Aktuelles Lieblingsstück: Kerstin Hahne mit dem Bilderbuch „Wazn Teez?" von Carson Ellis vor ihrem Bücherregal. - © Barbara Franke
Aktuelles Lieblingsstück: Kerstin Hahne mit dem Bilderbuch „Wazn Teez?" von Carson Ellis vor ihrem Bücherregal. | © Barbara Franke

Literatur Mein Bücherregal (6): Verrückt nach abgefahrenen Ideen

Kerstin Hahnes Herz schlägt für Bilderbücher und fantastische Welten. Am liebsten ist es ihr, wenn die Autoren sich etwas trauen

Thomas Klingebiel

Schmal, hoch, farbenfroh – die Bücher in Kerstin Hahnes Regal ergeben ein ungewöhnlich lebhaftes Bild. Hier finden sich keine leinengebundenen Romanwälzer oder gediegene Klassiker-Werkausgaben, die gleich einen Meter oder mehr für sich beanspruchen. Was in diesem deckenhohen Ikea-Regal alphabetisch nach Verlagen und Illustratoren gereiht ist, richtet sich vorwiegend an Erdenbürger zwischen sechs Monaten und zehn Jahren. „Es ist auch einiges dabei, das man getrost jedem Erwachsenen schenken könnte“, sagt Kerstin Hahne und zieht eine schöne „Aschenputtel“-Ausgabe mit fragilen Scherenschnitten hervor. Dennoch führt nichts daran vorbei, dass ihr Herz offenbar an Büchern hängt, deren Lesealter sie – und auch ihre zwei erwachsenen Kinder – längst entwachsen ist. Die 57-Jährige ist „mit Leib und Seele Buchhändlerin“, wie sie sagt. In der Pfefferschen Buchhandlung am Alten Markt, die 2003 schloss, hat sie einst gelernt. Heute arbeitet sie in Teilzeit bei Thalia am Oberntorwall, meist in der Romanabteilung. Als Thalia noch Phoenix hieß, leitete sie dort eine Zeit lang die Kinder- und Bilderbuchabteilung. Dieses Spezialgebiet lässt sie bis heute nicht los. „Bilderbücher entführen in fantastische Welten, in denen man sich gleichzeitig wiedererkennen kann“, erklärt sie mit glänzenden Augen. Inzwischen lebt sie ihre Leidenschaft überwiegend als Rezensentin aus. Hahnes Bilderbuch-Bewertungen werden unter ihrem Namen auf der Website und der App ihres Arbeitgebers veröffentlicht. Auch einen eigenen Bücher-Blog möchte sie noch mal starten. Am Anfang galt ihr Sammelinteresse Märchen-Bilderbüchern. Dafür stöberte die gebürtige Bielefelderin auch auf Flohmärkten und in Bücherregalen der Betheler Brockensammlung. „Mich hat vor allem interessiert, auf welche Szenen die Illustratoren Gewicht legen. Da sind ja ganz verschiedene Auslegungen möglich.“ »So was macht total Spaß « Heute liegt Hahnes Hauptaugenmerk auf Titeln, die vom Bewährten und Üblichen abweichen. „Natürlich wiederholt sich auf diesem Gebiet viel, und einiges wird es immer geben. Reime werden Kinder wohl immer faszinieren“, sagt sie. Es fänden sich jedoch immer wieder Autoren und mutige Verlage, die die Grenzen und Konventionen durchbrechen, „die sich etwas trauen“. Eines ihrer aktuellen Lieblingsbücher ist „Wazn Teez?“ von Carson Ellis. „Das Buch ist in einer Kunstsprache geschrieben, auf die sich Kinder und Eltern erst einmal selbst einen Reim machen müssen. So was macht total Spaß“, sagt Hahne. Das Bilderbuchregal mit rund 1.800 Büchern ist nicht das einzige in dem Haus am Pellaweg in Gadderbaum. Eine ganze Wohnzimmerwand im Erdgeschoss ist mit dem bedeckt, was Kerstin Hahne und die übrige Familie sonst noch gern liest, viel Fantasy und Krimis. Auf „zwei bis drei Romane pro Woche“ beziffert die bekennende Schnellleserin ihr Pensum. Auch das Bilderbuchregal im Obergeschoss hat noch einen Ableger: Auf einem Sideboard auf einem Treppenabsatz ordnet Hahne regelmäßig einige Bilderbücher zu wechselnden Ausstellungen an. „Im Regal ist ja nicht viel von ihnen zu sehen“, erläutert sie. Zurzeit präsentiert sie ausschließlich Bilderbücher in Schwarzweiß, eine erstaunliche Auswahl. „Punkte“ von Giancarlo Macri und Carolina Zanotti beispielsweise behandelt nur mit minimalistischen Punkt-Konstellationen aktuelle gesellschaftliche Fragen nach Migration und Fluchtursachen. „Eine ganz abgefahrene Idee“, sagt Hahne begeistert. Ihre Bilderbuch-Welt ist keineswegs nur beschaulich und bunt.

realisiert durch evolver group