Die Arzttasche auf der Karlsbrücke: Mehr als 1.000 Seiten Aufzeichnungen waren darin – ein Schatz, sagt Sandra Brökel. - © Simone Flörke
Die Arzttasche auf der Karlsbrücke: Mehr als 1.000 Seiten Aufzeichnungen waren darin – ein Schatz, sagt Sandra Brökel. | © Simone Flörke

Steinheim Steinheimerin schreibt ein Vermächtnis für die Menschlichkeit

Literatur: Die Steinheimerin Sandra Brökel hat die Familiengeschichte ihrer Freundin Paula Kruse erkundet und ging auf Spurensuche nach Tschechien. Herausgekommen ist ein berührendes und hochaktuelles Buch

Simone Flörke

Steinheim. „In Paulas Keller schlummert eine alte Arzttasche. Sie ist aus braunem Leder gefertigt, die Mechanik der goldenen Verschlüsse noch geschmeidig wie am ersten Tag. In ihrem Inneren, dort wo einst Arztinstrumente, Rezeptblock und Medikamente ihren Platz hatten, liegt ein Schatz. Er wartet seit zwölf Jahren darauf, entdeckt zu werden." So schildert Sandra Brökel den Moment, in dem sie zur Schatzheberin wurde. Sie verwandelte den Fund in einen ergreifenden, auf Tatsachen beruhenden Familienroman. „Es ist ein Vermächtnis", sagt die 45-jährige Steinheimerin über ihr Debüt „Das hungrige Krokodil", das ab Februar im Buchhandel erhältlich ist. Spurensuche einer Fluchtgeschichte Das Vermächtnis des Tschechen Pavel Vodák, der nach dem Prager Frühling von 1968 mit seiner Familie auf abenteuerliche Weise über Jugoslawien flüchtete und in Warburg ankam. „Ein Mann, der die Menschen liebte", sagt Brökel. Die wahre Geschichte von Verzeihen und Mahnen, von Flucht und Freiheit, vom Zweiten Weltkrieg über den Prager Frühling bis zum Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Und es ist das Vermächtnis seiner Tochter Pavla, Sandra Brökels Freundin „Paulchen": Paula Kruse, die mit zwölf als „Sabine Weber" diese Flucht als abenteuerliche „Urlaubsreise" erlebte. Gemeinsam gingen sie auf Spurensuche zu Paulas Wurzeln. Über zehn Wochen hinweg schrieb Sandra Brökel in Prag die Geschichte auf, die sie in der alten Arzttasche fand. Und wollte nun gemeinsam mit ihrer Freundin dieses fertige Buch der Öffentlichkeit präsentieren. Doch Paula starb vor wenigen Wochen. Nun geht Sandra Brökel diesen Weg allein weiter – zerrissen zwischen Vorfreude und Trauer. Die Intensität der Arbeit, das Eintauchen in die Geschichte – all das habe sie verändert, sagt die Schreibtherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie, Schwerpunkt Trauer, Depression und akute Krisen. „Ich bin innerlich erwachsener geworden, habe dabei so viel über mich gelernt. Und über das Verzeihen", erinnert sich die Mutter von zwei Kindern im Teenager-Alter. Und: „Auch ich bin ein Querdenker." Dieses Jahr sei bereichernd gewesen. Aber es ging auch an ihre Grenzen und an ihre Kräfte: „Allein die Entstehungsgeschichte würde ein eigenes Buch füllen." Aufzeichnungen sollten verbrannt werden Es waren so viele Zufälle: Dass sie Fachliteratur über Adoptivkinder suchte und dabei auf den Namen und Veröffentlichungen des Psychiaters Pavel Vodák (1920-2002) stieß. Dass ihre Freundin Paula, die sie vor einigen Jahren in Steinheim kennenlernte, sich als die Tochter eben jenes Psychiaters herausstellte, den Sandra Brökel schon so lange suchte. Dass sie Pavel Vodáks Aufzeichnungen überhaupt erhielt, denn eigentlich sollte seine Tochter diese verbrennen. Paula entschied sich, die Arzttasche mit dem Papierstapel der literarisch ambitionierten Freundin Sandra anzuvertrauen. Zwei Jahre lernte Sandra Brökel Tschechisch. Dann schrieb sie „Das hungrige Krokodil" im Café Slavia in Prag, ohne es vorher zu wissen auf dem Platz von Vaclav Havel. „Nur dort in dem Literaturcafé ging es", sagt sie. Ein Einblick in die Seele eines Flüchtlings und seiner Familie „Es ist ein Roman über die zentralen Themen Identität, Mut zum Widerstand, Menschlichkeit und nicht zuletzt eine berührende Geschichte über Vertrauen und Verzeihen können", sagt Sandra Brökel. Sie spricht auch von Annäherung und Aussöhnung, von einem Stück europäischer Geschichte und einem Familienroman mit hochaktuellen Themen von Freiheit zur Meinungsäußerung, von Grenzen und Panzern, die auch heute wieder die Nachrichten beherrschten. Und nicht zuletzt gewähre „Das hungrige Krokodil" einen Einblick in die Seele eines Flüchtlings und seiner Familie. Ebenfalls hochaktuell. Aber mit dem fertigen Buch ist noch nicht Schluss: Sandra Brökel hat Kontakt nach Tschechien und setzt sich dafür ein, dass auch dort Stolpersteine im Gedenken an deportierte jüdische Mitbürger in die Erde eingelassen werden. Die Kosten werden durch die Honorare für dieses Buchprojekt finanziert. Sandra Brökel: „Das Leben schreibt die schönsten Geschichten. Sagt man so. Und manchmal stimmt das."

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