Autorenteam: Annette Sandrock (77) und Wolfgang Neumann (73) legen ihren Krimi „Üble Nachrede!“ vor. - © Foto: Wolfgang Rudolf
Autorenteam: Annette Sandrock (77) und Wolfgang Neumann (73) legen ihren Krimi „Üble Nachrede!“ vor. | © Foto: Wolfgang Rudolf

Kultur Blick hinter die Biedermann-Fassade

Neuerscheinung: Das Autorenteam Wolfgang Neumann/Annette Sandrock legt seinen zweiten Psychokrimi vor. Der Band mit vielen Bezügen zur Region dreht sich um christlichen Fundamentalismus

Heike Krüger

Bielefeld. Sie haben es wieder getan: Das Autorenduo Wolfgang Neumann und Annette Sandrock legt seinen zweiten Regionalkrimi vor. Zweieinhalb Jahre nach dem Erstling „Tödliche Heilung" ist jetzt „Üble Nachrede!" erschienen, wiederum im dgvt Verlag Tübingen. Und wieder spielt sich die Handlung im Ostwestfälischen ab. Die Städte, Schauplätze und markanten Orte sind für in der Region Verwurzelte schnell wiederzuerkennen. Und wieder, das ist der Diplompsychologe und niedergelassene Psychotherapeut Wolfgang Neumann seiner Profession schuldig, ist die Motivation zu den kriminellen Machenschaften der Protagonisten eng verzahnt mit deren Kindheitsgeschichte. „Jeder von uns trägt auch Böses in sich. Jeder hat etwas, das er unbedingt verschleiern möchte", ist Neumann überzeugt und erlebt das auch immer wieder bei seiner Arbeit als Therapeut. Es komme darauf an, wie reflektiert Menschen mit ihrer Geschichte umzugehen wüssten. Dies entscheide darüber, ob und wie sich negative Auswirkungen von Prägungen oder Ängsten aus der Kindheit Bahn brechen. Die drei Hauptfiguren, so unterschiedlich sie sind, seien alle „in ihrer Kindheit zu kurz gekommen". »Pure Schreiblust« führt zu Abstechern in die Belletristik Diente im ersten Krimi das Erbe der NS-Zeit als Grundierung, so dreht sich im aktuellen Band vieles um religiösen Fanatismus. Nicht der islamistische ist gemeint, der derzeit überall thematisiert wird. Das Bielefelder Autorenteam hat sich Verirrungen im Namen des Christentums vorgenommen. Die adrette Stadt Lemgo ist ein Schauplatz, der bei den Hexenverfolgungen im Mittelalter eine zentrale Rolle spielte. Bis heute, so Neumann, sehe man der Stadt mit ihren historischen Häuserfassaden und dem Hexenbürgermeisterhaus samt Folterkammer dieses Kapitel an. Die Autoren haben wieder immense Zeitsprünge eingebaut. So geht die Reise von den brennenden Scheiterhaufen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit zur erdrückenden, radikal-evangelischen Prägung einer der Hauptfiguren durch seinen Vater, der Pfarrer war. Schließlich öffnet die Beschreibung des sektiererischen Fanatismus’ einer calvinistischen Christenvereinigung in Holland, auf die sich die Hauptfiguren berufen, den Blick auf eine beklemmende Aktualität. „Wir haben vor unserer eigenen Türe zu kehren", begründet Neumann den Bezug zur radikal-calvinistischen Lehre, zu bestimmten Ausprägungen des Christentums. Damit der Krimi bei allem Psychologischen noch Krimi bleibt, haben die beiden Autoren ihre Geschichte um die Häufung von Überfällen auf junge Frau herumgestrickt. Als eine Tote gefunden wird, nehmen die Bielefelder Kommissare Annette Sasse und Otto Johanningmeier die Ermittlungen auf. Unterstützt werden sie von ihrem Freund, dem Psychotherapeuten Dr. Rainer Sauer. Das Einflechten persönlicher Details der Ermittler hat sich bei Krimis bewährt. Dass in die Geschichte des Rollstuhlfahrers Dr. Sauer Autobiografisches eingeflossen ist, dementiert Neumann nicht. „Das ist für mich das Salz in der Suppe. So kann ich mich in der Figur noch mal persönlich ausbreiten", sagt der 73-Jährige schmunzelnd. Seine Aufgabenteilung hat das Duo nach dem Verfassen des ersten Bands beibehalten: Wolfgang Neumann ist der Haupt-Ideenlieferant und zuständig für psychologische Hintergründe. Annette Sandrock (77), pensionierte Grundschullehrerin, achtet darauf, dass die Geschichte „plausibel, die Handlung stringent ist und dass sich keine Rechtschreibfehler einschleichen". Der Titel „Üble Nachrede" basiert übrigens auf dem folgenschweren Phänomen des Rufmords, der im Plot des Krimis eine zentrale Rolle spielt. Ohne den anderen, beteuern beide, könne keiner so einen Krimi schreiben. Jeder bringe seine Stärken ein. Neumann, der im selben Verlag Psychologie-Fachbücher veröffentlicht hat, treibt „pure Schreiblust" an bei seinen Abstechern in die Belletristik. Neben der genauen Betrachtung der Charaktere, findet er die Zeitsprünge reizvoll, die Parallelen offenbaren. Bei allem Martialischen im Plot lugt viel Ironie hindurch. Humor schaffe Distanz zum Geschehen, sagen die Autoren. Der dritte Band ist bereits in Arbeit. Darin werden sie dann doch das strapazierte Thema „Flüchtlinge" aufgreifen. Vermutlich finden Neumann und Sandrock auch hier einen Aufhänger und historische Bezüge, die für unterschiedliche Perspektiven sorgen. Die erste öffentliche Lesung aus „Üble Nachrede!" ist am Dienstag, 11. Juli, um 20 Uhr in der Buchhandlung Mondo, Elsa-Brandström-Str. 23. Begleitet wird der Abend vom Saxophonisten Andreas Gummersbach, der Krimimusik spielt. Der Eintritt ist frei, am Ausgang wird um eine Spende gebeten. Eine zweite Lesung findet am Freitag, 29. September, um 20 Uhr in der Capella hospitalis, Teutoburger Str. 50, statt.

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