Geschafft: Am vergangenen Freitag verkleideten sich 676 britische Grundschüler und malten sich blitzförmige Narben auf die Stirnen, um einen Weltrekord im Guiness Buch der Rekorde zu brechen. Mit Erfolg. Sie sind jetzt die größte Gruppe Menschen, die sich als Harry Potter verkleidet haben. - © Foto: Danny Lawson/dpa
Geschafft: Am vergangenen Freitag verkleideten sich 676 britische Grundschüler und malten sich blitzförmige Narben auf die Stirnen, um einen Weltrekord im Guiness Buch der Rekorde zu brechen. Mit Erfolg. Sie sind jetzt die größte Gruppe Menschen, die sich als Harry Potter verkleidet haben. | © Foto: Danny Lawson/dpa

Kultur 20 Jahre Hype um Harry Potter

Literatur: Die Fantasy-Bücher von Joanne K. Rowling lösten eine kleine Kulturrevolution aus. Bis heute wurden weltweit 450 Millionen Bücher über den Zauberlehrling verkauft

Welf Grombacher

Düsseldorf. Der fünfte Band „Harry Potter und der Orden des Phönix" war noch nicht ausgeliefert, als am Vormittag des 15. Juni 2003 gegen halb elf Uhr englischer Zeit bei Newton-up-Willows in der Nähe von Manchester ein Laster beladen mit 7.000 Exemplaren spurlos verschwand. Am nächsten Nachmittag fand ihn die Polizei zehn Meilen entfernt. Ohne Ladung. Die Bücher sind bis heute nicht gefunden worden. Ob ein findiger Ganove den Lastwagen klaute, um die Bücher teuer im Internet zu verkaufen? Oder ob der Diebstahl nur ein Versehen war und die Kriminellen es eigentlich auf Whiskey und Zigaretten abgesehen hatten? Tagelang spekulierten die Zeitungen, was es mit dem Bücher-Raub auf sich hatte. Die Episode zeigt, was für einen Hype Harry Potter losgetreten hat. „Mich hat das Ganze genauso überrascht wie alle anderen", sagte die Autorin J.K. Rowling. Die damals 25-Jährige hatte auf einer Bahnfahrt von Manchester nach London die Idee zu Harry Potter, der sie zur Multimillionärin machen sollte. Den ersten Band schickte die arbeitslose, alleinerziehende Mutter an Verlage und erhielt eine Ablehnung nach der anderen. Anfang der 1990er Jahre ging es in Kinderbüchern nur um das wirkliche Leben. Fantasy war verpönt. Kinder sollten beim Lesen etwas lernen. Zumal es mit gut 300 Seiten für Jugendliche noch „viel zu dick" war, zu britisch, um sich auch in Amerika zu verkaufen. Die Lektorin im Bloomsbury Verlag, in dem Harry Potter in England erschien, musste Smartie-Rollen ans Manuskript heften, damit ihre Kollegen es überhaupt anschauten. Bedürfnis nach Zauberhaftem in der vom Realismus gesättigen Kinderbuchwelt Der erste Band „Harry Potter und der Stein der Weisen" erschien in England am 26. Juni 1997 und verkaufte sich ganze 107 Millionen Mal. Anfangs gab es noch Erwachsenen-Ausgaben mit seriöseren Buchdeckeln, so dass man sich in der U-Bahn nicht blamierte. Es war das erste Kinderbuch, das es bis an die Spitze der New York Times Bestsellerliste brachte. Als dann im Jahr 2000 alle vier Bände die ersten Positionen belegten, führte die Times eine eigene Kinderbuch-Bestsellerliste ein, um anderen Büchern noch eine Chance zu lassen. Harry Potter hatte so auch Mediengeschichte geschrieben. Was aber hat dieser kleine Zauberer an sich? Dass J.K. Rowling mit ihrer Fantasy-Saga ein Bedürfnis in der vom Realismus gesättigten Kinderbuchwelt bediente, ist ein wichtiger Faktor. Schon vor Harry Potter stieg Mitte der 90er Jahre der Verkauf und die Zahl der Kinderbuchtitel an, was vor allem auf technische Entwicklungen im Computerbereich zurückzuführen war. Durch DVDs, Videos und Merchandising erreichten auch Bücher mehr Käufer. Verlage schlugen Kapital aus der Multimedialität. Als Harry Potter das Licht der Welt erblickte, kam das Internet dazu. Das erleichterte nicht nur das Merchandising, sondern machte es Fans möglich, übers Netz miteinander zu kommunizieren. Internetseiten wie Leaky Cauldron oder Hogwarts Online schossen aus dem Boden. Inzwischen schreiben Fans die Saga weiter Die Verlage, vor allem aber der Riese Warner Bros, der 1999 die Filmrechte gekauft hatte, warfen ihre Merchandising-Maschinen an. Dazu kam eine Vielzahl von Geschäftstüchtigen, die glaubten, vom großen Potter-Kuchen ein Stück ab haben zu können und ohne Lizenz Fanartikel produzierten. Bald gab es Harry-Potter-Klopapier und für Jungs Unterhosen, die mit dem Hogwarts-Wahlspruch „Draco dormiens nunquam titillandus" („Kitzle nie einen schlafenden Drachen"!) bedruckt waren. Natürlich ließen sich die Werbeabteilungen immer etwas Neues einfallen. Indem der Verlag den Verkaufsstart ab dem vierten Band auf 0.01 Uhr legte, sorgte er nicht nur für Schlangen vor Buchhandlungen, sondern machte das Erscheinen zu etwas Besonderem, einem Fest, das Fans weltweit verkleidet zelebrierten. Die Buchhändler mussten zwar Sonderschichten schieben, waren aber trotzdem nicht böse, sahen sie in diesen Events doch einen Vorteil den großen Online-Händlern gegenüber, bei denen sich ein Buch nicht nachts kaufen ließ. Konferenzen, Kongresse und Symposien zu Harry Potter wurden abgehalten. Sogar eine eigene Musikrichtung entstand. Ab 2002 etablierten Bands wie Harry And The Potters, The Butterbeer Experience oder Justin Finchley & The Sugar Quills den „Wizard Rock" und trugen Kostüme der Romanfiguren auf der Bühne. Und: Quidditch wurde zu einer Sportart im echten Leben. Die Spieler bleiben allerdings auf dem Boden. Info: 450 Millionen Buchexemplare rund um das Zauberinternat wurden in 200 Ländern verkauft – in Deutschland mehr als 33 Millionen Mal. Aus sieben Potter-Büchern wurden acht Filme. Mit „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" ist eine weitere Filmreihe am Start. Vier weitere Folgen sind geplant. 2016 wurde das Theaterstück „Harry Potter und das verwunschene Kind" in London uraufgeführt. Das Skript wurde ein Bestseller. Rowling gründete die Website Pottermore.com. Mit Harry-Potter-Spielzeugen und Ähnlichem wurden umgerechnet 6,5 Milliarden Euro umgesetzt. Die Universal-Studios gründeten mehrere „Harry Potter"-Themenparks.

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