Geordnete Verhältnisse: Reinhard Stenger hat seine Bücher geografisch und thematisch gruppiert. Die weißen Bälle im Regal verraten den leidenschaftlichen Golfer. - © Foto: Andreas Frücht
Geordnete Verhältnisse: Reinhard Stenger hat seine Bücher geografisch und thematisch gruppiert. Die weißen Bälle im Regal verraten den leidenschaftlichen Golfer. | © Foto: Andreas Frücht

Kultur „Trivialliteratur steht hier nicht“

Mein Bücherregal (7): Reinhard Stenger sammelt Weltliteratur, sucht aber auch in Sachbüchern über Religion, Wissenschaften und Philosophie Denkanstöße

Anke Groenewold

Bielefeld. In der Deutschstunde wurde Reinhard Stengers Liebe zur Literatur geweckt. Max Frischs „Homo faber" faszinierte den 15-Jährigen, der bis dahin in seiner Freizeit am liebsten Fußball gespielt hatte. „Das war mein Schlüsselroman, mit ihm wurde ich zum Literaturliebhaber", sagt der Architekt. Er las mehr von Max Frisch, dessen Stil ihm gefiel, dann Günter Grass’ „Katz und Maus", Siegfried Lenz’ „Deutschstunde", Heinrich Böll und weitere deutsche Autoren. Über die Jahrzehnte hat er sich die Literaturen der Welt erobert. Sportlich ist der 1955 in Hagen geborene Stenger, der in Bünde aufwuchs, in Detmold studierte und seit den frühen 80er Jahren in Bielefeld lebt, auch noch aktiv – jetzt aber auf Golfplätzen. Beide Leidenschaften begegnen sich im Lesezimmer, das er sich in seinem Haus in Schildesche eingerichtet hat. In dem stehen seine Bücherwand, ein Tisch mit zwei Stühlen und ein tiefer, bequemer Sessel. Seine Reisen beeinflussen auch seine Lektüre Direkt am Fenster stehend, bietet er Tageslicht, gleichzeitig ist er auf den Fernseher ausgerichtet, auf dem er gern Golfturniere schaut. Stengers Ordnungsprinzip ist geografisch und thematisch, wie die Regalaufkleber verraten, die zum Beispiel Belletristik aus den USA, Europa, Russland, Asien und Südamerika ausweisen. Reinhard Stenger und seine Frau Marita reisen gern, auch beruflich kommt der Diplom-Ingenieur viel herum. Er hat sich auf Wohnhäuser und Supermärkte spezialisiert – aktuell zum Beispiel die Umgestaltung des Rewe an der Babenhauser Straße. Die Reisen und der Austausch mit anderen Menschen beeinflussen auch seine Lektüre. So entdeckte er in den 90er Jahren, als er beruflich viel in Magdeburg zu tun hatte, die DDR-Literatur für sich. Noch heute ist er dankbar für die Empfehlung einer Politikerin:, die Erwin Strittmatters „Der Wundertäter" empfahl. „Ich habe mich in die Romantrilogie verliebt", erzählt der politisch interessierte Stenger, dessen Urkunde für 30-jährige Mitgliedschaft in der SPD ebenfalls im Regal steht. „Das ist ein super zu lesender Abriss der DDR-Geschichte." Neugierig stürzte er sich auf Uwe Tellkamps „Der Turm", „aber das habe ich nach 83 Seiten aufgegeben", sagt er. Für Schund gibt es die Höchststrafe: „Bücher, die nichts taugen, werfe ich weg." Auf sein Regal weisend, macht er deutlich: „Trivialliteratur steht hier nicht." „Lieblingsstellen" bei David Foster Wallace und Dostojewski Einen Spitzenplatz in seinem Regal nehmen die Bücher des Amerikaners T. C. Boyle ein. „Von ihm habe ich alles gelesen, auch wenn nicht alles von ihm so gut ist wie ,Wassermusik’, ,América’, oder ,World’s End’." Besonders am Herzen liegt ihm eine illustrierte, längst vergriffene Ausgabe von „Der Polarforscher". Tom Wolfes „Fegefeuer der Eitelkeiten" begeisterte ihn ebenso wie Richard Fords „Der Sportreporter", die Südstaaten-Autoren William Faulkner und Walker Percy oder Jonathan Franzen. Stenger war mehrmals in den USA, die landschaftlich und städtebaulich viel zu bieten hätten. In Las Vegas haben er und seine Frau Marita – auch sie liest gern – vor 33 Jahren geheiratet. „Amerika war in meiner Jugend positiv besetzt, aber das ändert sich", sinniert der 62-Jährige. Und zieht David Foster Wallaces „Kurze Interview mit fiesen Männern" aus dem Regal und liest euphorisch eine Passage vor. Überhaupt kehrt er gern zu markanten Buchstellen zurück, liest aber selten ein Buch ein zweites Mal. Eine weitere seiner „Lieblingsstellen" findet sich in Dostojewskis „Verbrechen und Strafe", „natürlich in der Übersetzung von Swetlana Geier", sagt der Kenner. „Nur wenige Menschen haben die Liebe so schön beschrieben wie Dostojewski das auf den letzten Seiten dieses Buchs getan hat", erklärt er. Stenger geht auch gern ins Kino Auch mit Nationalsozialismus und Holocaust hat er sich intensiv beschäftigt, besonders ergriffen und schockiert haben ihn Primo Levis Auschwitz-Erinnerungen („Ist das ein Mensch?") und Imre Kertesz („Roman eines Schicksallosen"). Als Meisterwerk bezeichnet er Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten", das den Nationalsozialismus aus Tätersicht beschreibe. „Ich habe darin so viel entdeckt", sagt Stenger, der aktuell Hana Yanagiharas „Ein wenig Leben" genießt („Das ist richtig gut"). Stenger schätzt die intellektuelle Herausforderung, vertieft sich in Sachbücher über Religion, Philosophie, Naturwissenschaften, Geschichte. Eine persönliche Bedeutung hat für ihn Christoph Kleßmanns „Die doppelte Staatsgründung" mit Widmung des Bielefelder Historikers. „Mein erstes Wohnhaus habe ich 1984 in Bielefeld für die Familie Kleßmann entworfen", erinnert sich der Vater zweier Töchter. Neben Büchern begeistert sich das Ehepaar Stenger für die Ostsee und für Wanderungen in den Alpen. Außerdem lieben sie Filme, bevorzugt im Lichtwerk und bevorzugt solche, „die unter die Haut gehen" wie „Manchester-by-the-Sea" und „Moonlight". Aber es darf auch gern gehobene Unterhaltung sein wie Maren Ades „Toni Erdmann".

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