"Das Helfen braucht selbst Hilfe, sonst geht es als kulturelle Errungenschaft verloren." - © dpa
"Das Helfen braucht selbst Hilfe, sonst geht es als kulturelle Errungenschaft verloren." | © dpa

Kultur Interview: Tillmann Bendikowski beleuchtet in seinem Buch das Phänomen des Helfens

Der Historiker und Publizist (51) sagt: "Mitleid ist eine stabile Gefühlsgröße"

Anke Groenewold

Bielefeld. Der Historiker Tillmann Bendikowski kommt in seinem neuen Buch zu dem Fazit: „Das Helfen braucht selbst Hilfe, sonst geht es als kulturelle Errungenschaft verloren." Das Madigmachen von Hilfe im Zusammenhang mit Flüchtlingen war Grund für ihn, das Phänomen genauer zu betrachten. Herr Bendikowski, Sie sagen, dass die Kultur des Helfens ein Gradmesser für den Zustand der Menschlichkeit in einem Land ist. Wo befinden wir uns Ihrer Meinung nach auf einer Skala von eins bis zehn? Tillmann Bendikowski: Eine Zahl zu nennen, fällt mir schwer, aber die deutsche Gesellschaft ist besser als ihr Ruf. Das ist das Ergebnis der Erfahrung der letzten zwei Jahre. Die Kultur des Helfens hat Konjunkturen – im Moment muss sie mit dem Rückzug des Sozialstaats eine Krise bewältigen – aber sie ist erstaunlich stabil und zeigt trotz der hässlichen Vorfälle, die es gibt, dass unsere Gesellschaft im Moment eine ausgesprochen stabile Situation hat. Die große Bereitschaft im Jahr 2015, Flüchtlingen zu helfen – Sie nennen es „humanitäres Sommermärchen" – war Impuls für Sie, das Helfen näher zu beleuchten. Doch je länger das Engagement der Freiwilligen dauerte, desto madiger wurde es gemacht. Warum? Bendikowski: Das fand ich sehr spannend. Der Spiegel brachte ein Titelbild von der Bundeskanzlerin als „Mutter Angela". Da hab ich mich gefragt: Um was geht es hier eigentlich? Das Madigmachen des Helfers war für mich ein Indikator, genauer hinzuschauen: Warum wird Hilfe geleistet, wie wird sie geleistet, und wie wird das wahrgenommen und kommentiert? Die Denunzierung des Helfers muss uns erschrecken, denn wo den Leuten das politische Argument ausgeht, greifen sie zur Denunzierung. Helfer zu beschimpfen, ist einer der infamsten Dezivilisationsmechanismen, die es momentan gibt. Die Wahl des „Gutmenschen" zum Unwort des Jahres drückt das ja sehr schön aus: der Helfer als Naivling, als unrealistischer Zeitgenosse, das ist die Spitze dieser Denunzierung. Hat es das in dieser Schärfe schon einmal gegeben? Bendikowski: Nein, das ist neu und muss uns auch bedenklich stimmen. Was mich wiederum hoffnungsfroh stimmt, ist, dass die heftigen, ehrabschneidenden Vorwürfe die meisten Helfer für Flüchtlinge nicht tangiert zu haben scheinen. Die sammeln heute noch an den Schulen und Kindergärten oder geben Sprachkurse. Sie schätzen die Aussichten für das Helfen eher schlecht ein. Bendikowski: Die Kultur des Helfens ist stabil, aber sie ist nie ungefährdet. Ich habe das Beispiel des „Dritten Reichs" auch deshalb angeführt, um zu zeigen, dass die Firnis der Zivilisation sehr dünn ist. Wir können am Helfen sehr gut sehen, ob uns Gefahr droht. Wenn Leute ihre Altkleider abgeben und sagen, dass sie die nur für deutsche Obdachlose geben und nicht für nichtdeutsche Obdachlose, dann ist das genau der Riss, wo wir erschrecken müssen. Wer beim Helfen anfängt zu segmentieren, wer rassistisch, politisch oder ideologisch ist, legt das Beil an den Baum der Zivilisation. Hilfe muss voraussetzungslos sein, sie muss gleich sein oder zumindest das Motiv der Gerechtigkeit in sich spüren. Was sind optimale Voraussetzungen für eine Kultur des Helfens? Bendikowski: Es braucht zum einen eine Tradition mit Vorbildern. Außerdem gedeiht freies Helfen nur in einer freien Gesellschaft. Und in hohem Maße spielt auch Erziehung zum Helfen eine Rolle. Die Familie ist die erste Schule des Helfens. Aber neben der Familie stehen Verbände, Vereinsstrukturen, Nachbarschaft und Öffentlichkeit in der Verantwortung. Wie wirkt sich denn der Abbau des Sozialstaats auf das Helfen aus? Bendikowski: Wo sich der Staat aus seiner Unterstützerrolle verabschiedet, soll die freiwillige und ehrenamtliche Hilfe die Löcher stopfen. Auch wenn die Politik zahlreiche Maßnahmen zur Förderung der Ehrenamtlichkeit lanciert und bürgerschaftliches und soziales Engagement wie nie zuvor in der deutschen Geschichte eingefordert wird: Die Grenzen dieser Art Hilfe sind deutlich erkennbar. Bei der Not der Familien, gerade von Alleinerziehenden oder sozial Schwachen, können ehrenamtliche Helfer im Einzelfall helfen, aber strukturelle, erwartbare Hilfe kann das Ehrenamt hier nicht bieten. Menschen helfen aus unterschiedlichen Motiven. Ein Beweggrund ist Egoismus, das gute Gefühl, das die gute Tat beim Helfer selbst auslöst. Bendikowski: Ja, und was ist daran schlimm? Es ist eigentümlich: Das Helfen setzt sofort eine Beobachtung und Kommentierung frei. Das kann unterschiedliche Gründe haben: eigenes schlechtes Gewissen, misanthrope Grundveranlagung oder politische Gründe. Wir tun uns unheimlich schwer damit, die Motive des Helfers einfach stehen zu lassen. Das hat dann viel mehr mit dem Kommentator zu tun als mit dem Helfer. Dem Hilfeempfänger ist das Motiv auch völlig gleichgültig, so lange er nicht in Abhängigkeit gerät. Kommen wir noch einmal auf die Vorbilder zurück: Sie schlagen den Bogen vom barmherzigen Samariter über Florence Nightingale und Friedrich v. Bodelschwingh bis Rupert Neudeck. Bei den Ikonen überwiegen die Männer, im Alltag eher die Frauen. Bendikowski: Es gibt kein Helfer-Gen, männlich oder weiblich. Gleichwohl gibt es Bereiche, die weitgehend in Frauenhand sind. Das ist vor allem die Pflege von Angehörigen, bis hin zu der Dreifachbelastung von Müttern, die eine Elterngeneration pflegen, selbst berufstätig sind und Kinder im eigenen Haus haben. Das ist eine Generation Helferinnen, die wir gerade schreddern. Das ist ein klassisches Beispiel für die Grenzen des Helfens im individuellen Bereich. Die Erwartungen an die Frau sind enorm hoch. Das sind Rollenbilder, die unter anderem durch die christliche Krankenpflege verankert wurden. Das Wort „Verrohung" geistert durch die Medien. Schwindet das Mitleid, eine Voraussetzung des Helfens? Bendikowski: Wir wissen als Historiker, dass Gefühle Konjunkturen haben. Das Mitleid erscheint mir aber eine stabile Gefühlsgröße zu sein. Wenn etwas in der Fußgängerzone passiert, bleiben Menschen stehen. Nicht alle gehen vorbei. Im Dezember werden 20 Prozent der jährlichen Spendenumsätze gemacht. Das kann man albern finden, aber das ist seit dem Mittelalter eine stabile Form – auch in einer Gesellschaft, die in weiten Teilen nicht mehr christlich ist. Es gehört dazu, Almosen zu geben, und die gibt man auch in Mitleid. Wo kein Mitleid mehr ist, wird Menschlichkeit aufgekündigt. Die Frage ist, was dem Mitleid folgt. Es ist eine Voraussetzung des Helfens, aber Mitleid ohne Hilfe ist Demütigung.

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