Aufmerksamer Gast: Susan Kreller findet manchmal in Cafés Inspirationen für ihre Geschichten. In ihrem neuen Roman entwickelt sie ein großes Panorama von Schuld, Rache, Liebe und der Heilkraft der Literatur. - © Foto: Andreas Zobe
Aufmerksamer Gast: Susan Kreller findet manchmal in Cafés Inspirationen für ihre Geschichten. In ihrem neuen Roman entwickelt sie ein großes Panorama von Schuld, Rache, Liebe und der Heilkraft der Literatur. | © Foto: Andreas Zobe

Kultur Eine Geschichte von Liebe und Schuld

Neurscheinung: Die Bielefelder Autorin Susan Kreller legt ihren ersten Roman für erwachsene Leser vor. „Pirasol“ – die fein gewobene Lebensgeschichte einer alten Dame – kommt am 1. August in den Handel

Heike Krüger

Bielefeld. Der Ort des Zusammentreffens mit der Autorin ist mit Bedacht gewählt. „In Kaufhausrestaurants und Cafés, die nicht so hip sind, finde ich Anregungen für meine Geschichten“, sagt Susan Kreller und nimmt einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. Dort, wo die „ganz normalen“ Leute anzutreffen sind, man unfreiwillig Ohrenzeuge von Gesprächen wird, die manchmal ganze Panoramen im Kopf entstehen lassen. Wo Sätze fallen wie „Pass auf das Haus auf. Der Junge kommt zurück“, mit dem Krellers neues Werk „Pirasol“ beginnt, das am 1. August erscheint. Es ist der erste für Erwachsene geschriebene Roman der Schriftstellerin, die 2015 für ihr Buch „Schneeriese“ den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt. Den Satz mit dem „Jungen“ hatte die Bielefelder Autorin vor Jahren in einem Café in Kleve aufgeschnappt – und notiert. Unter ihrer Sammellust müsse ihre Umgebung manchmal leiden. Etwa dann, wenn sie einen Redefluss unterbricht für Notizen: „Irgendwie bin ich immer im Dienst“, sagt sie und lacht.»Mich interessiert, warum Menschen so sind, wie sie sind« Aus dem Klever Gesprächsfetzen entstand die Geschichte der 84-jährigen Gwendolin, einer stillen, allzu duldsamen Frau, deren Erstarrung und Traurigkeit Ergebnis eines bewegten Lebens in geschichtsträchtigen Zeiten sind. Deren Dasein seit frühester Jugend im kriegszerstörten Berlin seltsam fremdbestimmt ist und dahinzuplätschern scheint. Die alte Dame ist Alleinerbin der Villa „Pirasol“ in einer süddeutschen Kleinstadt, die sie mit ihrem Mann, einem promiskuitiven Papierfabrikanten, bis zu dessen frühem Tod bewohnt hatte. Doch Gwendolin hat immer noch ein Problem: Das heißt Thea, ihre dominante, 15 Jahre jüngere Mitbewohnerin, die immer übergriffiger wird gegenüber der Witwe und deren Vermögen. Plötzlich wird im Städtchen kolportiert, dass „der Junge zurück sei“, Gwendolins vor Jahrzehnten vom Vater verstoßener Sohn. Die Bedrohung schlechthin für Thea und ihre feindlichen Übernahmepläne. Nun rüstet Thea auf, verwandelt die Villa in einen Hochsicherheitstrakt, was Gwendolin jede Bewegungsfreiheit nimmt. Ein Anlass für sie, sich zu erinnern: an ihre behütete Kindheit mit den kunstsinnigen Eltern in Berlin, deren Verschwinden in den Wirren des Naziterrors, an den Hunger und die ständige Furcht in der Nachkriegszeit, die unglückliche Ehe mit dem despotischen Papierkönig, der ihr schließlich den Sohn nimmt. Susan Krellers Schreibstil ist knapp und präzise. Nie lässt sie sich dazu verleiten, seitenlange, detaillierte Beschreibungen abzuliefern. Ihre Themen, die Hintergründe einer Figur, selbst die Ungeheuerlichkeiten, die Menschen einander zufügen, entwickeln sich in knappen Nebensätzen, in Andeutungen, in abrupten Kehrtwendungen. „Mich interessiert, warum Menschen so sind, wie sie sind“, erklärt Susan Kreller. Sie liebt es, die psychologischen Untiefen einer Figur herauszuarbeiten. Selbst die Übelsten unter ihren Protagonisten behalten so eine Portion Menschlichkeit. In „Pirasol“, wie schon im Jugendbuch „Elefanten sieht man nicht“ geht es zudem um Gewalt in ihren unterschiedlichen Ausprägungen: neben der rohen physischen und der flächendeckenden des NS-Terrors, sind das der Psychoterror des Papierfabrikanten Willem und Theas perfides Doppelspiel aus Rache. Auch für die seltenen liebevollen Momente findet Kreller in „Pirasol“ passgenaue, unverbrauchte Worte. Aha-Erlebnisse gibt es viele bei der Lektüre dieses Buchs. Hinter mancher sprachlichen Wegbiegung lauert eine neue Verwirrung, die später aufgelöst wird und sich als weiterer Baustein erweist zum Verständnis des Plots.»Man ist nie zu alt,um dem Leben eine Wende zu geben« Virtuos balanciert Kreller zwischen den Zeitebenen: Eben noch spielt die Handlung im Nazi-verseuchten Berlin (im Buch meidet sie konsequent den Begriff, nennt die Nazis die „Verirrten“), schon befindet man sich in den Jahren des RAF-Terrors, dann in der Jetztzeit. Damit gelingt Kreller eine sehr plastische Darstellung von Gwendolins assoziativem Gedankenfluss. Um große Themen geht es auch: Schuld, Gewalt, Liebe und Einsamkeit, um die Heilkraft der Literatur. Und darum, dass man nie zu alt ist, um seinem Leben eine Wende zu geben. Kreller: „Gwendolin, das Mägdelein, die sich zwar immer schon auf ihre stille Art gewehrt hat, tut das jetzt zum ersten Mal konsequent und kompromisslos.“ Eine Art Storyboard entwickelt die Autorin, wenn sie einen Roman plant. „Sonst würde ich die vielen Stränge nicht zusammen bekommen.“ Auch dass sich das Werk um eine alte Dame drehen sollte, war von langer Hand geplant. „Ich habe mich schon immer gut mit alten Menschen verstanden, sie stecken ja auch irgendwie in jedem von uns“, sinniert sie. Zwei Jahre hat die Autorin den Menschen in einem Bielefelder Seniorenheim Auszüge vorgetragen, zugehört, sich beraten lassen. Die Senioren haben ihr Anregungen gegeben, Nicht-Stimmiges korrigiert, sie bestärkt in ihrem Tun. Ehrensache, dass sie das Buch den Bewohnern des Ernst-Barlach-Hauses widmet. Auch in der Gedenkstätte Sachsenhausen war sie, um das Schicksal von Gwendolins Vater so authentisch wie möglich zu skizzieren. Und sie hat gelernt, dass für viele Zeitzeugen die ersten Nachkriegsjahre mit der Zerstörung, der Scham und dem bohrenden Hunger fast so schlimm waren wie der Krieg selbst. Ein Happy End dürfe man bei ihr nicht erwarten, sagt sie. Wohl aber einen Schluss, der Hoffnung macht: „Gwendolin lernt, ihre Traurigkeit zu verstehen, sie anzunehmen.“ Kreller will die Botschaft senden, dass man Schlimmes überstehen kann, wenn man nur ein paar Menschen hat, die einem beistehen. Susan Kreller (40) wurde 1977 in Plauen (Sachsen) geboren. Studium der Germanistik und Anglistik; Promotion über deutsche Übersetzungen englischsprachiger Kinderlyrik. Sie schreibt seit sie 16 Jahre ist, u.a. Jugendbücher, Kurzgeschichten, eine Gedichtanthologie und Radio-Hörgeschichten für Kinder, z.B. für den WDR- „Ohrenbär“. Etliche Förderpreise, ein Stipendium, Auszeichnungen. „Elefanten sieht man nicht“ wurde 2012 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Für „Schneeriese“ hat sie ihn 2015 bekommen. Susan Kreller, auch Jurymitglied des Leseförderpreises dieser Zeitung, lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter Nelly (10) seit 2009 in Bielefeld.

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