Kultur Martin Mosebach stellte seinen aktuellen Roman „Mogador“ vor

Kostproben für erfahrene Leser

Antje Doßmann

Bielefeld. Seit sich Martin Mosebach Anfang der 80er Jahre dazu entschlossen hat, die anvisierte Laufbahn als Jurist an den Nagel zu hängen und stattdessen zu schreiben, ist er ein „Vollblutliterat“. Als solchen titulierte ihn Maria Kublitz-Kramer als Vertreterin der „Literarischen Gesellschaft“, als sie den mit seinem aktuellen Roman „Mogador“ im Gepäck aus Frankfurt angereisten Gast in der Stadtbibliothek vorstellte. Und traf damit ins Schwarze. Mosebach ist nicht nur ein mit den wichtigsten deutschen Literaturpreisen ausgezeichneter Vielschreiber, sondern auch und vor allem einer, der mit Leib und Seele bei der Sache ist. Mit Herz und Verstand, weit offenen Ohren, großen Augen und zunehmend vergeistigter Sinnlichkeit, die jedoch ironische Distanz wahrt, wo es nötig ist. Einer, der manchmal aneckt im öffentlichen Diskurs, weil er sich nicht scheut, seine umfassende Belesenheit als wertekonservative Waffe einzusetzen. Besonders was ethische, was moraltheologische Fragen betrifft.Orient und Okzident sind so verschieden gar nicht Aber auch einer, der zu einer Feinheit der Wahrnehmung und Präzision der Beschreibung fähig ist, die hierzulande ihresgleichen sucht. Dazu gesellt sich als Spezifikum seines literarischen Schaffensprozesses ein langes, ebenso gewissenhaftes wie lustvolles Eintauchen in die jeweiligen Schauplätze seiner Romane. Kurz: Der Mann weiß, wovon er spricht, wenn er wie in „Mogador“ eine marokkanische Stadt schildert anhand der Farben, Geräusche, Düfte, die es dort gibt, und anhand der Eigenarten der Menschen, die dort leben. Weil er selbst da gewesen ist, längere Zeit am Ort des Geschehens verbracht hat. Solange, bis auch das „bösartige Geschwätz“, das es überall auf der Welt gäbe, wie er mit einigem Vergnügen berichtete, an sein Ohr dringen würde. Und dies wäre dann oft die Geburtsstunde eines neuen Romans. Auch „Mogador“, der sein elfter Roman ist, besticht mit großer atmosphärischer Dichte. Ebenso wie mit einem Humor, der so unverwüstlich und von eigener Anmut scheint wie der „Schwarm“ Plastikflaschen im Meer, dem der Autor an einer Stelle der im Milieu dubioser Geldgeschäfte spielenden Geschichte seine gesammelte Aufmerksamkeit und ganze Schreibkunst widmet. Faszinierend und beinahe tröstlich, wie es ihm sprachlich gelingt, aus dem durch und durch negativ besetzten Bild des anorganischen Plastikmülls ein auf eigene Weise schönes schwimmendes Meereswesen zu kreieren. Politisch korrekt ist das natürlich nicht. Das müsste ein Schriftsteller zum Glück aber auch nicht sein, behauptete Mosebach selbstbewusst. Seine in vier Abschnitte gegliederte Vorstellung des Romans, der, wie Maria Kublitz-Kramer anmerkte, auch eine Art kunstvolles Spiegelkabinett ist, gewährte spannende Einblicke in die Begegnung zweier Kulturen. Dabei sind, wie „Mogador“ lehrt, Okzident und Orient, Glaube und Aberglaube, Bürokratie und Korruption so verschieden gar nicht, wie wir oft meinen. Doch was es an Differenzen in der Lebensgestaltung noch zu beobachten gäbe, wollte er niederschreiben, solange die egalitär werdende Welt diesen Stoff noch hergäbe, bemerkte Martin Mosebach am Ende trocken. Bevor er sich mit „Fahrrad-Glück“, einer hinreißenden „Bagatelle“ aus dem ebenfalls 2016 erschienenen Band „Das Leben ist kurz“ von den Zuhörern in Bielefeld verabschiedete.

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