Leidenschaftlicher Vielleser: Andreas Platthaus ist seit 1997 bei der FAZ und seit 2016 Literaturchef des Feuilletons der Zeitung. - © Foto: maria frickenstein
Leidenschaftlicher Vielleser: Andreas Platthaus ist seit 1997 bei der FAZ und seit 2016 Literaturchef des Feuilletons der Zeitung. | © Foto: maria frickenstein

Kultur Ein Plädoyer für die Lektüre

Gespräch: Andreas Platthaus spricht mit Kai Kauffmann über Lesen, Lektüre und die Zukunftvon Büchern, E-Books und Zeitungen

Jedes Jahr im September lädt die Literarische Gesellschaft zu einem Austausch mit einem bekannten Literaturkritiker. Dieses Mal ist es Andreas Platthaus, der Ressortleiter für Literatur und Literarisches Leben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der sich einem Gespräch mit Kai Kauffmann, Professor für Germanistische Literaturwissenschaft der Bielefelder Universität, stellt. Andreas Platthaus ist seit 1997 bei der FAZ, seit 2016 Literaturchef des Feuilletons. Kai Kauffmann weist auf dessen ungewöhnlichen Berufsstart als Bankkaufmann hin. Es folgte ein BWL-Studium, später ein Studium der Rhetorik, Philosophie und Geschichte. Zudem gilt Platthaus als Comic-Kenner und Donaldist. Der Job bringt es mit sich: Der Literaturkritiker ist ein leidenschaftlicher Vielleser. "Die Kunst macht uns zu besseren Menschen" Dem Publikum in der Stadtbibliothek erzählt er, was das heißt. Rund 6.000 Bücher bringe die Post jedes Jahr in die Redaktion. Vier Redakteure wählen aus, rund 20 freie Mitarbeiter helfen bei den etwa 800 bis 1.000 Rezensionen. Rund 60 bis 80 Bücher lese Platthaus pro Jahr, er lese beim Essen, in der S-Bahn, beim Zugfahren. „Ich warte immer bis zur letzten Seite", so der 51-Jährige über das Lesen eines Buches, das zur Rezension anstehe. Auch seine Frau sei eine Vielleserin, die ihn nicht selten auf ein lohnendes Buch hinweise. „Ich weiß nicht, ob es jemanden gibt, der so viel schreibt wie er", begrüßt Kai Kauffmann den vierten Gast zur Literaturkritik und fragt nach der neuesten Rezension über Marion Poschmanns Roman „Die Kieferninseln". Platthaus lobt das Buch, das in Japan angesiedelt ist und von der Pilgerreise Gilbert Silvesters erzählt. Nach den Kriterien zur Literaturkritik fragt Kauffmann und bekommt die Antwort, dass es das eine Kriterium nicht gebe. Man hört von der besonderen Beziehung von Inhalt, Sprache und Form, von Tonfall und Rhetorik. „Ich möchte diese Herausforderung haben", so Platthaus über Bücher, die den Lesenden vor ein Rätsel stellen. Gemeinsam sprechen sie über die Zukunft der Bücher, der E-Books und Zeitungen. Platthaus bedauert ein zunehmendes regionales Zeitungssterben, spätestens in 15 Jahren. E-Paper mit einem 1:1-Layout sieht er als Alternative zur gedruckten Zeitungslektüre. Bei E-Books empfinde er hingegen kaum eine Bedrohung für das Buch, zu gering sei das Interesse der Lesenden. „Die Kunst ist ernst und wichtig, weil sie uns zu besseren Menschen macht", ist Platthaus überzeugt. Das sei profan, aber wahnsinnig wichtig. „Ohne Kunst kann ich nicht gut leben", sagt er. Den neuen Roman „Peter Holtz" von Ingo Schulze beurteilt der Kritiker so: „Ich habe mich selten so gut amüsiert. Lesen Sie also eine tolle Schelmengeschichte." Wenn Platthaus ein Buch nicht mag, lässt er es sich nicht nehmen, weiterhin neugierig auf einen interessanten Autor zu sein, ein sympathischer Charakterzug. „Das war das überraschendste Buch, das ich seit Jahren gelesen habe", so sein Plädoyer für den Roman „Die Stunde des Spezialisten" der bislang recht unbekannten Schriftstellerin Barbara Zoeke. Ein Wermutstropfen bleibt am Ende dieses Abends. Leider las Andreas Platthaus nichts aus seinem neuen Buch „Das geht ins Auge" mit Geschichten zur Karikatur. Darin weist er auf den Artikel 5 des Grundgesetzes hin und nennt dazu die einzig akzeptable Haltung: „Das Recht auf Karikatur ist ein Grundprinzip unserer Kultur." Ein Thema, das aktueller nicht sein könnte.

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