Max Giesinger live auf der Antenne Thüringen Bühne am Thüringen Tag 2017 - © picture alliance / Geisler-Fotopress
Max Giesinger live auf der Antenne Thüringen Bühne am Thüringen Tag 2017 | © picture alliance / Geisler-Fotopress

Kopf der Woche Max Giesinger über das "Laufen lernen" in der Musik

Max Giesingers Song „80 Millionen“ läuft im Radio rauf und runter. Im Interview 
 spricht er über seinen Weg vom Straßenmusiker zum Popstar 
 und erklärt, wie ihn seine Fans dabei finanziell unterstützt haben

Janina Raddatz

Herr Giesinger, Ihre Alben heißen „Laufen lernen" und „Der Junge, der rennt". Warum? Max Giesinger: Ich habe im Musikgeschäft erst laufen gelernt und jetzt renne ich. Das kann man so interpretieren. Das war aber eher eine selbsterfüllende Prophezeiung. Auf dem ersten Album gab es keinen Song, der „Laufen lernen" heißt. Damals musste ich noch sehr viel lernen, ich habe die Platte ohne größere Plattenfirma gemacht. Alles nur mit meinem kleinen Team, auch die CDs habe ich noch selber rausgeschickt und das alles über Wohnzimmerkonzerte finanziert, das hat im Rahmen der ersten Platte super funktioniert. Dann ist ein Song entstanden, der „Der Junge, der rennt" hieß – und ich dachte mir, dass das richtig gut passt. Weil? Giesinger: Weil ich auch musikalisch für mich noch mal ein anderes Level erreicht hatte und mehr das Gefühl hatte, dass ich nun weiß, wohin es mit mir gehen soll. Denn ich wollte musikalisch immer in Bewegung bleiben. Ich bin ja auch in Bewegung – die letzte Platte kam vor anderthalb Jahren, und ich bin seitdem fast nur auf Tour. In den vergangenen 14 Monaten war ich vielleicht zwei Monate in Hamburg, also zu Hause. Fehlt Ihnen das? Zu Hause zu sein? Giesinger: Ja, so langsam. Am Anfang findet man das unfassbar toll, weil man es sich immer erträumt hat, lange unterwegs zu sein. Jetzt ist es so, dass es etwas extrem Besonderes ist, mal zu Hause zu sein. Wenn man mit der Familie mal ein paar Stündchen verbringen kann, weiß man das sehr zu schätzen. Seit 2006 haben Sie auf Youtube Videos hochgeladen, in denen Sie Gitarre spielen und singen. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht? Giesinger: Die ersten Kommentare außerhalb von Freundeskreis und Familie waren interessant. Nach dem Motto: Sagt einem die Mutti nur, dass man gut ist, damit man nicht verletzt ist? Die Videos hatten nur wenige Aufrufe. Wenn mal eines davon 15.000 Aufrufe bekam, war das eine Riesensache. Inzwischen habe ich seit bestimmt fünf Jahren keine Cover mehr hochgeladen. Gab es denn auch negative Kritik? Giesinger: Klar. Das gehört dazu. Am Anfang tut das auch ein bisschen weh. Weil man ja immer nur die gute Kritik der Familie gewohnt war. So ist es wahrscheinlich auch bei Leuten, die zu Deutschland sucht den Superstar (im Folgenden: DSDS, Anm. d. Red.) gehen und sich da verheizen lassen, weil sie bisher nur auf ihre Freunde gehört haben. Am Anfang nimmt man sich negative Kritik sehr zu Herzen. Und dann. . .? Giesinger: Man merkt nach und nach, dass das oft nur einsame Seelen sind, die nichts Besseres zu tun haben, als im Internet rumzupöbeln. Ich kriege immer noch manchmal miese Kommentare, aber das ist dann einer von hundert. Früher habe ich mich über diesen einen Kommentar aufgeregt – aber heute freue ich mich mehr über die 99 anderen Leute, die mein Konzert toll fanden und es dann schreiben. Das kann ich ausdrücklich allen Leuten raten: Die vereinzelt negativen Kritiken, bei denen man merkt, was eigentlich dahintersteckt, einfach auszublenden. Es ist auch gut, wenn ein paar Leute einen doof finden: Negative Kritik gehört dazu, wenn man sich in die Öffentlichkeit stellt und hier und da gibt’s auch konstruktive Kritik, die ja auch durchaus wichtig ist. Nach dem Abitur waren Sie als Straßenmusiker unterwegs. Wieso? Giesinger: Schule war für mich lange Zeit nur eine Pflichtveranstaltung. Diese Gedanken, ob überhaupt mal was aus mir wird, haben mich lange begleitet. Nach der Schule wurde die Musik immer präsenter in meinem Leben. Und weil es mir wichtig war, Deutschland mal zu verlassen, habe ich auf einen Bekannten gehört, der meinte, dass ich unbedingt mal nach Australien müsste. Ich war begeistert davon – und habe die Reise mit meinem besten Kumpel geplant. Wo genau ging’s denn hin? Giesinger: Wir sind nach Sydney geflogen, ich bin von dort alleine rumgereist, denn mein Kumpel hat einen Job gefunden. Und ich habe als Straßenmusiker mein Unwesen getrieben (lacht). So zwei bis drei Monate rein vom Musizieren zu leben – das war eine Erfahrung. Gerade auch für die Zeit auf den größeren Bühnen. Hatten Sie keine Angst? Giesinger: Ein bisschen Respekt hatte ich schon, weil mein Englisch noch nicht so ausgereift war. Aber nach ein paar Wochen konnte ich gut kommunizieren. Australien ist ein gutes Beginnerland für alle, die Lust auf Reisen haben. Haben Sie also richtig das Backpacker-Klischee bedient? Giesinger: Klischeemäßig wäre eher, dort Früchte zu pflücken, oder? Das habe ich nicht gemacht, dafür war ich zu faul. Ich bin einmal bei einer Backpacking-Tour mitgefahren, bei der 
Crocodile Trophy, das war eine wilde Mountainbike-Rally, da habe ich als Helfer gearbeitet und Zelte aufgebaut und abends Gitarre gespielt. Aber primär habe ich in Australien einfach Straßenmusik gemacht und hatte keinen anderen Job. Gab es während der Zeit als Straßenmusiker auch schon positives Feedback? Giesinger: Ja, das war super. Es mangelte mir nie an Selbstbewusstsein, was meine musikalischen Fähigkeiten betrifft. Sonst hätte ich mich da nie hingestellt und hätte nie angefangen zu singen, weil da alle 20 Meter super Musiker am Start waren, die oft auch besser waren als ich. Aber am Ende standen 50, 60 oder 70 Leute bei mir und hatten Spaß. Über welche Themen würden Sie nicht singen? Giesinger: Ausschließen würde ich gar nichts. Aber über Dinge, mit denen ich mich nicht auskenne, würde ich nicht singen. Das würde ich mir nicht anmaßen. Man will auf der Bühne stehen und Themen besingen, die einen persönlich betreffen. Wenn ich sagen würde, dass ich von nun an nur noch die Bildungselite ansprechen möchte mit meinen Songs, dann würde ich mir das selbst nicht abkaufen. Worüber kann man besser Lieder schreiben: Glück oder Unglück? Giesinger: Es fällt mir leichter, negative Lieder zu schreiben. Wenn man mit der Gitarre irgendwo sitzt, dann hat man eher den traurigen Liebessong am Start als etwas Positives. Eine gelungene, fröhliche Nummer zu schreiben, fällt mir schwerer. Das ist eine Herausforderung. Gerade bei meiner letzte Platte war es mir wichtig, dass ich weiter versuche, auch positive Songs zu schreiben. Denn auf dem Album davor war schon viel Langsames, Trauriges. Dabei bin ich ein positiver Mensch und freue mich total, wenn die Menschen während meiner Konzerte Spaß haben und feiern. Was halten Sie von Casting-Shows? Nicht nur von „The Voice of Germany", sondern vom Konzept, dass sich Menschen im Fernsehen präsentieren und bewertet werden. Giesinger: Das hat auf jeden Fall eine Daseinsberechtigung. Nicht umsonst gibt es DSDS seit über zehn Jahren. Unglaublich viele Menschen haben Lust, sich vor der ganzen Nation zu blamieren oder auf eine Chance zu hoffen. Wenn man es ernst meint mit der Musik, dann würde ich erst mal probieren, wie weit man kommt, ohne bei einer Castingshow mitzumachen. Wenn man einfach nur Spaß am Singen hat und Lust auf ein Abenteuer, dann gibt’s da gar nichts gegen einzuwenden. Wenn man das herausgefunden hat, kann eine Castingshow ein schöner Katalysator sein, um noch weiter zu kommen. Wie geht es nach der Show weiter? Giesinger: Wer eine Castingshow gewinnt, der muss natürlich direkt Alben rausbringen. Ob die dann nach den Wünschen des Künstlers geschrieben sind oder ob man sich verbiegen muss, wird sich zeigen. Das ist die Kehrseite. Mussten Sie sich verbiegen? Nach dem Ende von „The Voice of Germany"? Giesinger: Nein. Ich hab damals auch nicht gewonnen, deswegen war das Albumthema direkt vom Tisch. Außerdem ist das schon so lange her, das sind alte Kamellen bei mir (lacht). Ich habe das alles auf mich zukommen lassen, ohne weiter darüber nachzudenken. Ist es aus heutiger Perspektive eine Genugtuung, dass Sie 2012 als Vierter bei „The Voice of Germany" so erfolgreich sind, viel erfolgreicher, als die ersten drei? Giesinger: Ja, im Nachhinein ist es natürlich schön, dass noch etwas passiert ist. Man denkt sich nach der Castingshow, erst mal, dass das der Höhepunkt der Karriere gewesen ist. Ich wollte den Leuten das Gegenteil beweisen: Dass man selbst als ehemaliger Castingshow-Teilnehmer doch noch etwas erreichen kann. Es war auch nicht nur wegen der Show: Ich kann nichts anderes, außer Musik zu machen und Lieder zu schreiben. Da wollte ich sehen, wie weit ich es schaffen kann. Es hat sich bewährt: Wir spielen im Jahr 140 Konzerte, die eine Platte hat Goldstatus und die beiden anderen Singles auch, und das ist kein Vergleich mehr zu dem damaligen Erfolg der Castingshow. Es ist sehr surreal. Haben Sie damals damit gerechnet? Giesinger: Nein. Eine Zeitlang habe ich überlegt, etwas anderes zu machen. Ich habe ein halbes Jahr auf Englisch gesungen – das war intern, ich habe im Studio ausprobiert, wie es klingt. Auch ein paar Konzerte habe ich gemeinsam mit einer Band gespielt, beispielsweise bei Rock am Ring. Aber ich merkte, dass ich besser bei der deutschen Sprache bleibe. Dann habe ich neue Leute in Mannheim kennengelernt und gemerkt, dass das einfach zu mir passt. Aber die Plattenfirmen haben monatelang nur Absagen erteilt, was frustrierend war. Doch dann, kurz bevor wir auch die zweite Platte mit Crowdfunding produzieren wollten, wie wir es bei der ersten Platte auch schon gemacht hatten, haben wir eine Plattenfirma gefunden. Wie kommt man auf Crowdfunding? Giesinger: Es gab keinen anderen Weg. Ich habe nach Optionen gesucht, wie ich das Album finanzieren könnte, weil die Plattenfirmen keine Lust darauf hatten. Dann bin ich über Crowdfunding gestolpert und habe gedacht, dass es vielleicht Fans gibt, die Lust darauf haben, mir unter die Arme zu greifen. Das ist für alle eine schöne Aktion und es hat uns sehr verbunden. Ich habe Wohnzimmerkonzerte gespielt und viele Menschen kennengelernt, Skype-Konzerte gegeben, Geburtstagsanrufe getätigt. Und dabei haben Sie sich nicht komisch gefühlt? Giesinger: Kein bisschen. Das ist ja kein Betteln...

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