Handverlesen: Vor ihrem Umzug nach Bielefeld musste Monika Milke aus Platzgründen viele Bücher abgeben. Das Regal und weitere in der Wohnung sind dennoch gut gefüllt. Die Skulptur auf dem Tisch ist ein Geschenk aus Ghana. - © Foto: Andreas Frücht
Handverlesen: Vor ihrem Umzug nach Bielefeld musste Monika Milke aus Platzgründen viele Bücher abgeben. Das Regal und weitere in der Wohnung sind dennoch gut gefüllt. Die Skulptur auf dem Tisch ist ein Geschenk aus Ghana. | © Foto: Andreas Frücht

Mein Bücherregal (1) Mit Büchern um die Welt

Monika Milke hat auf verschiedenen Kontinenten gelebt und gearbeitet. Ihre persönliche Bibliothek begleitete sie überall hin

Thomas Klingebiel

Bücher bergen Geschichten. Für Monika Milke haben die Werke in ihrem Regal aber mindestens eine weitere Story. „Diese Bücher sind mein Leben“, sagt die 75-Jährige mit entwaffnender Begeisterung. Jeder der sorgfältig aufgereihten Bände steht für einen besonderen Moment, einen bestimmten Lebensabschnitt. Dabei macht Monika Milke keinen Unterschied, ob es sich um billige Taschenbücher oder teure, gebundene Ausgaben handelt. Mit dem Zeigefinger streicht sie über die Buchrücken und stoppt bei einem schmalen, vergilbten Fischer-Taschenbuch: „Denn sie sollen getröstet werden“ von Alan Paton, ein Apartheid-Roman. Vorsichtig schlägt Monika Milke das altersschwache Bändchen auf. „Weihnachten 1956 für Monika von Mutti“, lautet die handschriftliche Widmung. „Da war ich 14.“»Die Jahre in New York waren eine Offenbarung« Ihre Kindheit beschreibt die ehemalige Fremdsprachensekretärin im Auswärtigen Amt als „arm, aber glücklich“. Die Eltern waren als Kriegsflüchtlinge aus Polen in dem Dörfchen Sasbach im Schwarzwald gelandet. Damals wurde Monika Milkes Liebe zum Buch geweckt. „Wir hatten immer Bücher“, betont sie. Auch bei ihr kam im Laufe der Jahre eine stattliche Bibliothek zusammen. Schon als Au-pair-Mädchen Anfang der 60er in London und Paris war sie begeisterte Kundin in Second-Hand-Bookshops. „Ich habe nächtelang durchgelesen“, sagt sie. Ihren Bildungshunger stillten die nach und nach angeschafften oder geschenkt bekommenen Bände der „Kulturgeschichte der Menschheit“ von Will und Ariel Durant. Die zehn dunkelroten Wälzer hat sie bis heute in Griffnähe. Als Milke 1973 nach acht Jahren Hotelsekretärin die Anstellung beim Auswärtigen Amt erhielt, wechselte ihr Einsatzort häufig: Botschaften in Warschau, Seoul, Accra (Ghana), Hanoi und Nikosia, das German Information Center in New York. Die Bibliothek wuchs weiter, und ihre Bücher zogen jedesmal mit um. „Ich konnte immer alles mitnehmen. Das Auswärtige Amt hat die Umzüge ja bezahlt“, sagt Milke augenzwinkernd. Bei Heimaturlauben in Deutschland war Bielefeld ihre Anlaufstation, wo Milkes Schwester Renate Freitag mit ihrem Mann seit den 70er Jahren lebt. Vor einem Jahr nun ist Milke nach 14 Jahren in Berlin ebenfalls nach Bielefeld gezogen, in eine Seniorenwohnung im Lohmann-Carree an der Königsbrügge. Auf dem großen Wohnzimmertisch liegt eine begonnene Partie „Royalty“, ein Wortkartenspiel in englischer Sprache. Gemälde und Skulpturen aus Afrika und Vietnam verbreiten exotisches Flair. Vor dem Umzug musste Milke sich aus Platzgründen von einer Menge Bücher trennen. „Aber es sind immer noch genug der Wichtigsten da“, sagt sie. Im U-förmigen Hauptregal im Wohnzimmer stehen deutsche Klassiker: viel Brecht („Ich bin ein Fan“), Thomas Mann, Goethe, aber auch Philosophisches, Religiöses, Biografien über lebenshungrige Frauen, die sich nicht um gesellschaftliche Konventionen scherten wie Frieda Lawrence, die deutsche Frau von Skandalautor D. H. Lawrence, oder Vita Sackville-West, die eine ungewöhnlich freigeistige Ehe führte. „Ich liebe Skandale!“, gibt Milke unumwunden zu. Die meisten ihrer Bücher sind englischsprachig. „Die Jahre in New York von 1979 bis 1983“, sagt sie, „waren für mich kulturell sehr prägend, eine Offenbarung.“ Wenn sie einen Sammelband des Magazins Life aus dem Regal zieht, werden zugleich Erinnerungen an Konzerte, Theatervorstellungen, Kinopremieren wach. In einem Buch klebt vorn ein Foto, das sie und einen stattlichen US-Soldaten zeigt. „Bill habe ich in Seoul kennengelernt“, erläutert sie. Er weckte ihr Interesse für afro-amerikanische Literatur, zum Beispiel James Baldwin. Ein großer Krimi-Fan sei sie auch, sagt Milke. Agatha Christies Gesamtwerk und 50 Maigret-Krimis von Georges Simenon auf Französisch stehen in einem Bücherschrank dem Regal gegenüber. In einer „Erotik-Ecke“ finden sich einschlägige Publikationen Alter Meister aus Asien, darunter ein handliches „Pillow Book“, das vor langer Zeit jungen japanischen Frauen in der Hochzeitsnacht unter das Kopfkissen gelegt wurde. „Der Buchhändler in Seoul ist rot geworden, als ich das gekauft habe“, erinnert sich Milke. Sie sei nicht eingleisig, betont sie. Ist ihre lebenslange Neugier für alles Mögliche vielleicht auch ein Grund, warum sie lebenslang von einer Ehe abgesehen hat? „Bill, der US-Soldat, war der einzige Mann, den ich geheiratet hätte“, sagt Milke mit Bestimmtheit. Aber sie vermisse nichts. „Ich hatte Glück. Ich habe vieles gehabt und vielfältiges erlebt.“

realisiert durch evolver group