Kellerbibliothek: Der Entwicklungssoziologe Johannes Augel hat die Bibliothek unter seinem Garten vor allem für seine Forschung genutzt. - © Foto: Andreas Zobe
Kellerbibliothek: Der Entwicklungssoziologe Johannes Augel hat die Bibliothek unter seinem Garten vor allem für seine Forschung genutzt. | © Foto: Andreas Zobe

Kultur Tausende Bücher unter der Erde

Mein Bücherregal (14): Johannes Augels Arbeitsbibliothek umfasste einst 11.000 Bände. Die Hälfte hat der Wissenschaftler 2013 dem Ibero-Amerikanischen Institut geschenkt. Der Schwerpunkt seiner Bibliothek liegt auf Literatur aus Brasilien und Guinea-Bissau

Stefan Brams

Die große Plexiglaskuppel inmitten des Rasens erregt sofort die Aufmerksamkeit der Besucher von Johannes und Moema Parente Augel. Die Aufklärung über die seltsame Erscheinung inmitten des Gartens erfolgt beim Gang in den Keller ihres Hauses unweit der Waldorfschule in Schildesche. „Als unsere Büchersammlung immer größer wurde, haben wir 1992 unseren Keller kurzerhand in Richtung Garten erweitert", sagt Johannes Augel, der als Soziologe mit dem Schwerpunkt Entwicklungssoziologie 33 Jahre an der Uni Bielefeld gelehrt und geforscht hat. Forscher können ihre Bücher nun in Berlin nutzen Dort unten entstand die unterirdische Bibliothek des Wissenschaftlers, die einst mehr als 11.000 Bücher umfasste. „Eine Arbeitsbibliothek, alle Bände sind katalogisiert", wie Augel betont, der auch als Entwicklungshelfer in Guinea-Bissau gearbeitet und mit seiner brasilianischen Frau, die als Literaturkritikerin tätig ist, auch mehrere Jahre in Brasilien gelebt hat. Schwerpunkte der Bibliothek: Lateinamerika, vor allem Brasilien und dort insbesondere der Bundesstaat Bahia sowie Guinea-Bissau, die einstige Kolonie Portugals in Westafrika. Vor allem zu diesen Ländern hat Augel geforscht, aber auch Texte aus dem Portugiesischen ins Deutsche und aus dem Deutschen ins Portugiesische übersetzt. Darunter Ulrich Becks großes Werk „Der eigene Gott". „Die Kuppel dort oben sorgt für natürliches Licht hier unten", erläutert der 78-Jährige beim Rundgang durch die Bibliothek und zeigt hinauf zur Decke. Zudem dient sie der Belüftung des etwa 50 Quadratmeter großen Raumes, in dem unzählige metallene Regale und einige Kisten zu sehen sind. „Jetzt können Sie aber nur noch etwa die Hälfte all unserer Bücher entdecken", betont Augel. Denn der Gelehrte hat im Juni des Jahres 2013 rund 75 dicht mit Büchern bepackte Kartons auf einen Lkw verladen lassen und nach Berlin geschickt. Geschenkt hat er die mehr als 5.500 Fachbücher vor allem zu Brasilien dem „Ibero-Amerikanischen Institut – Preußischer Kulturbesitz". „Darunter waren allein 30 bis 40 Bände zur brasilianischen Eisenbahngesetzgebung", erzählt er. „Das war und ist eben eine Bibliothek angefüllt mit soziologischen, ökonomischen, historischen, aber auch literarischen Texten", fügt er hinzu, „die ich so in guten Händen weiß und die in Berlin Forscher nun weiter nutzen können. Das war mir wichtig." Zwischen den Regalen hängen aber auch Bogen und Pfeile Doch hier unten sind noch genug Bücher zu entdecken. Die große „Encyclopedia Britannica do Brasil" etwa, aber auch eine 20 Bände umfassende brasilianische Enzyklopädie. Jede Menge Fachliteratur mit portugiesischen Titeln ist zu entdecken. Sie diente dem Wissenschaftler bei seiner Forschung zur brasilianischen Gesellschaft und bei seinen unzähligen Publikationen und Übersetzungen. „Meine Arbeitsschwerpunkte waren die Themen Urbanisierung, Altstadterneuerung und die Auswirkungen der großen Stausee-Projekte auf die lokale Bevölkerung", erzählt Augel. Aber es finden sich auch Bücher bekannter Autoren. Werke von Jorge Amado und Antônio Carlos Calado sind dabei. Eduardo Galeanos Klassiker „Die offenen Adern Lateinamerikas" natürlich. Die „Brasiliana" ist zu entdecken – ihre 100 Bände versammeln einen Kanon der brasilianischen Literatur. Zwischen den Regalen hängen aber auch Bogen und Pfeile – auch kleinere für Kinder – aus dem Amazonas-Gebiet. „Die habe ich bei Exkursionen erworben", so Augel. Von brasilianischen Kindern aus Schrott gebautes Spielzeug wie Autos, Schiffe und Trecker stehen hier auch. Reiseliteratur ist ebenfalls zu entdecken. Darunter Charles Darwins „Reise eines Naturwissenschaftlers um die Welt" und Alexander von Humboldts „Vom Orinoko zum Amazonas". „Dabei haben sie ihn gar nicht nach Brasilien einreisen lassen", sagt Augel. Reiseliteratur ist eine Spezialität von Moema Augel. Sie hat Texte von Brasilien-Reisenden übersetzt, Vorworte geschrieben, Bücher herausgegeben. „Ich habe drei Arbeitsschwerpunkte", sagt die 78-Jährige, „die Literatur aus Guinea-Bissau, afrobrasilianische Literatur und eben die Reiseliteratur". Fragt man sie nach der Zahl ihrer Publikationen, antwortet sie bescheiden „ein paar" und untertreibt damit ziemlich. Auch ihre Bücher finden sich teils in der unterirdischen Bibliothek, teils oben in ihrem Haus. Viele Bände mit Literatur über Guinea-Bissau sind zu entdecken– eines der am geringsten entwickelten Länder der Welt. Moema Augel, die aus Salvador de Bahia stammt, hat ein Buch über Maximilian von Habsburg, der in Mexiko erschossen wurde, ins Portugiesische übersetzt. Sie hat zusammen mit russischen Forschern über russische Brasilien-Reisende geforscht und geschrieben. Und so finden sich auch zahlreiche Bücher in russischer Sprache in den Regalen. Zudem ist es den Beiden, die sich vor mehr als 52 Jahren während des Studiums in Paris kennengelernt haben, ein großes Anliegen die afrobrasilianische Literatur bekannter zu machen. Schwarze Autoren wie Conceição Evaristo, Miriam Alves, Oswaldo de Camargo und Cuti, deren Bücher sie natürlich in ihren Regalen haben und zu denen Moema Augel oftmals Vorworte geschrieben hat, würden immer noch diskriminiert in Brasilien und von der weißen Mittelschicht nicht wahrgenommen. „Dabei Sie sind unheimlich gute Dichter", betonen beide, die erst jetzt wieder in Brasilien unterwegs sind, auch um sich für diese Autoren zu engagieren.

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