„Das wird ein ernster Abend, Freunde“: Jürgen Domian spricht über das Recht auf Freitod und über Zen-Buddhismus. Foto: Christian Weische - © Christian Weische
„Das wird ein ernster Abend, Freunde“: Jürgen Domian spricht über das Recht auf Freitod und über Zen-Buddhismus. Foto: Christian Weische | © Christian Weische

Kultur Domians längste Nacht des Jahres

Der ehemalige „Nighttalker“ Jürgen Domian las aus seinem dritten Roman „Dämonen – Hansens Geschichte“ im ausverkauften kleinen Saal der Stadthalle

Heimo Stefula

Bielefeld. Hansen, auf den Tag genauso alt wie Jürgen Domian, beschließt, sich in der Einsamkeit der lappländischen Wildnis das Leben zu nehmen. Am 21. Dezember, der längsten Nacht des Jahres. Hansen will sich nackt auf den Schnee legen, Whisky trinken und erfrieren, einschlafen – für immer. Einfach so. Hansen, der Protagonist von Jürgen Domains drittem Roman „Dämonen" (Gütersloher Verlagshaus) hat einen Sohn, den er liebt und der ihn liebt. Hansen glaubt nicht mehr an das späte Glück Hansen ist nicht krank, er fühlt nichts mehr, glaubt nicht an das späte Glück, er will einfach nicht mehr – seine eigene Entscheidung. Hansen ist das Alter Ego von Jürgen Domian, geboren am 21. Dezember, der längsten Nacht des Jahres, aber Domian, der Nachtfalke, der Ex-„Nighttalker" des WDR, der in 21 Jahren 23.000 Telefoninterviews mit Leuten führte, die teils sehr beachtliche Gewohnheiten an den Tag legten und darüber in seiner Sendung sprachen. Es sind „exotische" Gewohnheiten, Fälle für den Psycho-Onkel, den Ernährungsberater, den Drogenbeauftragten oder für die Staatsanwaltschaft. Auch Domian war als Kind ein Fall für den Ernährungsberater, er litt an Bulimie, sein mächtiger Dämon, der ihn dazu verleitete dem christlichen Glauben abzuschwören, um fortan Atheist, ja Agnostiker zu werden. Womit der zweite Teil des Abends in der Stadthalle beginnen sollte, über Hansen hat das Publikum genug erfahren. Der Protagonist heißt nun Domian, Jürgen Domian, und die meisten der knapp 500 Gäste im ausverkauften kleinen Saal der Stadthalle wollten mehr erfahren über diese Instanz des emphatischen Zuhörens und des authentischen Mitfühlens. „Wie viel Domian steckt in Hansen?", war die wichtige Frage des Abends, sollte der Nachtfalke tatsächlich mit dem Gedanken spielen, sich in der längsten Nacht des Jahres, seinem Geburtstag, das Leben zu nehmen? Sollte er, wie David Bowie in seinem Video zu „Black Star", seinen Tod vorab inszenieren? Nein! Domian hat keine suizidalen Gedanken, hatte er nie, wie er sagt, aber er hinterfragt einige Dinge nun anders, insbesondere in Sachen Palliativ-Medizin und Sterbehilfe, für deren Legitimierung er sich stark engagiert. Zen-Buddhismus ist eine dämonen- und angstfreie Zone „Es entspricht nicht unserer Logik freiwillig aus dem Leben zu gehen", sagt er, eine Logik tradiert von den großen Weltreligionen. Vielleicht ein Grund dafür, dass sich Domian mit Zen-Buddhismus beschäftigt, einer Religion, die zunächst alle Antworten offen lässt – auch Antworten nach dem Leben, dem Glück, der Liebe, ja, und auch dem Tod. Zen ist eine dämonenfreie, gar angstfreie Zone. Das mag eine Erklärung für die Nähe Domians zur Zen-buddhistischen Lehre sein, die er zwar nicht missionarisch weiterzutragen sucht, sich wohl aber über das Interesse der 500 Leute freut. Keine Antworten – keine Fragen – kein Dialog, also Stille, Einsamkeit. Damit schließt sich ein Kreis, wir sind zurück bei Hansen, der die Stille und Einsamkeit der lappländischen Wildnis in der längsten Nacht des Jahres auszunutzen gedenkt, um ableben zu können. Ob er es tatsächlich zu Ende bringen wird, lässt Domian offen und erklärt mit den Worten des Philosophen Ludwig Josef Johann Wittgenstein: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber sollte man schweigen." Jürgen Domian mühte sich redlich, in einen Dialog mit dem Publikum zu treten, als er nach Dämonen der Zuschauer fragte. Das erwies sich als schwierig, Stille im Saal: „Hey Leute, was ist los mit Euch?", fragt er fast verzweifelt. „Das ist mir auf der ganzen Lese-Tour noch nicht passiert". „Hey Domian, wir sind hier in Ostwestfalen!", gab eine Zuhörerin die treffliche Antwort. Der ostwestfälische Dämon heißt „Schweigen", das weiß nun auch der Nachtfalke.

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