Hans Sigl. - © dpa
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Kopf der Woche Hans Sigl: "Ich bin nicht so der Typ für Heile-Welt-Filme"

Der Bergdoktor“ ist beliebt. Das steht außer Frage. Gerade ist bereits die zehnte Staffel im ZDF angelaufen. Hauptdarsteller Hans Sigl erzählt im Interview, warum er sich über unerwartete Rückmeldungen zur Serie ganz besonders freut, welche Meinung er zum Fernsehprogramm hat und auch, wie er zum Thema Vertrauen steht.

Janina Raddatz

Herr Sigl, Sie sind Österreicher. Können Sie eigentlich die Berge – auch nach den ganzen Dreharbeiten – noch sehen? Hans Sigl: Das ist ja mein natürliches Habitat. Ich habe 1998, als ich nach Bremen gegangen bin, erleben müssen, dass es für mich noch ein anderes Habitat gibt, und zwar das Flachland im Norden Deutschlands, und das mochte ich auch sehr gern. Und dann kam ich zurück in die Berge. Den Wilden Kaiser (Berg in Tirol, Anm. d. Red.) sehe ich jetzt seit zehn Jahren, und ich habe den noch nie gleich gesehen. Wie kommt das? Sigl: Weil das einfach ein unglaublich imposantes Teil ist, was da steht. Dennoch ist es am Ende der Dreharbeiten so – das hat aber auch mit dem Arbeitspensum zu tun –, dass ich mich darauf freue, an einem See zu sitzen oder ins flache Land zu schauen, weil ich dann weiß, dass die Arbeit erledigt ist. Aber dann bin ich eine oder zwei Wochen weg, und dann könnt ich schon wieder. Ich kann die Berge immer sehen! Die Liebe dazu ist eine ewige. Schöne Schlagzeile. In einem Interview sagten Sie, dass Ihre Serie „Bergdoktor" möglicherweise dem Wunsch vieler Menschen nach einer relativ heilen Welt nachempfunden ist. Mögen Sie privat „Heile-Welt-Filme"? Was haben Sie zuletzt im Kino gesehen? Sigl: Sie fragen mich Sachen. Ich glaube, als Letztes war ich in einem Marvel-Comic. Ich bin eigentlich nicht so der „Heile-Welt-Film-Typ", ich habe auch nicht gesagt, dass sich die Leute „heile Welt" wünschen. Ich habe gesagt, dass die Leute ganz froh sind, wenn mal nicht in der Garage Drogendealer erschossen werden und dauernd Krimis laufen. Sondern, dass es um andere emotionale Geschichten geht. Und da bin ich durchaus ein Fan von. Aber Sie schauen auch mal gern so eine Comicverfilmung? Sigl: Ja klar! Da geht man dann mal mit acht Tonnen Popcorn rein und freut sich, dass so ein Film gemacht wird. „Verstehen Sie die Béliers" ist so ein Film, den ich auch gern empfehle. Jetzt kommen auch wieder ein paar schöne Filme, die ich mir anschauen muss, da bin ich sehr breit aufgestellt. Ein Gewaltverbrechen als Grundsubstanz für einen 90-minütigen Film hat man schon oft gesehen. Das wird aber nicht hinterfragt und führt zu einer seltsamen Stimmung. Ich mag eher französische Filme, wo es um andere emotionale Geschichten geht. Das tun wir mit dem Bergdoktor und da begehen wir auch eine nicht „heile Welt", auch wenn der Berg im Bild dazu tendiert, dass man denkt, es könnte so sein. Der Berg im Bild – schön gesagt. Was war in der Serie „Bergdoktor" bisher Ihre größte Herausforderung? Beim Dreh, in einer Situation, vielleicht auch bei manchen Stunts? Sigl: Die größte Herausforderung ist, während eines ganzen Jahres diesen Drehmarathon durchzustehen. Man muss von Juli bis Dezember die Kondition haben, jeden Tag hundert Prozent zu geben. Die haben schon mal ganz lustige Sachen mit mir gemacht. Die haben mich auf 3.000 Metern in ein leicht geheiztes Becken geschmissen – weil ich eingebrochen bin am See – wo man dann so da steht und weiß, jetzt geht gleich der Boden auf und dann macht’s Krawumm und man steht bis zum Hals im Wasser. Was aber wärmer war als draußen. Das war angenehm. Sowas hatten wir früher ganz viel. Im Jahr 2017 fangen wir wieder am Kaunertaler Gletscher an und da sind ein paar schöne Überraschungen dabei. Wird dann von Juni bis Dezember wirklich jeden Tag gedreht? Sigl: Jeden Tag von Montag bis Freitag, manchmal auch Montag bis Samstag. Wenn wir in die Klinik müssen, das geht natürlich nur am Wochenende, ansonsten Montag bis Freitag 13 Stunden täglich, das Team und ich – das ist ein Fulltime-Job. Es gab eine Episode von „Verstehen Sie Spaß", in der Sie auf eine vermeintliche Geburtstagsparty eingeladen wurden. Da hat Sie eine Dame mit dem Satz „Ich würde mich auch gern mal von Ihnen behandeln lassen” angesprochen. Sagen Ihre Fans so etwas? Sigl: Nein, überhaupt nicht. Bei der Episode der versteckten Kamera habe ich wirklich erst gedacht „oh Gott, jetzt nicht sowas". Dass da so ein durchgeknallter Fan kommt. Das ist mir eigentlich auch noch nicht passiert, das sind alles die Relikte von Doktor Brinkmann, von früher. Die Leute sprechen Sie nicht mit Doktor Gruber an, wenn Sie sie auf der Straße treffen? Sigl: Das ist auch ein bisschen Erfolg meiner Arbeit, weil ich das immer wieder sage. Die Leute lesen das und dann transportiert sich das auch. Weil es keinen Grund dafür gibt! Klar, sagt man „oh, der Bergdoktor ist da", aber das war’s dann schon und man sagt „Hallo" und dann ist’s auch schon wieder vorbei. Sie werden doch sicher auch beim Dreh am Berg oder in der Klinik von Ihren Fans besucht. . . Sigl: Das kommt durchaus auch mal vor, ja. Gibt es da kuriose Dinge, die Ihnen Fans auch mal direkt so sagen? Sigl: Ich erinnere mich an viele Dinge, kann Ihnen die aber nicht sagen, weil das teilweise sehr persönliche Momente sind. Die möchte ich für mich behalten. Die Leute schenken mir großes Vertrauen, wenn sie mir private Sachen erzählen, und ich behandle das dann auch mit großem Vertrauen, wenn man mir Persönliches berichtet. Würden Sie sich eher als Film- oder als Theaterschauspieler bezeichnen? Da das Theaterspielen ja schon noch etwas anderes ist. Sigl: Grundsätzlich bin ich Schauspieler. Ich habe die ersten 12 Jahre auf der Bühne verbracht, habe mich dort bis zur Selbstaufgabe den Stücken gewidmet und habe das sehr genossen. Ich hab auch im Musical gespielt, ich hab in großen Häusern gespielt, getanzt – alles für mich abgedeckt, was ich wollte. Und dann kam das Angebot des Fernsehens, und da hat mich interessiert, wie ich den anderen Beruf erlerne, den des Fernseh-Schauspielers. Das war auch ein Prozess für mich, wie man die Kamera-Arbeit wahrnimmt und lernt, und plötzlich findet man sich inmitten einer gut gemachten Familienserie. Und das ist genau so ein verantwortungsvoller Auftrag für einen Schauspieler, dass es gut gemacht ist – so wie es damals im Theater das Schwerste war, eine Komödie oder eine Operette zu spielen. Kann man im Theater kritischer sein? Oder hat man beim Filmdreh möglicherweise mehr Sicherheit, weil man Szenen wiederholen kann? Sigl: Ich habe jetzt beim Bergdoktor weniger Bildungsauftrag oder Kulturauftrag, als wenn ich in der Studiobühne in München einen Beckett spiele und das Thema der Einsamkeit thematisiere. Gleichwohl sehe ich, dass wir Themen behandeln, die den Menschen zu denken geben. Haben Sie ein konkretes Beispiel? Sigl: Das war vor einiger Zeit auf einem Fantreffen. Ich werde auch nicht müde, das zu zitieren, weil das einfach so lustig war. Da fragte ich „Wo kommt ihr denn her?" und die Antwort war: „Wir sind eine Abi-Klasse aus Heilbronn", und ich sagte „Wollt ihr mich veräppeln?" und die sagten „Nein, wir gucken das! Die Themen, die Sie behandeln, sind so wichtig." Wir machen also doch kein Lari-Fari-TV. Sondern ein für viele Leute sehr wichtiges Fernsehen, fernab dieser Krimi-Geschichten. Und dann plötzlich kommen wir wieder dahin zurück, wo ich sage, dass das eine Relevanz hat, was wir erzählen: Es ist kein Schnulzenfilm, sondern es geht darum, wie man sich entscheidet, wenn man diese oder jene Situation hat. Organspende als Beispiel. Wenn es ums Überleben geht. Da hab ich schon Glück, dass sich in diesem Format vieles bündelt. Wollen Sie denn überhaupt noch Theater spielen, wenn Ihnen die Filmschauspielerei auch so gefällt? Sigl: Jetzt, nach 15 Jahren, in denen ich nicht Theater gespielt habe, habe ich immer mehr Lust, einfach zu sagen „Ich möchte mal wieder!", aber es ist im Moment zeitlich schwierig. Ich kann nicht acht Wochen lang proben und dann en suite spielen, das heb ich mir noch auf, aber irgendwann wird es wieder passieren. (lacht) Haben Sie denn für das Jahr 2017 – wenn es aus Zeitproblemen nun nicht das Theaterspielen ist – andere Projekte in Planung? Sigl: Ja! Ja! Ja! (lacht) Es gibt eine schöne Aufgabe für mich: Ich werde die meistverkauften oder meistgelesenen Reclam-Geschichten einlesen. Ich fange gerade an mit „Jugend ohne Gott" von Ödön von Horváth. Es wird ein sehr großes Hörbuch-Projekt werden, das wird für die jungen Leute eingelesen. Da freue ich mich schon ganz besonders drauf! Ich liebe die Arbeit im Studio und natürlich die Texte. Als ich mit „Jugend ohne Gott" anfing, da wurde mir nach den ersten 20 Seiten wieder klar, was man verpasst, wenn man es nicht liest. Theater und Film – bleibt nun noch Kabarett. Kommt vielleicht von „Hintze und Sigl", ihrem Kabarett-Duo, wieder etwas Neues? Sigl: Wir sind am 10. Januar beim Herrn Lanz eingeladen und sprechen da über unsere Pläne. Wir sind dabei, uns umzustrukturieren. Unsere Bühne anders zu bauen und Dinge zu verändern. Aber wir sind durchaus für neue Schandtaten zu haben, wenn wir geklärt haben, wie und wann das stattfindet.

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