Zwischen Zeus und Aphrodite: Pastor Walter Schroeder vor dem Bücherregal in seinem Arbeitszimmer. Rechts auf dem Tischchen eine der Ikonen, die er „gern im Blick“ hat. - © Foto: Wolfgang Rudolf
Zwischen Zeus und Aphrodite: Pastor Walter Schroeder vor dem Bücherregal in seinem Arbeitszimmer. Rechts auf dem Tischchen eine der Ikonen, die er „gern im Blick“ hat. | © Foto: Wolfgang Rudolf

Mein Bücherregal (3) Vital im kreativen Chaos

Mein Bücherregal (3): Pastor Walter Schroeder schätzt die alten Griechen und Römer, findet aber auch an aktuellen Romanen Gefallen. Seine „literarische Hausapotheke“ hat er immer griffbereit

Thomas Klingebiel

Tausende Jahre schauen auf den Besucher herab: eine Zeus-Figur auf einem Ausstellungsplakat, Fotografien antiker Statuen. Dahinter: Bücher über Bücher, gereiht, gestapelt, alt, neu. „Systematisch geordnet ist hier kaum etwas“, sagt Pastor Walter Schroeder und schmunzelt. Muss er manchmal nach bestimmten Büchern suchen? „Nie!“ Der 81-Jährige, der drei Jahrzehnte als Pastor der Petri-Gemeinde arbeitete und danach bis 2001 die Öffentlichkeitsarbeit der von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel leitete, fühlt sich sichtlich wohl im „kreativen Chaos“ (Schroeder) seines kleinen Arbeitszimmers. Als er in Ruhestand ging und mit seiner Frau in die Wohnung am Ebenezerweg in Bethel zog, musste er den Bücherbestand auf ein Drittel reduzieren, berichtet er. »Preußen – da kommen wir ja alle her« Was ihm blieb, wird umso reger genutzt. „Jeden Morgen zwischen fünf und halb sieben lese ich. Abends auch noch einmal eine Stunde“, sagt Schroeder. Er greift Lutz Seilers Hiddensee-Roman „Kruso“ heraus, ein Hinweis, dass er durchaus auch aktuelle Romane registriert. In direkter Nachbarschaft: Bände über Preußen, den Alten Fritz. „Da kommen wir ja her“, sagt Schroeder. Vorrangig widmet er sich zurzeit aber den alten Griechen und Römern. Die erneute, vertiefende Lektüre von Aristoteles oder Seneca hilft ihm, Lebenserfahrungen zu reflektieren, Erinnerungen aufzuarbeiten. „Dies hier“, sagt Schroeder und macht eine ausholende Armbewegung, „ist kein Museum, sondern eine vitale Quelle.“ Erste Bekanntschaft mit der antiken Kultur schloss er als Schüler am Bielefelder Helmholtz-Gymnasium. „Wir mussten uns zwar zu elft ein Lateinbuch teilen, aber ich bin ausgesprochen dankbar dafür, dass ich diese Sprache lernen durfte.“ Im Theologiestudium kam Hebräisch hinzu, später lernte Schroeder auch noch Arabisch. Bücher und Sprachen waren ihm Mittel zur Welterkundung. Als er aufwuchs, dachten die meisten Deutschen über andere Nationen, Ethnien oder Religionen in Feindbildern. „So bin ich erzogen worden, ich war Kind jener Zeit.“ Pastor sei er unter anderem geworden, um herauszufinden, warum Nationalsozialismus und Krieg passieren konnten, und weil er helfen wollte, eine Wiederholung zu verhindern. „Ein vereintes Europa war unsere Vision“, sagt er. Schroeder ist damals viel gereist, nach Frankreich, England, Holland, im Theologiestudium und später immer wieder in den Nahen Osten. „Das waren Entdeckungsreisen, zum Teil sehr schwere, weil noch starke Vorbehalte gegenüber den Deutschen bestanden.“ Im Regal haben diese Reisen in Gestalt von landeskundlichen Büchern, Koran- und Bibelausgaben oder auch Hans Küngs Standardwerk über den Islam reichlich Spuren hinterlassen. Selbst alte Wanderkarten aus Israel hat Schroeder aufbewahrt. Die Steine in einer kleinen Schüssel hat er auf dem Sinai gesammelt. „Ein bisschen Ostsee ist aber auch dabei“, sagt er. Auf dem Schreibtisch („immer griffbereit“) stehen die gelben Reclam-Bändchen seiner „literarischen Hausapotheke“: Luthers „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, Kants „Zum ewigen Frieden“, Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“, Augustinus’ „Bekenntnisse“ und ein Auswahlband von Matthias Claudius’ Gedichten. Die Wand über dem Schreibtisch ist mit Ikonen bedeckt, Gastgeschenke und Mitbringsel. „Die habe ich gern im Blick“, sagt Schroeder, der „knochentrockene Protestant“. Gelegentlich tritt er zum Lesen („immer mit Textmarker“) an das Stehpult am Fenster, berichtet er. Das ließ er sich zur Rückenentlastung nach dem Vorbild eines historischen Pult-Modells tischlern. Schroeders Bücherregal ist der Spiegel eines in früher Jugend wurzelnden Bildungs- und Geschichtsoptimismus. „Ich habe erlebt, dass Feinde zu Freunden wurden, dass etwas zusammenwächst, was ich nie für möglich gehalten hätte“, sagt er. Nun muss er im Alter mit ansehen, wie die „fast verwirklichte Vision eines vereinten Europa“ (Schroeder) zerfällt und überwunden geglaubte nationalistische Strömungen erstarken, dass ein Frieden zwischen Israel und Palästinensern weiter denn je entfernt zu sein scheint. „Das sind Beschwernisse, die mich arg beschäftigen“, sagt Schroeder. Mit 81 spürt er das Nachlassen der eigenen Kräfte. Die Hoffnung aber, dass für Offenheit und Gemeinsamkeit eintretende Menschen, „die es in allen Ländern gibt“, eine „gemeinsame Ebene“ herstellen und die Dinge zum Besseren wenden, hat er nicht aufgegeben. Etwas anderes komme nicht in Frage, sagt er. „Ich bin gläubiger Christ!“Die Serie In unserer Serie stellen wir in loser Folge Bielefelder Bürger und ihre Bücherregale vor. Die Serienteile gibt’s zum Nachlesen auch im Netz unter www.nw.de/kultur

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