Unermüdlich: Der Lyriker und Verleger Anton G. Leitner. Foto: Verlag - © Volker Derlath
Unermüdlich: Der Lyriker und Verleger Anton G. Leitner. Foto: Verlag | © Volker Derlath

Kultur Im Dienst der Poesie

Jubiläum: Bemerkenswert ist der Einsatz des Verlegers Anton G. Leitner, der vor 25 Jahren die auflagenstarke deutsche Lyrikzeitschrift „Das Gedicht“ gründete

Maria Frickenstein

Viele schreiben Gedichte. Oftmals lesen sie jedoch nur wenige, trotz Belebung durch Slam Poeten auf deutschen Bühnen. Gedichte haben es im 21. Jahrhundert schwerer denn je, stehen quasi auf einer roten Liste der Literatur. Dabei haben sie viel zu bieten. Als Kurzform sind sie für ein tägliches Viertelstündchen geradezu prädestiniert. Erhellung, Wahrheit und eine Oase der Freiheit in knapper Form bieten sie ernst oder humorvoll an, zudem Reflexionen über das Zeitgeschehen, ob über Alltagskram, Glaube oder Politik. Diesem Genre Gehör zu verheißen, braucht es kämpferisches Engagement, Spürsinn und Durchhaltevermögen. Umso bemerkenswerter, dass sich Anton G. Leitner seit 25 Jahren in langen Arbeitstagen und ohne Honorar für die Poesie einsetzt und 2.300 gedruckte Gedichte, dazu 2.500 im Internet ihre Leser fanden. Das „Erotik special" löste einen Verkaufsboykott aus „Ohne meine Frau Felizitas, die als Hausärztin für unser tägliches Brot sorgt, ohne die Eltern und enge Freunde könnte ich nicht tun, was ich tue", so der Verleger. Seinen Beruf als Jurist hing er an den Nagel, machte die Lyrik zu seiner persönlichen Angelegenheit. Als 1993 die erste Ausgabe erschien, war „Das Gedicht. Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik" mit 30 Dichtern und 150 Gedichten noch 110-Seiten schmal. Das sollte sich bald ändern. Heute hat die jährlich erscheinende Zeitschrift rund 1.000 Abonnenten und eine Auflage von 3.000 Exemplaren. „Früher gingen bei Spitzenausgaben allein drei- bis fünftausend Exemplare in den Buchhandel", so Leitner. Nicht selten sperren sich heute die großen Ladenketten, Bücher kleiner Verlage zu verkaufen. Nur über Reclam, bei dem jeweils eine „Best-of"-Anthologie erscheint, bleibe „Das Gedicht" im Buchhandel präsent, wie ein „Trojanisches Pferd", freut sich der Verleger über seine griechische List. Viele Lyrikerinnen und Lyriker feierten im „Gedicht" ihr Debüt, darunter auch Büchnerpreisträger Jan Wagner. Große Stimmen wie Friederike Mayröcker, Ulla Hahn und Helmut Krausser schickten Gedichte, auch inzwischen verstorbene Dichter wie Sarah Kirsch, Robert Gernhardt und Ernst Jandl. Ab dem Jahr 2000 glänzt die Zeitschrift mit Schwerpunktthemen, sei es über Heimat, Gesundheit oder Popkultur. Das „Erotik special" löste gar einen Verkaufsboykott in Buchläden aus, rückte erotische Verse mit dem Vorwurf der Pornografie in die Schmuddelecke und erreichte nichtsdestotrotz 10.000 Leser. Leitner beginnt mit 16 Jahren, Gedichte zu schreiben. Ein Liebesgedicht öffnet ihm später gar die Tür zu einer Kommilitonin, der er heimlich seine Verse zusteckt. „Am zweiten Tag waren wir bereits ein Paar, am dritten Tag zogen wir zusammen", erinnert sich der Lyriker, der selbst elf Gedichtbände veröffentlichte und mehr als 40 Anthologien herausgab. Er sieht das Gedicht stets im gesellschaftspolitischen Kontext: „Der Wert eines Gedichts ist unschätzbar. Gerade in einer Zeit, in der Geld vielen Menschen alles bedeutet, ist das Verfassen und Verbreiten von Poesie die vielleicht elementarste Form des friedlichen Protests gegen die totale Ökonomisierung unserer menschlichen Existenz", so der 56-Jährige. »Wir machen ja fast alles selbst« Mit Gedichten auf Zuckertütchen und Brottüten rückte er einst bis zum Kaffeetisch von jedermann vor. Heute präsentiert sich „Das Gedicht" auch im Internet, seit fünf Jahren im gedichtblog.de mit Netzanthologien wie die „Pausenpoesie". Poesieclips (www.dasgedichtclip.de) bei Youtube präsentieren internationale wie auch regionale westfälische Künstler. International wird „Das Gedicht" zum Welttag der Poesie 2014. Die Zeitschrift wird seither auszugsweise ins Englische übersetzt, ist als „Chapbook" zugänglich. Natürlich wird das jetzige Jubiläum gebührend gefeiert, mit Poesie-Colloquium, einer Poetendemo für Menschenrechte und einer großen Galalesung mit 60 Poeten aus zwölf Nationen. Nicht fehlen darf die Festausgabe der Zeitschrift „Religion und Gedicht", mit 200 Gedichten und 224 Seiten der dickste Band. Viel Arbeit steht zu jeder Lektüre an, so Leitner: „Wir machen ja alles selbst. Und die Sendungen zu verpacken und fakturieren, die hinterher einen ganzen Post-LKW füllen, das ist fast wie Holz schleppen." Weitere Informationen unter www.dasgedicht.de"

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