Kopf der Woche Manuel Andrack: „Ich stand auf einmal oberkörperfrei im Stadion“

Manuel Andrack ist Fußballfan mit Leib und Seele. Der langjährige TV-Star hat ein Buch über das Fansein geschrieben und spricht 
 im Interview über die Bundesliga, Europa und Gesänge

Julian Rüter

Aus der Rolle des Ex-Sidekicks von Harald Schmidt wird Manuel Andrack wohl nie rauskommen. Aber der Autor, Moderator und passionierte Wanderer ist ihr eigentlich längst entschlüpft. Anfang des Monats hat der glühende Fußballfan ein Buch über die Eigenart des Fantums veröffentlicht. Herr Andrack, fassen wir dieses Wochenende in drei Worten zusammen: Endlich wieder Bundesliga. Oder? Manuel Andrack: Klar. Man hat natürlich ein bisschen Methadon genossen und am Ende habe ich in der Sommerpause dann sogar Confed-Cup und U21 geguckt. Jeder Fan fiebert ja dem Saisonbeginn entgegen. Ich habe ihn sehnlichst erwartet. Aber meine Kölner haben in der letzten Saison so überragend abgeschnitten, dass es da kaum Hoffnung gibt, dass es wieder so läuft. Hoffentlich geht alles gut. Aber eigentlich ist die Liga doch seit Jahren langweilig. Zumindest, wenn es um die Meisterschaft geht. Andrack: Jein. Ich bin letzte Saison schon gedanklich mit meinem Club angetreten, um Meister zu werden. Wenn man um die Deutsche Meisterschaft mitspielt, dann muss das zu Saisonbeginn doch auch das Ziel sein. Diese Saison lege ich aber meine Hand dafür ins Feuer, dass Bayern nicht Meister wird. Sondern? Andrack: Das verrate ich nicht (lacht). Wenn Tuchel zu Leverkusen gegangen wäre, hätte ich tatsächlich ziemlich stark auf Bayern gesetzt. Aber mit Heiko Herrlich (lacht), ach, ich weiß nicht. Bei den Bayern muss man sich mal vergegenwärtigen, was die in den letzten Jahren immer für eine Frühform hatten, davon ist diesmal nichts zu spüren. Dass Lahm und Alonso nicht mehr dabei sind wiegt, glaube ich, schon schwer, die Einkaufspolitik überzeugt mich nicht und ich bin der festen Meinung, dass Ancelotti kein Trainer für das Jahr 2017 ist. Wer es dann wird, können sie sich aussuchen. Ob Dortmund, Schalke, Leipzig oder Köln – das ist ein Lotteriespiel. Die Bayern stolpern jedenfalls von Beginn an hinterher. Bayern ist der einzige Verein in Deutschland, der auch 100 Millionen ausgeben könnte. Muss man diese Finanzkraft als Fan eines anderen Clubs verabscheuen? Andrack: Nö. Aus dem Alter bin ich raus. Sowieso interessiert die Fans doch eigentlich gar nicht, ob Bayern Deutscher Meister wird. Es werden doch nicht 32.000 Dauerkarten in Stuttgart verkauft, weil die interessiert, ob Bayern Meister wird. Wir dürfen eins nicht vergessen: Der Fußball hört in der Bundesliga nicht auf. Was sollen die Fans vom FC St. Pauli oder von Hansa Rostock sagen? Ich war letzte Woche noch auf Rügen. Da hängt jeder Laternenpfahl mit Hansa-Aufklebern voll. Was soll die interessieren, was Bayern in der Bundesliga macht? Darum geht es für die nicht. Was macht die Faszination Fußball denn so besonders, dass sie auch in der Regionalliga oder tiefer besteht? Andrack: Es geht gar nicht um Fußball. Das ist ja der Witz. Deswegen ist der Fan auf den Sportseiten auch eigentlich nicht richtig aufgehoben. Es geht um Gefühle, um Emotionen, um Vertrautheit, ein Gemeinschaftsgefühl. Es nutzt nichts, Fan von einem Verein zu sein, zu dem kein Mensch geht. Dann packt es einen nicht mehr. Wenn 2.000, 3.000 oder 10.000 weiter nach Offenbach, Essen oder Paderborn pilgern, geht es trotzdem nur vordergründig um den sportlichen Aspekt. Viel wichtiger ist das gemeinsame Meckern, Jubeln und Leiden. Was löst dieses Gefühl mit 50.000 anderen Menschen zu singen in uns aus? Andrack: Auch, wenn es sich pathetisch anhört: Diese Kraft der Gemeinschaft ist ein ganz wesentlicher Aspekt. Ich habe für mein aktuelles Buch auch mit Psychologen gesprochen und auch die haben bestätigt, dass es enorm wichtig ist, dieses gleiche kleine Logo auf dem Trikot oder Auto zu haben. Gesänge sind dabei natürlich auch etwas Verbindendes. Die gibt es schon seit dem Mittelalter in der katholischen und evangelischen Liturgie und sind nicht wegzudenken. Der Fußball ist eben auch für jeden Fan ein Hochamt, weil es ihn mit Glück erfüllt. Mit dem eigenen Verein macht man auch viel mit. Muss man als Fan bereit zur Selbstkasteiung sein? Andrack: Absolut. Es geht gar nicht anders. Man muss sich nur die Abschlusstabelle jeder Saison anschauen. Wenn es vier oder fünf Vereine gibt, von denen die Fans richtig glücklich sind, dann ist das schon viel. Der Unzufriedenheitsfaktor gehört definitiv zum Fansein dazu. Diesen Unzufriedenheitsfaktor gibt es ja als Fan permanent. Warum tut man sich das immer wieder an? Haben Sie da in Ihrem Buch „Lebenslänglich Fußball. Vom Wahnsinn, Fan zu sein" eine Antwort darauf gefunden? Andrack: Das ist schon mit einer Art Drogenkonsum zu vergleichen. Ich habe da ein Kapitel über Saarbrücker Fans, die glauben, sie hätten mit ihrem Club abgeschlossen. In einer kleinen Therapiestunde arbeite ich heraus: Das ist gar nicht so, Freunde. Die meisten kommen doch wieder zurück, selbst wenn sie Pause machen. Ich glaube, genau wie bei einer Droge, hält einen das Glücksgefühl wieder dabei. Wenn dann doch das Spiel in der 92. Minute gedreht wird, wenn Schalke mal wieder in Dortmund gewinnt oder der FC wie in der letzten Saison in den Europapokal einzieht, das ist ein Kick. Da spielen sich dann besondere Szenen ab. Andrack: Ich kann ganz offen sagen: Nach dem Abpfiff am 20. Mai, als dann feststand, dass wir wieder europäisch spielen, habe ich fünf Minuten geheult wie ein Schlosshund. Ich habe bei keinem Abstieg geweint. Aber da kam der 25-jährige Frust, international nicht dabei zu sein, aus mir raus. Rational ist so was nicht zu erklären, oder? Andrack: Der Ausgangspunkt für mein Buch war, dass alles, wofür Leute normalerweise zum Therapeuten gehen, Depressionen, Narzissmus, Hysterie und so weiter, das kennt alles der Fußballfan. Wenn der eigene Verein verliert, dann ist die Welt vielleicht 24 oder 48 Stunden nicht mehr so, wie sie sein sollte. Schon mal den Gedanken gehabt, Ihrem FC Köln abzuschwören? Andrack: Jetzt nicht radikal. Aber beim letzten Abstieg war es schon hart. Das ist fünf Jahre her und ich kann mich erinnern, dass ich nach der Saison eine richtige Unlust verspürt habe und am vierten oder fünften Spieltag saß ich dann doch in meinem saarländischen Dorf in der Dorfkneipe, habe mir den 1. FC Köln gegen FSV Frankfurt angeschaut und meine Fingernägel in den Holztisch gekrallt. Da wusste ich: Ach, gib es auf. Es ist wieder soweit. Damals hatte ich eine Art Fußball-Burnout, weil dieser Prozess 2. Liga wieder auf uns zukam. Kann man dem Verein überhaupt ganz den Rücken kehren? Andrack: Es gibt Leute, die nur noch ins Stadion gehen, um Freunde zu treffen und ein Bier zu trinken. Da ist nicht mehr so viel Leidenschaft dabei. Ich habe mit vielen Fans gesprochen, die früher auf dem Zaun hingen. Jetzt mit 40, 50, 60 sagen sie aber: Das war mal, ich kann mich doch nicht mehr zum Vollhorst machen. Das geht schon im Alter. Wie ist das bei Ihnen? Andrack: Es gibt die Ausnahmen von der Regel und ich weiß auch nicht, was bei mir falsch ist. Je älter ich werde, desto emotionaler bin ich. Ich stand auf einmal oberkörperfrei im Stadion. Ist es nicht paradox, dass sich der Fan mit diesen zum Teil Multimillionären, die sich fernab der normalen Lebensrealität bewegen, identifizieren kann? Andrack: Das ist doch nur das Stück Stoff, was die da anhaben und dieses noch kleinere Stück Stoff, auf dem das Wappen ist. Darauf kommt es an. Der Rest ist dem Fan doch schnuppe. Sobald die mein Trikot anhaben, sind das meine Jungs. Dann sind die Teil dieses Mythos. Kann diese Faszination für den Fußball unter den vielen Wechseln und den aberwitzigen Beträgen in Zukunft leiden? Andrack: Das glaube ich nicht. Es sagt doch niemand der Bayern-Fans: Ribery, Robben oder Neuer, die verdienen zu viel. Warum hat der Neuer eine Villa am Tegernsee? Nein, das ist denen egal. Die wollen, dass Kracher verpflichtet werden und wissen, dass man dafür viel Geld braucht. Ich glaube das ist alles okay. Aber packt man sich bei 222 Millionen für Neymar und vielleicht 100 Millionen für Dembélé nicht an den Kopf? Andrack: Irgendwie schon. Aber das ist mittlerweile Monopoly. Dieses Spielgeld fließt hin und her und jeder kann froh sein, wenn er gute Transfers macht. Sollen sie halt demnächst eine Milliarde als Ablöse in die Verträge schreiben. Irgendwann wird das implodieren und es ist die Frage, ob man sich irgendwelchen Investoren ausliefern will oder nicht. 50+1 ist eine gute Regel und wir, die das in Deutschland halbwegs gut aufrecht erhalten, sind doch gut aufgestellt und können in Europa mithalten. Wenn Dortmund 100 Millionen für Dembélé bekommt, brauchen die keinen katarischen Großinvestor. Muss man diese Entwicklung gut finden? Andrack: Nein, aber es gibt ja Alternativen. In meinem Buch bin ich mit einem Groundhopper unterwegs, der den Sport liebt. Ich kann ja auch die zweite Mannschaft schauen und bin trotzdem Fan des Clubs. Der Mann sucht beim Fußball Freizeitentspannung und nicht den ständigen Herzinfarkt. Und es macht auch in der fünften oder sechsten Liga Spaß, sich die Fußballexperten am Bratwurststand anzuhören. Kann man diese Fans und Experten in Kategorien unterteilen? Andrack: Der Mecker-Opa ist was ganz schönes, den gibt es natürlich überall. Bis in die Kreisliga. Ich habe das hier im Saarland auch. Mein Ortsverein, die Sportfreunde Köllerbach, spielen in der sechsten Liga. Da gibt es einen Mann, der tut alles für seinen Verein, der ist seit Jahren im Vorstand und ab dem Anpfiff schimpft der 90 Minuten auf die Spieler und den Trainer. Da haben mir die Psychologen erklärt: Ganz egal, wie gut es läuft, da ist so eine Hardcore-Identifikation mit dem Verein, dass die Leute immer denken, sie könnten es besser. Sind Sie auch jemand, der bei jedem FC-Spiel im Stadion sitzt? Andrack: Nicht bei jedem. Ich versuche immer, ein paar Auswärtsspiele mitzunehmen und so sieben bis zehn Heimspiele schaffe ich auch. Ich kann da mit meinem Beruf nicht immer alle Spiele vereinbaren. Aber, was definitiv geblockt ist, das sind die sechs FC-Spiele in der Gruppenphase der Europa League...

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