Begegnung: Literaturwissenschaftler Wolfgang Braungart und Schriftstellerin Marica Bodrožic. - © Maria Frickenstein
Begegnung: Literaturwissenschaftler Wolfgang Braungart und Schriftstellerin Marica Bodrožic. | © Maria Frickenstein

Kultur Sponsoren für Schreibwerkstatt gesucht

Seit 1997 engagiert sich der Bielefelder Literaturwissenschaftler Wolfgang Braungart für die literarische Schreibwerkstatt der Universität

Bielefeld. Klaus Modick war dabei, Schriftsteller wie Kerstin Hensel und Ursula Krechel, Angelika Overath und Uwe Kolbe. Seit Anfang der 90er Jahre gibt es sie, die literarische Schreibwerkstatt der Universität. In Seminaren traten Studierende in einen engen Dialog- und Arbeitsprozess mit einem Schriftsteller. Die Bielefelder Bürger durften sich über eine abschließende öffentliche Lesung freuen. Hautnah lernten die Studierenden etwas über wahrhaftiges Schreiben, über das Sehen und die Ästhetik und den komplexen schöpferischen Weg zu einem literarischen Text. „Das Schöpferische ist radikal. Es schafft Bewusstsein“, sagt Schriftstellerin Marica Bodrožic, die dieses Jahr das Seminar leitete. Bodrožic leitet zu zeitlich begrenzten Texten an. „Aus der Verletzlichkeit entsteht alle Kunst. Da, wo die Wunde ist, entsteht auch das Wunder“, sagt sie. In einem Gespräch macht die Autorin sehr deutlich, wie eng Denken, Bewusstsein und Sprache, das Ich, ein Text und die Welt zusammenhängen."Das Authentische ist die einzige Brücke, die hält" Die Schriftstellerin kam mit zehn Jahren aus Dalmatien nach Hessen und erlernte die deutsche Sprache. Sie betont, dass nur Authentizität zu einer offenen Persönlichkeit führt. „Das Authentische ist die einzige Brücke, die hält“, sagt sie über echte menschliche Beziehungen. So motiviert sie auch ihre Studenten, den eigenen Ton zu finden. Bodrožic lehrt das Sehen, die Einbeziehung sinnlicher Qualitäten wie Klang, Duft und Atmosphäre. „Das Handwerk rückt nach, wenn sich der Künstler öffnen kann“, so die Schriftstellerin. Die Studierenden erproben sich, ihre Texte und stellen sich Lesern wie Kritikern. Ihre erste Sprache, den heimatlichen Dialekt, wie man ihn in Ittlingen im Kraichgau spricht, hatte Michaela Christians beinahe vergessen und integrierte diesen tief verwurzelten Klang in ihren Text. „Mit einem Dialekt sind viele biografische Echoräume verbunden“, ergänzt Bodrožic. Als Balletttänzerin sah sich Julia D. Hillebrandt. In einem Boot hockte sie nah am Meeresgrund, wo sie sich am bunten Treiben der Ozeanbewohner erfreute. Eine Weinbergschnecke mahnte beim Schreiben zur besonnenen Langsamkeit. Über den Berliner Architekten Bruno Taut schrieb Sascha Böhnke: „Ich hatte zunächst Angst vor dem Schreiben, vor den vielen Möglichkeiten.“ Er entschied sich für eine essayistische Form, um über Tauts „Wahnsinn“, den Alpen ein Glasdach überzustülpen, und seiner „Lust an der Übertreibung“ zu schreiben. Beim Schreiben kamen sich die Studierenden durch den innigen Austausch näher. „Die Literatur muss zuallererst eine Humanwissenschaft sein, die uns mit anderen in Begegnung bringt“, so Marica Bodrožic. „Es wird vermutlich die letzte Werkstatt sein“, bedauert Wolfgang Braungart, Professor für Literaturwissenschaft an der Universität. Die Schreibwerkstatt gehöre zu einem Kulturpaket, das 20 Jahre lang durch einen treuen Sponsor gefördert worden ist. Solch ein Schreibseminar kostet keine Millionen. Nur etwa 2.500 Euro seien notwendig. Großzügige Sponsoren mögen gern auch das gesamte Kulturpaket unterstützen. Dazu gehören praxisbezogene Lehraufträge, die zum Beispiel das Verlagswesen lehren, geförderte Exkursionen und natürlich die Schreibwerkstatt. „Wir müssen Fenster öffnen für die Praxis“, ist Braungart überzeugt. „Die Region hat was davon. Es kommt ihr zugute.“ Schreib- und Sprachkompetenzen seien zudem in allen Berufen erforderlich. Es beginne bei einer gelungenen E-Mail und ende bei einem erstklassigen Geschäftsbericht. Wie sagt es Marica Bodrožic? „Dem Schreiben geht immer ein schöpferisches Sehen voraus, es erschafft und spiegelt zeitgleich die Welt.“ Fakt ist auch, die notwendigen Fähigkeiten dazu fallen nicht vom Himmel.

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