon, dass es auch darüber viel zu schreiben gäbe. Also wird Ihr nächstes Buch ein Anti-Ratgeber für Männer? Mairhofer: Ich habe kurz überlegt, ob ich das mache. Männer kommen oft zu kurz, wie ich neulich in einer Dokumentation gesehen habe. Männer haben es auch unglaublich schwer, was Optimierungswahn und Druck anbetrifft. Aber es gibt darüber schon Bücher. Ihr Buchcover zeigt einen ausgestreckten Mittelfinger. War das Ihre Idee? Mairhofer: Nein, dafür ist der Verlag verantwortlich (lacht). Das kam nicht von mir. Ich stand auch erst unter Schock – immerhin moderiere ich ja auch eine Kindersendung (Die Sendung mit dem Elefanten, Anm. d. Red.), und ich habe es zuerst meiner Chefin geschickt. Die war auch nicht so glücklich damit, aber letztendlich ist es gut gewesen für das Buch. Wieso das? Mairhofer: Vorher war ich noch zurückhaltender im Text. Als das Cover da war, habe ich gedacht: Jetzt hast du den Stinkefinger vorn auf dem Buch, also kannst du auch schreiben, was du denkst. Das merkt man dem Text an. Diese Art der direkten Worte tut manchen Leuten gut beim Lesen. Die brauchen das. Das Cover kam, als ich mitten im Schreibprozess war, es hat mir geholfen. Das Buch polarisiert – für meinen Geschmack sogar zu wenig. Ich hatte mir da mehr vorgestellt, was ich an Kritik einstecken muss. Sie schreiben „Die Realität könnte auch mal einen Hugo vertragen". Sollten wir uns alle aufs Sofa legen und nur noch machen, worauf wir Lust haben? Mairhofer: Ich habe im Buch geschrieben, dass man sich schon an der Gesellschaft beteiligen soll. Doch nur noch dieses „allen-gefallen-wollen" oder diese scheußlichen Louis-Vuitton-Taschen zu kaufen, das ist Quatsch. Ich habe beim Schreiben des Buchs ja auch durchaus bis nach Mitternacht am Schreibtisch gesessen und nebenbei noch andere Sachen gehabt. Ich war ja nicht faul. Es ist schon gut, wenn man was macht. Aber es soll auch kurze Momente für Muße geben. Was halten Sie von Schönheitsidealen? Mairhofer: Das ist ein großes Thema. Wir bewegen uns davon weg, was der Mensch eigentlich ist, und streben Ziele an, die unerreichbar sind. Junge wie ältere Frauen wollen aussehen wie Victoria’s-Sectret-Engel, und sind unzufrieden, wenn es nicht so ist. Victoria’s-Sectret-Engel gibt es wenige. Man sollte sich annehmen können, wie man ist – auch im Alter. Wir sind mitten im demografischen Wandel und der Jugendwahn wird immer schlimmer. Es war mein Anliegen, dass man über die Realität spricht und nicht über die künstlich erzeugte Realität. Wir werden nicht aussehen wie Jane Fonda, wenn wir alt sind, weil nicht mal sie so aussieht, wie sie aussehen müsste. Denn sie hat nachgeholfen. Haben Sie Erfahrungen mit Altersdiskriminierung gemacht? Mairhofer: Allerdings. Ich bin durch meinen Beruf als Moderatorin und Schauspielerin in den Medien, da passiert es einfach. So oft habe ich schon gelesen oder gehört: Nein, Sie passen vom Alter nicht mehr. Mit dem Jugendfernsehen habe ich mit Ende 30 nichts mehr zu tun, und auch mit Mitte und Anfang 30 machte sich das bemerkbar. Es ist frustrierend. Auch für VIVA ist man als Moderatorin mit 40 zu alt. Es knickt einen natürlich – aber ich bin ein Rebell, und denke mir: Ich zeig’s euch noch. Abwarten – und irgendwann halte ich diesen Leuten den Mittelfinger auf meinem Buch ins Gesicht. Wenn man einen Blick auf Ihre Homepage wirft, sieht man direkt eine freundliche, gezeichnete Frau in Yoga-Position. Ist das Ihr Selbstbild? Mairhofer: Es ist ein Teil von mir. Ich bin nicht der, der allen Menschen den Mittelfinger ins Gesicht hält (lacht), sondern eigentlich ganz lieb. Yoga ist mir jetzt gerade nicht so wichtig, aber generell ist es ein großer Teil in meinem Leben, der mir gut getan hat. Auch Yoga betrachte ich in meinem Anti-Ratgeber kritisch, denn es ist ja ein Hype. Den hinterfrage ich. Alle glauben plötzlich, dass sie dadurch besser sind. Und das ist die Gefahr: Da schreiben Leute, die eigentlich selbst vielleicht Hilfe bräuchten. Ich habe selbst erlebt, dass Leute nach meinen Yogastunden zu mir hinkamen und eine Lebensberatung wollten. Nur, weil ich auch Yoga-Lehrerin bin, heißt das ja nicht, dass ich alles weiß und kompetent genug für alles bin. Das ist wirklich gefährlich. Also ist Yoga nicht das, wofür es viele Leute halten – der absolute Wohlfühlsport? Mairhofer: Ich glaube, wenn ich im Schützenverein wäre, statt Yoga zu machen, wäre es auch in Ordnung. Danach fühle ich mich gut, aber ich fühle mich auch gut, wenn ich in die Badewanne gehe. Viele Wege führen nach Rom! Ich fühle mich schon wohl damit, aber es ist kein Allheilmittel. Sie haben vor längerer Zeit mal gesagt, dass Sie keinen Fernseher besitzen. Ist das als Moderatorin nicht paradox? Mairhofer: Es war lange so, aber inzwischen ist es nicht mehr aktuell (lacht). Und es ist paradox, klar. Eigentlich darf ich das gar nicht laut sagen, aber es war wirklich schön so. Man bekommt den Kopf frei. Als mein Mann in mein Leben trat und dann meine Tochter, da hielt auch ein Fernseher wieder Einzug. Mein Mann ist ehemaliger Fußballspieler, da ging es ohne Fernseher einfach nicht. Der Fernseher ist aber uralt, wir schauen sowieso meist bei Netflix etwas. Was denn zum Beispiel? Mairhofer: Eigentlich nur Serien oder Filme aus zwei Bereichen: Entweder Comedy oder Dokumentationen. Da sieht man viel von der Welt und es ist einfach spannend und entspannend. Geboren in Johannesburg, aufgewachsen in Malaysia, Frankreich und Österreich. Wie viele Sprachen sprechen Sie? Mairhofer: Ich bin ein totaler Depp, wenn es um sowas geht und es fällt mir schwer. Ich spreche Englisch fließend, Französisch ist aber schon wieder so eine Sache. In meiner Zeit in Paris habe ich gemerkt, wie schwer es ist, so etwas komplett zu erlernen. Ich habe unglaublichen Respekt vor Menschen, die nun hier nach Deutschland kommen und schnell Deutsch lernen müssen – das ist ja beinahe noch schwerer. Ich kann eigentlich nur eineinhalb Sprachen, wenn Sie mich so fragen (lacht). Aber Dialekte kann ich. Zum Beispiel derb bayrisch reden. Und österreichisch. Ihre Tochter ist sechs Jahre alt. Was machen Sie, wenn die demnächst sagt: Mama, ich muss gar nichts! Ich muss nicht lernen. Jetzt ist Schluss mit Muss! Mairhofer: Sie nimmt längst nicht alles an, was ich sage. Das freut mich auch. Niemand hat zu 100 Prozent angenommen, was die Eltern gesagt haben, oder? Nicht alles, was ich mache, ist super, und natürlich muss sie irgendwann rebellieren. Wenn es ums Leben geht, hoffe ich, dass sie weiß, was notwendig ist. Aber ich bin vorbereitet. Auf ihren eigenen Kopf und auch auf alles andere.

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