„Wahrhaftig erzählen": Petina Gappah bei den Literaturtagen in Bielefeld. - © Sarah Jonek
„Wahrhaftig erzählen": Petina Gappah bei den Literaturtagen in Bielefeld. | © Sarah Jonek

Kultur Schriftstellerin Petina Gappah: „Ich möchte ein vollständiges Bild zeigen“

Interview: Schriftstellerin Petina Gappah über ihre großen Hoffnungen für ihr Heimatland Simbabwe und deutschen Einfluss auf ihren neuen Erzählband

Thomas Klingebiel

Petina Gappah, geboren in Simbabwe, ist promovierte Juristin und international erfolgreiche Schriftstellerin. Bei den Literaturtagen Bielefeld stellte die 46-Jährige ihren neuen Erzählband „Die Schuldigen von Rotten Row" vor. Frau Gappah, Sie leben zurzeit in Berlin und Ihr neuer Erzählband ist von Ferdinand von Schirach, dem deutschen Autor, beeinflusst. Deutschland scheint gerade eine große Rolle für Sie zu spielen. Petina Gappah: Ja, ich habe in Berlin gerade auch meinen zweiten Roman beendet, und das, bevor mein Jahr als Stipendiatin des DAAD-Künstlerprogramms abgelaufen ist. Ich war also sehr produktiv, und das macht mich glücklich (lacht). Wie wurden Sie auf Ferdinand von Schirach aufmerksam? Gappah: Wir haben denselben Verlag in Norwegen. Unsere gemeinsame Lektorin sagte mir, du bist doch auch Juristin und du verstehst Deutsch, du musst das hier lesen. Da war sein Erzählband „Verbrechen" noch gar nicht erschienen. Ich war sehr beeindruckt und dachte, vielleicht kann ich mal etwas Ähnliches machen, nur über Simbabwe. In Ihrem neuen Erzählband „Die Schuldigen von Rotten Row" zeichnen Sie anhand von lose zusammenhängenden Kriminalgeschichten ein lebendiges Panorama von Simbabwe. Fühlen Sie eine Verpflichtung, der Welt zu zeigen, wie das Leben dort aussieht?Gappah: Schwer zu sagen. Zumindest meine ersten drei Bücher befassen sich mit dem Simbabwe nach 1980, nach Erlangung der Unabhängigkeit. Da habe ich es als meine Verpflichtung angesehen, so ehrlich und wahrhaftig wie möglich zu erzählen, was meiner Ansicht nach ein vollständiges Bild des heutigen Simbabwe ergibt. Also nicht nur eine Geschichte über Elend und Leid, sondern auch über Freude und Glück. Dieser Aspekt ist mir besonders wichtig, weil die Neuigkeiten aus Simbabwe gerade nicht sonderlich gut sind. Da bekommen Menschen leicht eine einseitige Sicht auf das Land. Ihre immer auch humorvollen Erzählungen vermitteln ihren Lesern manchmal den Eindruck: Die Lage dort ist hoffnungslos, aber nicht ernst. Gappah: Wirklich? Ich würde sagen, es besteht Hoffnung. Nehmen Sie den Holocaust, eines der grauenhaftesten Kapitel der Menschheitsgeschichte. Damals ist auch viel Wunderbares passiert, das zeigt, was Menschen füreinander tun können. Meine Lieblingsgeschichte ist der „Kindertransport". Ich bin jedes Mal wieder gerührt, wenn ich an die vielen geretteten Kinder denke. Ich liebe solche Geschichten. Meine Erzählungen über Simbabwe sind realistisch, aber auch hoffnungsvoll, in dem Sinn, dass sie die positive Seite der menschlichen Natur zeigen. Sie halten mit Kritik an der Regierung nicht zurück. Haben Ihre Bücher Einfluss in Simbabwe? Werden sie zensiert? Gappah: Nein, sie werden nicht zensiert. Ich habe etwa 2.000 Bücher in Simbabwe verkauft. Das scheint nicht viel zu sein, ist aber für Simbabwe ziemlich viel. Mit meinen Zeitungskolumnen erreiche ich dort viel mehr Menschen. In Simbabwe kennt man mich eher wegen meiner Kommentare in Zeitungen, auf Twitter und Facebook. Ich fühle mich aber nicht gefährdet. Interessant ist, dass viele meiner Leser in Simbabwe zugleich die Regierung unterstützen. Für sie bin ich eine Erfolgsstory, jemand aus Simbabwe, der es geschafft hat. Sie möchten nicht wirklich wissen, was ich genau mache (lacht). Gehen Sie auch in Simbabwe auf Lesereise? Gappah: Ja, letztes Jahr hatte ich dort ein großes Buchevent zusammen mit Paula Hawkins, der Autorin von „Girl on a Train". Sie stammt auch aus Simbabwe und wir sind befreundet. Warum sind Sie so optimistisch, was Simbabwe betrifft, ein Land, das, wie Sie anschaulich beschreiben, von hoher Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Korruption und Staatswillkür geplagt ist? Gappah: Ich bin sehr optimistisch, weil es einfach eine typische Entwicklung für Afrika ist. Länder wie Nigeria, Kenia, Ghana: Überall gibt es nach Erlangung der Unabhängigkeit eine von Spannungen geprägte Periode, in der die Länder zunächst eine Vorstellung von sich als Nation entwickeln müssen. Sobald die Führungsfiguren des Unabhängigkeitskampfs abtreten, beginnt eine völlig neue Ära. Dass Mugabe in Simbabwe abtritt, ist nur noch eine Frage der Zeit. Der Mann ist 93. Wenn wir ihn nicht durch Wahlen absetzen können, wird es sich sozusagen auf natürliche Weise regeln. Ich bin auch deswegen so optimistisch, weil ich sicher bin, dass nie wieder ein einziger Mann 38 Jahre an der Macht bleiben wird. Das wird nie wieder passieren. Sie bauen in Ihren Erzählungen immer wieder Sätze in Shona, ihrer Muttersprache, ein. Warum? Gappah: Ich möchte Shona auf eine Stufe mit anderen Schriftsprachen stellen und realistisch zeigen, wie die Menschen in Simbabwe sprechen. Ich liebe den Rhythmus dieser Sprache, ihre Cleverness und ihren schnellen Wandlungsprozess. Shona ist sehr lebendig. Aber man verpasst im Buch nichts, wenn man es nicht versteht. Simbabwer wiederholen, was sie sagen, oft in verschiedenen Sprachen und Stimmlagen. Alles, was man wissen muss, geht aus dem Kontext hervor. Haben Sie sich in der jungen Juristin Pekupai, die in verschiedenen Erzählungen auftaucht, selbst porträtiert? Gappah: Ja, es ist meine Art, Dinge zu erzählen, die mir passiert sind, ohne direkt von mir zu erzählen. Jedes Mal, wenn Pekupai oder Emily, das ist ihr anderer Name, auftaucht, ist das etwas, was ich selbst erlebt habe. Zum Beispiel die Erzählung „Die traurige Wahrheit", die in einem Friseursalon in Harare spielt. Das war einer der seltsamsten Vormittage meines Lebens. Können Sie sich vorstellen, jemals wieder ausschließlich als Juristin zu arbeiten? Gappah: Ich denke schon. Ich möchte an den Verheißungen der Zukunft mitarbeiten. Auf einige wirkt das merkwürdig. Wenn ich sage, ich möchte für die Regierung arbeiten, sind sie total überrascht: Nein, wirklich? Du bist doch so kritisch. Aber man möchte doch, dass es dem eigenen Land besser geht. In drei, vier Jahren werde ich nach Simbabwe zurückkehren, um dort zu arbeiten. Wären ein Job in der Regierung und Schreiben vereinbar? Gappah: Ich denke, ich wäre ein zuverlässiger Diplomat meines Landes, zumal ich inzwischen nicht mehr über das heutige Simbabwe schreibe. Ich schreibe jetzt historische Romane. Der Roman, den ich gerade beendet habe, dreht sich um die afrikanischen Gefährten des britischen Afrikaforschers David Livingstone. Meine nächsten Bücher werden vom Verschwinden der Mittelklasse in Simbabwe in den 50er, 40er und 30er Jahren handeln. Ich kritisiere also nicht mehr den Präsidenten, sondern die Vergangenheit (lacht).

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